Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 203 nicht der Fall ist. Tatsächlich verhält es sich mit ihr so. wie mit Grotius und dem Terenz: wer in der Wiffenschaft am höchsten steht, wird sie auch am höchsten schätzen. Es ist deshalb die erste und eine keineswegs schwierige Aufgabe eines richtigen Pädagogen, die hochmütige Meinung von der Bibel in der Jugend herabzudämpfen. Es gibt aber einen Pädagogen, der es mit den Angehörigen der vorgerückten Altersstufen zu tun hat, die freilich aller Pädagogik längst entwachsen zu sein glauben. Dieser Pädagoge ist das Leben oder die Erfahrung. Davon hat sich in der Bibel der reichste Niederschlag abgesetzt, und je mehr wir erleben, desto mehr erkennen und würdigen wir den unermeßlichen Schatz der Bibel. Hier aber möchte ich noch einmal auf jene Sage von den Pforten des salomonischen Tempels zurückkommen. Wie es bei diesen der Fall war. so erschließt sich uns auch die Bibel erst auf das rechte Zauberwort. Dieses legen uns aber die Lebensschicksale in den Mund, und wenn sie uns dazu die Zunae gelöst haben, dann finden wir schon den Weg zur Bibel, und ihre Pforten tun sich vor uns auf. Mancher Hochmütige bat schon seinen Stolz an diesen Pforten abgelegt, mancher Bedrückte hat schon in diesem Temvel den Trost gefunden, den er anderswo vergebens gesucht hat. mancher von dem Bewußtsein seiner Wissenschaft Erfüllte hat sich km Alter von der Bibel eingestehen müssen, was Goethe von der Aeußerung Grotius über Terenz sagt: ..Mich Knaben ärgerte die Sentenz, Die ich nun gelten lassen mutz." Das Perjenlverhiiltnis. Eine tückische Erfindung des Antisemitismus, unter der lvir -Judensehr schwer zu leiden haben, ist der Grundsatz vom Perzentverhältnis, unter welchem unsere jungen Leute in die staatlichen Berufe ausgenommen werden. Es fällt Niemandem ein, bei der Ausstellung eines Ariers danach zu fragen, ob er Deutscher, Slovene oder Italiener ist und ob er im Beamtenstatus nicht das Perzentverhältnis überschreite, das die Deutschen, Slovenen oder Italiener unter der übrigen Bevölkerung bilden. Aber den Juden gegenüber ist der freie Wettbewerb aufgehoben. Selbst der liberalste und persönlich vorurteilsfreieste Minister wird es nicht wagen, 'in seinem Ressort einen einzigen Juden mehr anzustellen, als der Zahl der Juden im Staatsgut - spricht. Es ist oft genug gesagt und bewiesen worden, wie ungerecht und unmoralisch dieser Grundsatz ist. Denn die Juden werden sowohl in der Landwirtschaft, wie in der Industrie nur von jüdischen Unternehmern beschäftigt, deren Zahl ja notorisch eine beschränkte ist. Hätte man den Antisemitismus nicht aufkommen lassen, so hätten sie sich als Arbeiter über alle Berufe gleichmäßig verbreitet. Aber da für sie nur wenig Anstellungen vorhanden sind, so sind sie gezwungen, sich mit möglichst wenig Kapital selbständig zu machen, also als Kaüfleute oder in den freien Berufen. Dabei leisten sie dem Staate an Steuerleistuug erheblich mehr als ihrer Kopfzahl entsprechen würde. _ Wenn man also das Perzentverhältnis aufstellen will, so müßte das Leitmotiv dabei heißen: „Gleiche Pflichten, gleiche Rechte", es müßte nach dem Steuerbogen gerechnet werden und nicht nach dem Volkszählungsbogen. Auch das wäre noch immer kein gerechter Zustand, bloß ein weniger ungerechter. Von gesetzeswegen sind alle Staatsbürger gleich und für eine Anstellung bei der durch bindende Gesetze organisierten Gesellschaft, alio beim Staate, dürfte nichts anderes maßgebend sein als Befähigung und ZeugnisnoUn. Was bei den bestehenden Verhältnissen das Drückendste ist, das ist die Ungerechtigkeit in der Ungerechtigkeit. Das Perzentverhältnis wird nicht einmal der Kopfzahl nach eingehalten. Wenn schon ein paar jüdische Beamte angestellt werden, immer weniger als nach der antisemitischen Norm, so hat ihre Laufbahn in einer gewissen Höhe ein jähes Ende. Entweder geht man dann in die Kirche oder in Pension. Hie und da durchbricht man zwar mit irgend einer außerordentlichen Ernennung das Prinzip „Juden hinaus" oder vielmehr „Juden nicht hinein", um die Gleichberechtigung doch nicht ganz platonisch zu machen. Aber auch diese Wunder ereignen sich nur bis zur Höhe einer gewissen Rangs klaffe. Jetzt ist es wieder einmal Zeit, darüber zu prechen. Denn jetzt sind die Tage zusammengesetzt aus Schicksalsstundeu und man kann nicht wissen, was die folgende bringt. Während diese Zeilen in Druck gehen, droht ein schweres Gewitter mit Donner und Blitzen aus Kanonen und die getragenen Worte der Volkshymne „Gut und Blut fürs Vaterland" können sich an vielen tragisch erfüllen. An jeden Waffenfähigen tritt jetzt die Pflicht heran, dem Tode mutig entgegeuzutreten. Selbstverständlich auch an jeden Juden, der bei den Fahnen steht. Dabei zeigt sich nun wie immer, wie lügenhaft die Verleumdung von lur jüdischen Feigheit ist. Als seinerzeit der Krieg zwischen Japan und Rußland ausbrach, wußten die moralischen Spießgesellen der „Nowoje Wremja" nicht genug von jüdischen Fahnenflüchtigen zu erzählen. Dann waren es doch jüdische Regimenter aus dem Ansiedlungsrayon, die dem ersten Ansturm der japanischen Divisionen am Jalu heldenmütig standhielten — dies sah die ganze Weit, die jüdischen Deserteure hat aber niemand gesehkn. Ebensowenig sieht man jetzt bei der österreichischen Jndenschaft auch nur eine Geberde der Feigheit, sei es in der Agitation, sei es in der Bereitwilligkeit zum Waffendienste. Wäre auch nur ein einziger Fall davon bekannt, hätte sich gewiß die gesamte antisemitische Presse darauf gestürzt, um ihn in fettgedruckten Leitartikeln auszuschroten. Aber auch wir würden ihn mit aller Schürfe annageln. Denn Schuft der Jude, der im Ernstfall auch nur mit einer Miene zurückbebt. Wir haben nicht nur für die Macht und Ehre des Vaterlandes zu kämpfen, sondern auch für die Ehre und den Besitzstand des jüdischen Volkes, wir kämpfen gegen eine ganze Reihe antisemitischer Lügen und Ungerechtigkeiten, das Perzentverhältnis voran. Als seinerzeit der Abgeordnete Straucher den Landesverteidigungsminister über die Zurücksetzung der Juden im militärärztlichen Dienst interpellierte, berief sich der Minister in seiner Antwort ebenfalls auf das Perzentverhältnis. Auch viele tüchtige jüdische Offiziere können etwas vom Perzentverhältnis erzählen. Aber wenn die schwerste Steuer des Staates, wenn die Blutsteuer eingehoben wird, die Assentierungen beginnen, dann fällt es Niemandem ein, sich auf das Perzentverhältnis zu berufen. Uns Juden zu allerletzt. Wir geben zum Schutze des Vaterlandes gerne so viele unserer jungen Leute her, als für die Waffen tauglich sind. Wir sind auch weit entfernt davon, bei irgend einer Forderung an unseren Patriotismus nüchterne Rechnungen zu präsentieren, wie es andere Völkerschaften tun, denen man dafür noch schmeichelt. Wir wollen auch jetzt nicht von Ziffern und Zahlen reden oder uns die Strammheit und Anzahl der jüdischen Soldaten in Bosnien als ein Verdienst anrechnen. Aber es sei uns gestattet, dem oben erwähnten Minister und allen anderen Machthabern, die Anhänger vom Perzentverhültnis sind, eine Tatsache schlicht und einfach vor Augen zu halten. Wenn es sich darum handelt, die Forderung des Finanzministers oder des Kciegsministers zu erfüllen, dann fragt kein Mensch nach der Zahl der Juden unter der Bevölkerung. Da gilt der freie Wettbewerb nach den Fähigkeiten, das natürliche Gesetz. Es hat zu zahlen, wer zahlen kann, und in den Krieg zu gehen, wer waffenfähig ist. Es wäre darum wohl eine Sache der staatlichen Ehre und Gerechtigkeit, auch dann keine Einschränkungen zu machen, wenn wir Juden einmal etwas zu bekommen haben. i i 7 i