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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 205 geliefert. Es überkam ihn die Lust, eine Märzparade zu arrangieren und so lud er denn die Obmänner der jüdischen Studentenvereine und Verbindungen in seine Volksbank zu einer Beratung ein. Auf der Tagesordnung stand: Die Märzfeier und — das jüdische Studentenheim. Der Causalnexus zwischen diesen beiden ist ja klar: äo nt des! Ich brauche euere Staffage und ihr braucht Geld. Ihr habt das Eine und ich habe das Andere.. Die Studenten folgten wohl der Einladung Brunners, aber die Versammlung verlief für den Einberufer recht ungemütlich. Der Präses der „Jüdischen Rede- und Lesehalle" stellte bei der Besprechung der Schaffung eines jüdischen Studentenheims unter anderem die Forderung, daß die Anstalt den Namen „Kaiser Jubiläums-Studentenheim" führe, und verwies hiebei darauf, daß selbst die Deutschnationalen keinen Anstand nehmen, dasselbe zu tun. Er brachte ferner den selbstverständlichen Wunsch zum Ausdruck, daß die in dem jüdischen Studentenheim zu errichtende Küche auch jüdisch, das heißt koscher geführt werde. Schließlich bemängelte er es, daß Herr Brunner die ganze Aktion unvernünftigerweise so exklusiv zu gestalten bemüht sei, daß von derselben nicht nur die Kultusgemeinde und die „B'nei B'rith", sondern auch so maßgebende Faktoren des jüdisch-politischen Lebens, wie der Abgeordnete Dr. Mahler, der für diese Angelegenheit schon Manches geleistet habe, geflissentlich ausgeschlossen wären. Diese Ausführungen, die den Beifall des größten Teiles der Versammelten fanden, mußten das demokratische Diktatvrherz Brunners tötlich verletzen. An einen solchen Ton war er bei den „radikalen Zionisten" nicht gewöhnt. Weiters erklärte er, daß er nicht begreife, wie jüdische Studenten im zwanzigsten Jahrhundert an solchen Forderungen festhalten können, und wenn ein solcher „wenig demokratischer" Geist die Studenten beherrsche, dann mögen sie fich an die Kultusgemeinde halten, aber er könne nicht mittun. Auch die Heranziehung anderer Elemente zur Aktion lehnte er mit Entrüstung ab. Machte schon diese Szene und die Art, wie Brunner jede Mitarbeit anderer jüdischer Faktoren an der Schaffung des jüdischen Studentenheims zurückwies, selbst auf die Studenten einen ernüchternden Eindruck — die „Unitas" zog demonstrativ ab — so konnte Lucian dictator bei Besprechung des zweiten Punktes die für ihn betrübende Wahrnehmung machen, daß noch nicht alle unsere jüdisch-nationalen Studenten reif find für Lucianaden. Die meisten der anwesenden Hochschüler haben dem Obmanne der „Lesehalle" nämlich in dem Vorwurfe zugestimmt, daß Lucian Brunner die Märzfeier gerade für Freitag ansetzte und die Fahrt in den jüdischen Friedhof für Samstag bestimmte. Gegen diese Verletzung der Pietät und die vollständig überflüssige Brüskierung der religiösen Gefühle Tausender von Juden mußte protestiert werden. Da hatte die Geduld des Diktators ein Ende. Eine Flut von Zurechtweisungen wegen dieser „Rückständigkeit" ergoß fich über die jugendlichen Häupter. Aus dem Privatissimum, das er diesen Jungjuden erteilte, klang es wieder klar und deutlich heraus, daß er sich schäme, im zwanzigsten Jahrhundert jüdische Studenten zu finden, die nicht geneigt find, den Traditionen des Judentums in einer offiziellen Kundgebung ins Gesicht zu schlagen. Man hörte so recht das Bedauern darüber heraus, daß ihm die Studentenschaft nicht auch jenseits von Anstand und Pietät zu folgen geneigt ist. Es entstand eine recht erregte Debatte, Brunner sah fich um seinen Theatereffekt bei der F r i e d h o f f a h r t gebracht, er klammerte fich an alle möglichen und unmöglichen Argumente, aber der arme Lucian hatte entschieden Pech. Als er nämlich zu dem letzten Auskunftsmittel griff und die neue Weisheit vorbrachte, daß wir schließlich nicht nur Juden und Zionisten, sondern auch Oesterreicher seien, da antwortete ihm einer der Studenten recht treffend, daß Herr Lucian Brunner am 2. Dezember vorigen Jahres Gelegenheit gehabt, sein Oesterreichertum zu bekunden, daß aber die von ihm suvenlionierte und verwaltete „Jüdische Zeitung" fich nicht einmal zu einem Jubiläumsartikel aufzuschwingen vermochte. Die Versammlung endete mit einem Fiasko Lucians des Diktators. Die Kränze, die er für die Gräber der Märzgefallenen bestellt hatte, mußte er am Samstag selbst, in Begleitung von 5—6 Menschen, inklusive seines Hausmeisters, auf den jüdischen Friedhof tragen. Die jüdischen Studenten haben mehr guten Geschmack und Pietät aufgebracht als Lucian, trotz des Brotkorbes, den er in der Versammlung so oft schwingen ließ. Und daß es Brunner mit dem Brotkorb ernst meint, mußte die „Jüdische Rede- und Lesehalle" einige Tage nach diesen Vorfällen an fich selbst verspüren. Die Halle befindet fich in recht prekärer finanzieller Lage. Zwei Mitglieder begaben sich nun zu Brunner, um ihn für die Förderung dieser vollständig unpolitischen Institution zu gewinnen. Da kamen sie aber schlecht an. In unzweideutiger Weise erklärte Lucian, daß, so lange in der Lesehalle der Geist herrsche, den ihr Obmann in der letzten Konferenz bezüglich des Studentenheims und der Sabbath-Märzfeier vertreten habe, er nicht einen Heller gebe.Und der Brotkorb schnellte in die Höhe. Das ist zentraldemokratisch, vielleicht auch „radikal zionistisch", aber weder demokratisch noch jüdisch! Ehrung Dr. Aurel Steines in London. Die Londoner Gelehrtenkreise hatten vor einigen Tagen Gelegenheit, zwei weltberühmte Gelehrte zu feiern: den Erforscher Tibets Sven Hedin und den aus Ungarn stammenden jüdischen Gelehrten Dr. Aurel Stein, der soeben von einer langjährigen Forschungsreise aus Mittelasien heimgekehrt ist. Dr. Stein, der seit zwanzig Jahren in Indien lebt, ist das Haupt der Landesaufnahme-Abteilung in den Nordostprovinzen Indiens. Ueber die Ergebniffe seiner letzten Forschungen hielt der Gelehrte in Anwesenheit eines auserlesenen Publikums in der Londoner „Geographical Society" einen feffelnden Vortrag mit Vorführung von Lichtbildern. Unter großer Aufmerksamkeit lauschte das zahlreiche Auditorium den Erzählungen des unermüdlichen Forschers, der auf seinen Expeditionen, oft mit den größten Widerwärtigkeiten zu kämpfen hatte. So erzählte er, wie er mit seinen Leuten im Dezember 1907 über Hannen und Türfan nach Karaschar kam, um die dortigen Buddha- Tempel zu studieren. Von hier ging er Ende Jänner 1908 zur Erforschung des Flusses Kerya. Aus diesem Wege hatte der Gelehrte wegen des absoluten Waffermangels große Schwierigkeiten zu überwinden. Die Kameele bekamen zwei volle Wochen keinen Tropfen Waffer zu sehen und auch die Menschen mußten sich mit dem geringen Vorrat begnügen. Endlich erreichte er den Fluß, von wo er mit fünfzig Kameel-Ladungen archäologischer Selrenheiten zur Erforschung der Quellen des Aung- Kash-Fluffes weiterzog. Auf diesem Wege hatte der Frost seine Füße derart angegriffen, daß er auf einer Tragbahre nach Weh gebracht werden mußte, wo ihm sämtliche Zehen des rechten Fußes amputiert werden mußten. Erst nach drei Wochen war Stein wieder so weit hergestellt, um den Weg nach Kasmir fortsetzen zu können, von wo die Expedition nach Indien zurückkehrte. Die Expedition war so erfolgreich, daß die Sichtung ihrer Sammlungen mehrere Monate in Anspruch nehmen wird. Die Zahl der geschriebenen Altertümer beträgt nahezu 8000 in zwölf verschiedenen orientalischen Sprachen abgefaßte Dokumente. Der Präsident der „Geographical Society", L. Darwin, feierte in längerer Rede die beiden großen Gelehrten Hedin und Stein, indem er, sie mit einander vergleichend, zum Schluffe kam, daß, während Hedin seinen Namen durch todesverachtende Erforschung von Menschen unbetretener Gebiete unsterblich gemacht habe, Aurel Stein durch die Lösung großer und wichtiger, wiffenschaftlicher Probleme unsterbliche Verdienste erworben habe. Ein interessantes Spiel des Zufalls. Wir lesen in der „Kölnischen Zeitung": Dr. M. A. S t e i n, besten geographische und archäologische Forschungen in Zentralasien in den vergangenen Jahren auch an dieser Stelle mehrfach rühmend erwähnt wurden, hat am nächsten Montag seinen Vortrags- und Ehrenabend vor der Royal Geographical Society in London. Dr. Stein

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