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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-04-02 · 14 (2.4.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
14 (2.4.1909)
Date
1909-04-02
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Dt. Blochs Wochenschrift. Nr. 14 Geite^240 Nein, auf diese Weise wird das Problem kaum gelöst werden. Ebensowenig können alle anderen, einseitig unternommenen Versuche zum Ziele führen. Die vom Wiener Kultusvorstande eingeführten Lehrerkonferenzen sind gewiß eine schöne Sache, die daselbst geleistete pädagogische Kleinarbeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Aber was frommt sie, wenn dabei die Rechnung ohne den Wirt gemacht wird? Wenn wir Buchstaben und Verse zählen, Lehrpläne entwerfen, Methoden ändern, „ein kleines hier, ein kleines dort, ein wenig da, ein geringes dort" und das Große und Ganze außer acht gelassen wird? Als Rabban Iochanan ben Zakkai von seinen Schülern befragt wurde, welche Bewandtnis es mit der Vorschrift der „roten Kuh" habe, erwiderte er: „Bei euerem Leben, der Tote macht nicht unrein, das Wasser macht nicht rein, es ist ein Gesetz"?) Aehnlich kann in unserem Fall gesagt werden: Nicht das Zeremonialgesetz und die hebräische Grammatik, auch nicht der mangelhafte Lehrplan — die grundsätzliche Verschiedenheit der Richtung und Auffassung zwischen Schule und Haus ist der Punkt, an dem das Problem des jüdischen Religionsunterrichts sich wendet. Ein palästinensischer Dattelbaum wird, in ein russisches Kartoffelfeld verpflanzt, trotz der sorgfältigsten Pflege nicht gedeihen, ebenso wird ein selbst nach allen Regeln der Pädagogik geleiteter Religionsunterricht auf eine nachhaltige Wirkung solange verzichten müssen, als er der Atmosphäre entzogen bleibt, in der allein er gedeihen kann: dem Elternhaus. Wenn in der Sprechstunde die besorgten Väter und Mütter bei mir erscheinen, habe ich und gewiß auch meine Kollegen das Gefühl, von manch einem als bitterbösen Feind gehalten zu werden, der sein armes Kind mit unnützen, für das Leben völlig unbrauchbaren Dingen belästigt. — Das muß aufhören. Hier sollte der Hebel angesetzt und der alten biblischen Vorschrift: „Und man soll das Haus reinigen", Geltung verschafft werden. 2m Elternhaus muß der Boden wieder urbar gemacht werden, auf dem nicht nur eine klare Verständigung mit dem Religionslehrer, sondern auch ein richtiges Verständnis für die im Namen unserer Religion gestellten pädagogischen Anforderungen möglich erscheint. Das kann freilich nicht über Nacht und insbesondere nicht durch einseitige Maßregeln geschehen, vielmehr nur im Wege langjähriger, gemeinschaftlicher Beratungund Belehrung, wechselseitigen Gebens und Empfangens seitens der beiden gleichberechtigten Faktoren, Schule und Haus, erzielt werden. Schulfragen werden heutzutage nicht mehr von Fachleuten allein erörtert, die Eltern legen Gewicht darauf, bei allen das Schicksal ihrer Kinder berührenden Fragen selbst gehört zu werden. — DiHe Erkenntnis hat in England zur Schaffung einer Einrichtung geführt, die in jüngster Zeit auch in Deutschland und Oesterreich Eingang gefunden und unter dem Namen „Elternabende" allgemein bekannt ist. Es sind dies von der Schulleitung veranstaltete Zusammenkünfte, in welchen Eltern und Lehrer in freundschaftlicher, auf Takt und Freimut begründeter Beratung ihre gegenseitigen Interessen, gerade dadurch aber am wirkungsvollsten das Interesse ihrer Kinder wahrnehmen. Wenn daselbst die Eltern durch belehrende und aufklärende Vorträge über Erziehungs- und Unterrichtsfragen im allgemeinen und den Lehrbetrieb der betreffenden Schule im besonderen seitens der Lehrer belehrt werden, so ist in der darauffolgenden Diskussion den ersteren Gelegenheit geboten, die berechtigten Forderungen des Hauses zu betonen und dadurch beide Teile vor Einseitigkeit und Voreingenommenheit zu bewahren. Je schärfer die gegensätzlichen Anschauungen zutage treten, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß aus dem *) Bergt. Zalkttt zu IV B. M. Kap. XX. Gewirr der aufeinanderstoßenden Meinungen klare und feste Anschauungen über das Notwendige und zugleich Erreichbare hervorgehen. Das oberste Ziel dieser Beratungen aber ist, das im Interesse der Schüler notwendige Vertrauen zwischen Schule und Haus zu festigen, beide Teile mit dem Bewußtsein zu erfüllen, daß sie aufeinander angewiesen sind und nicht als Feinde, vielmehr nur als treue Bundesgenossen Glück und Heil der Schüler am wirksamsten fördern. Wie wäre es nun, wenn ein verehrlicher Vorstand der Wiener Kultusgemeinde sich entschließen wollte, in den Kreis seiner segensreichen, pädagogischen Institutionen die der „jüdischen Elternabende" aufzunehmen. Die Religion Israels braucht die Publizität wahrhaftig nicht zu scheuen, war sie doch zu keiner Zeit das Privileg besonderer Kasten und Klassen, vielmehr stets Sache des Volkes gewesen. Wenn vorerst weiter nichts erreicht wäre, als daß in allen Wiener Bezirken allmonatlich wenigstens einmal an der Hand instruktiver, von ehrlicher Begeisterung burchglühter Vorträge über die wichtigsten ethischen und pädagogischen Fragen des Judentums eine Diskussion in Fluß geraten sollte, — dieses Resultat allein schon würde einen großen Fortschritt gegenüber dem jetzigen Zustand totaler Indolenz bedeuten. Sicherlich aber wäre dies nicht alles. Denn, wie der Landmann nicht weiß, welches von den Saatkörnern, die er in den Boden streut, am üppigsten in die Halme schießen wird, ebensowenig kann bei der Neuschaffung einer geistigen Bewegung festgestellt werden, zu welchen, über den ursprünglichen Zweck hinausgreifenden Gestaltungen sie durch den Lauf der Zeiten getrieben wird. Es ist sonach keineswegs ausgeschlossen, daß durch intensive Belehrung und Aufklärung, eifrige Propaganda, vor allem aber infolge vertrauensvoller Aussprache zwischen Ellern und Lehrern nicht bloß Mißverständnisse beseitigt, Vorurteile beseitigt, Unwissenheiten aufgeklärt, sondern allmählich auch die elternhäusliche Atmosphäre bis zu jenem Wärmegrad gesteigert-würde, der für eine erfolgreiche Wirksamkeit des jüdischen Religionsunterrichtes unerläßlich ist. In dem begrenzten Rahmen dieser Ausführungen ist es schwer möglich, ein ausführliches Programm für die jüdischen Elternabende zu entwerfen, bloß einige Andeutungen und Anregungen sollen hier ihren Platz finden. Der erste Vortragszyklus würde die Notwendigkeit des jüdischen Religionsunterrichtes als Gegenstand der Erörterung wählen. Vom ehrwürdigen Oberrabbiner bis zum jüngsten Supplenten, alle müßten sie herbeieilen und in zündender Rede das alberne aber um so tiefer nistende Vorurteil ausmerzen helfen, daß der jüdische Religionsunterricht eine unnötige Belastung der Schüler sei. Kein Vortrag ist zu lehrreich, keine Begeisterung zu heilig, keine Veredtsamkeit zu zündend und hinreißend, um Israels altbewährte Religion in ihre alten Rechte bei den Vätern und Müttern einzusetzen. Ihnen zu sagen, daß es vielleicht keine Zeit gegeben, in der nach religiöser Belehrung in der Schule ein dringenderes Bedürfnis obwaltete, als die heutige, dawo nicht nur das Leben, sondern auch die Schule im Banne des Materialismus gefangen ist. Jeder Schuldirektor kann bezeugen, daß die durchschnittliche Minderwertigkeit des Schülermateriales in den letzten Jahren ihren letzten Grund in. dem krassen materialistischen Sinn habe, der heute bereits der Kinderstube sich bemächtigt und Eltern und Kinder das Studium nur dort und in dem Fall berechtigt erscheinen läßt, wo Aussicht vorhanden ist, daß die aufgewendete. Mühe und Plage vom Leben durch klingende Münze reichlich entlohnt wird. Je mehr sonach schon in der Schule das Streben zutage tritt, den Blick der Kinder ausschließlich auf das Praktische zu richten, desto größer und erhabener erscheint die Aufgabe des Religionsunter-

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