Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021831--18160-3043073
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seile 102 j " l'r. ^lodjs deuten, mit dem Dekorationspinsel selbst ausgemalt hätte, wir wären aufs Aeußerste gebracht worden, aber damit wäre unsere Teilnahme verpufft gewesen. So aber läßt er seine Leser in dem Drama mitspielen, jeden nach seiner Auffassungsfähigkeit, und so erleben Kinder, Jünglinge, Männer, Greise, welche die Erzählung lesen, das Schicksal Josefs als ihr eigenes Schicksal in immer sich steigernder Teilnahme mit, indem sie den geschilderten Vorgang in sich selbst verlegen und als einen inneren empfinden. Dies sieht viel einfacher aus, als die aufregende. tränenreiche Schilderung, in der ein anderer Erzähler die Verzweiflung und Herzensangst Josefs ausgemalt haben würde, aber ist das wahrhaft Große und Künstlerische nicht immer einfach? Wenn ich bei der Geschichte Josefs länger verweilt habe, so geschah es deshalb, weil sich an ihr am besten demonstrieren läßt, wie die Wirkung der Darstellung auf die Leser je nach der Verschiedenheit der Maßstäbe des Alters, der Bildung, der Erfahrung usw. sich differenziert, dann auch, weil der Individualismus hier am kräftigsten hervortritt. Aber andere Erzählungen sind in diesen Richtungen ebenfalls lehrreich, z. B. die von Jakob und Esau, von Elieser und Rebekka, von Bileam, oder, wenn wir über den Pentateuch hinausgehen, von dem salomonischen Urteil. Es bedarf jedoch der größeren, zusammenhängenden Partien der Bibel nicht, um ihre individualistische Einwirkung auf uns zu verspüren, womit sie uns gleichsam zu schöpferischer Mitarbeit heranzieht, sondern diese Anregung kann durch einen Saß oder ein bloßes Wort erfolgen. So macht einmal der Kirchenvater Augustin in seiner Bearbeitung des Sechstagewerkes, indem er zu dem Thema von den Vögeln, das er unterbrochen hatte, zurückkehrt, die Bemerkung: „Inzwischen sind uns die Vögel davongeflogen." Schwerlich hat der ernste Kirchenvater mit diesen Worten einen witzigen Einfall von sich geben wollen, er ist vielmehr an dem Schöpfungswerk geistig derart beteiligt, daß sich der ganze Vorgang vor seinen Augen zu vollziehen scheint, daß also, indem er das Thema der Vögel unterbricht, diese ihm wirklich davongeflogen zu sein scheinen, welcher Vorstellung er mit seiner Bemerkung Ausdruck gibt. Ein anderes Beispiel dieser Art ist die sinnige Aeußerung Friedrich Vischers, daß die Neigung kleiner Kinder, sich mit Erdhaufen zu schaffen zu machen und in Pfützen zu waten — ich gebe die Aeußerung nur dem Sinne nach wieder, da mir der Wortlaut nicht gegenwärtig ist — auf einem Atavismus beruhe. Auf diesen verfällt wohl jeder, der einmal reiflich über den an Adam gerichteten Zuruf nachdenkt: „Denn Staub bist du, und zum Staube kehrst du zurück." Vielleicht ist in diesen wenigen, aber so inhaltsschweren Worten der erste Ansatz zu dem Evolutionssystem Darwins enthalten, dessen hundertsten Geburtstag man in diesen Tagen gefeiert hat. Doch darum handelt es sich für uns nicht: hier sollte nur durch die vorangeführten Beispiele, die leicht zu vermehren sind, gezeigt werden, wie die Bibel mit einem Satze oder einem bloßen Worte uns zwingt, mit ihr zu denken und zu fühlen, die von ihr angeregten Gedanken und Empfindungen festzuhalten und fortzuspinnen, was ja bei den Juden in dem Maße geschehen ist, daß sie in ihren hebräischen Schriften ganze Sätze und Wendungen der Bibel unverändert oder mit geringen Aenderungen für den Ausdruck eigener Gedanken verwertet haben. Jene biblischen Sätze und Wendungen sind eben den jüdischen Autoren in die Feder geflossen, aber indem wir dies sagen, bestätigen wir den Individualismus der Bibel, wodurch sie jene an ihre Spuren gefesselt hat. Nehmen wir den von Generation zu Generation sich sortspinnenden Einfluß der Erziehung hinzu, dann begreifen wir, wie die Sprache der Bibel, worin ihr keine andere alte Sprache gleichkommt, durch, die schöpferische Mitarbeit Wochcnfchrlfr. Nr. 12 vieler aufeinander folgender Geschlechter sich stetig erneuert hat, so daß sie, wenn auch mit manchen Veränderungen, für die Juden eine Weltsprache und ein nie versagendes Ausdrucksmittel für ihre auf alle Gebiete des Wissens sich erstreckenden Untersuchungen und Forschungen während vieler Jahrtausende gewesen und für weite Kreise unter ihnen bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Damit sind wir unversehens auf das Gebiet der Pädagogik geraten, für welche allerdings das Ergebnis unserer Betrachtung von der größten Wichtigkeit ist. Denn der Individualismus der Bibel, insbesondere der Thora, legt uns naturgemäß die Verpflichtung auf, daß wir sie auch individualistisch, also gemäß der Verschiedenheit der Maßstäbe der Auffassung und Empfänglichkeit verschieden behandeln, derart, daß wir ihre Kenntnis dem Kinde anders, anders dem Jüngling und wieder anders dem reiferen Alter vermitteln, wobei es natürlich darauf ankommt, den Unterricht oder die Belehrung den Graden anzupassen, welche die Skala der Bildung und Erfahrung der zu Belehrenden aufweist. In dieser Richtung geben bereits die jüdischen Erziehungsschriftey des Mittelalters die beachtenswertesten Winke, die ich auf die pädagogische Behandlung der Bibel anzuwenden versuchen will. Wenn der Lehrer den Fleiß seines im frühesten Kindesalter stehenden Schülers mit einer ihm hinterrücks verabreichten Süßigkeit belohnt und ihm sagt, daß ein Engel ihm diese Belohnung verliehen habe, so wird er mit dieser Aeußerung keinem Zweifel begegnen, denn das Kind glaubt noch alles, was der Lehrer ihm in ernsthafter Weise sagt, er braucht sich deshalb nicht den Kopf darüber zu zerbrechen, wie das Kind mit den in der Thora auftretenden Engeln sich abfindet. Das kann der Lehrer ruhig dem Kinde überlassen, und jeder Versuch einer Erklärung oder Aufklärung wäre ein verwegener Eingriff in die Einfalt des Kindes, für die noch gar nichts unklar und der Erklärung bedürftig ist. Sowie aber der Lehrer bei vorrückendem Alter des Schülers der Hilfsmittel der Süßigkeiten und des sie spendenden Engels sich begibt, dagegen, um seinen Fleiß anzuspornen, ihm künftigen Reichtum und Ehren dafür in Aussicht stellt, dann aber, in einem weiteren Stadium, auch diese materiellen Belohnungen nicht weiter verheißt, sondern dem Schüler klar macht, daß die Wissenschaft um ihrer selbst willen erstrebenswert sei, ebenso wird er alsdann die allmählich auftauchenden Zweifel und Fragen in wissenschaftlicher Weise zu lösen suchen, und er wird zuletzt, um nur ein Beispiel anzuführen, mit Abravanel den Traum Jakobs von seinem Kampfe mit dem Engel und die nachherige Verrenkung seiner Hüfte durch den Hinweis darauf dem Schüler begreiflich machen dürfen, daß der genannte Erzvater am Tage vor der verhängnisvollen Nacht auf der Wanderung sich übermüdet und die Verrenkung sich zugezogen habe, die ihm dann das Traumbild vermittelte, so daß jener körperliche Schaden die Folge davon zu sein schien, während er tatsächlich die Ursache war. Auf diese Weise wird durch eine entsprechende pädagogische Behandlung der Erfolg erzielt, daß die Bibel mit dem geistigen Wachstum des Schülers nicht, wie es so häufig infolge unpädagogischer Behandlung der Fall ist. an Ansehen einbüßt, sondern zunimmt, wie Türme, Felsen, Berge uns immer höher erscheinen, je näher wir an sie herankommen und je deutlicher wir sie sehen. Denn der Jugend geht es in der Regel wie jenen zahlreichen Menschen, die. selbst arm und unbedeutend, auf einen reichen und angesehenen Oheim oder sonstigen Verwandten stolz sind und auf seine Rechnung einen Hochmut zur Schau tragen, den dieser selbst gar nicht besitzt. So sucht die Jugend die Bibel zu verkleinern, weil sie mit Unrecht glaubt, daß von der Höhe der heutigen Wissenschaft, zu der sie selbst kaum einige Stufen erstiegen hat, die Bibel kleiner erscheine, was aber gar

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.