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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Blochs Wochenschrift. Sette 201 immer iin|er ihrem Banne steht. Am meisten Mttdiese bezwingende Macht/ Urti nicht zu sagen Allmacht der Bibel in der. Tatsache hervör, daß sie alle Kuliursprachen sich botmaUA gemacht hat. Dsrrn kommt ihr kein anderes Buch der Gelt, weder der ckltsn' Noch der neuen Zeit, gleich. Mögen wir aüs anderen Büchern unseren Zitatenschatz bereichern, zu einer Förmlichen Sättigung Unserer Kultursprachen mit ihren Gedanken und Wenbuügen hat ss nur die Bibel gebracht. Würden .wir Aus jenen Sprächen den Wortschatz, die Wendungen Und Feinheiten Ausmustern, Re sie der Bibel verdanken, es mühte 8er Redenden.und Schreibenden die größte Verlegenheit sich bemächtigen. wir. wurden bei diesem Purismus uns weit weniger behelfen können, cth bei jedem anderen, so sehr lebt die Bibel in lircV oder leben wir ch iht'/ Worin ist nun diese merkwürdige" Erscheinung des über NNssts Sprache und Denkungsart sich srstrekrenden Einflusses cher Bibel begründet? Ihre Eigenschaft als Quelle religiöser Belehrung bietet keine ausreichende Erklärung dafür', diese beruht vielmehr auf dem scharf ausgeprägten Individucklismus.ber Bibel, der sehr treffend durch eine Bemerkung Unserer alten Kehrer charakterisiert wird. Sie machen darauf aufmerksam, daß die zehn Gehöte, und besonders die zwei ersten, in denen Gott selber spricht, ul der Anrede der Einzahl sich bedienen, obwohl sie ä'n die Gesamtheit des Volkes gerichtet sind. Was dajmit bsßweckt werden soll, wird durch den Vergleich mit einem Porträt erläutert, auf welches tausende gleichzeitig schauen, das aber auf jeden den Eindruck Macht, als ob es die Augen gerade auf ihn richte. In diesem Vergleiche ist der Individualismus der Bibel, oder' sägen wir genauer der Thora, denn sie kömmt bei dieser Charakteristik hauptsächlich in Betracht, sinnreich und treffend gekennzeichnet. Er beschränkt sich aber nicht bloß auf die zehn Gebote, sondern beherrscht ihre gesamte Darstellung und beruht auf der einzigartigen Erzählungskunst, sowie auf der Einfachheit und Allgemeinverständlichkeit dek Diktion. Diese bleibt, wie man auch über die Verschiedenheit der einzelnen Teile der Thora denken mag, in allen Teilen sich gleich. Sie so schildern, wie sie es verdiente, würde eine besondere und umfangreiche.Abhandlung erfordern, aber einige Konturen mögen wenigstens einen Begriff davon geben. Von der Thora gilt, was sie selbst von Gott sagt: „Ihr habt keinerlei Bild gesehen." Ihre Sprache ist nicht mit Bildern und Ueberschwänglichkeiten durchwoben, sondern hält sich auf dem Boden des Konkreten, deshalb macht sie auch von den Engeln den sparsamsten Gebrauch, erwähnt keinen von ihnen mit Namen, und vermeidet, um das Gebiet des Konkreten nicht zu verlassen, selbst die Erwähnung der Unsterblichkeit der Seele, sowie des Ienseits. Steinthal hat einmal geistreich die Fluchandrohungen des Pentateuch mit den Flüchen des Königs Lear verglichen, — die Abhandlung ist mir im Augenblicke nicht gegenwärtig —, aber die Vergleichung mutz jeden davon überzeugen, wie die Thora in diesen Kapiteln von allem Phantastischen sich fernhält, vielmehr die erschütternde Gewalt ihrer Sprache aus dem Leben, aus der unmittelbaren Wirklichkeit schöpft. Ebenso weiß sie mit ihren Segnungen und Tröstungen an die zartesten Saiten des menschlichen Herzens zu rühren, sie besticht uns nicht mit süßlichen Wendungen noch mit pathetischen Hinweisungen auf weltentlegene Himmelsfernen, sondern sie zieht uns mit sich, indem sie mit der Fackel ihres Wortes in unsere Herzen, in unsere Häuser, in unsere Familien hineinleuchtet. Dies sind einige von den Zügen, welche die individualistische Diktion der Thora charakterisieren. Die Folge davon ist die individualistische Wirkung ihrer Lektüre. Wer sie liest, empfängt den Eindruck, als sei sie für ihn geschrieben, er sieht die Augen des Erzählers auf sich gerichtet, findet die geschilderten Vorgänge in seinem Menen Leben oder sein eigenes Leben in jenen Vorgänge« wieder. Wie unendlich vielseitig differenzieren sich daher die Eindrücke, die z. B. die Geschichte Iosefs hervorbringt. Das Kind, das nur eben eine zusammenhängende Darstellung aufzufassen vermag, lauscht ihr mit verhaltenem Atem und in stummer Andacht. Ebenso ergebt es dem Jüngling. nur daß bei diesem die Phantasie bereits lebhafter erregt wird, wie denn Goethe Iosef eine Gestalt nennt, „an der sich besonders die Jugend mit Hoffnungen und Einbildungen gar artig schmeicheln kann". Aber welches spätere Lebensalter käme bei dieser Erzählung nicht ebenfalls auf seine Rechnung und schöpfte daraus nicht immer neue und eigentümliche Eindrücke! Jedesmal, wenn wir sie von neuem lesen oder vortragen hören, möchten wir mit Faust ausrufen: „Wie anders wkrkt dies Zeichen auf mich ein!" Wir kennen dieses Zeichen schon von der Kindheit an, aber wir sehen es jetzt anders, dieselbe Geschichte zeigt uns immer neue Fassetten, die wir früher nicht wahrgenommen haben. Es bewährt sich an UNS das Wort: „Anders lesen Knaben den Terenz, anders Grotius." Die Maßstäbe der Auffassung sind andere geworden, unser Gesichtsfeld ist umfangreicher, unser Blick schärfer, unsere Erfahrung reicher geworden, und während das Kind die Verlegenheit der schuldbewußten Brüder nur wie ähnliche Vorkommnisse aus dem Schulleben betrachtet, sieht der an den Klassikern herangebildete Jüngling in eben diesem Vorgang das Schauspiel sich vollziehen, wie die Erinnyen die Sünder bis zu dem entscheidenden Wendepunkt der Peripetie verfolgen, das vorgerückte Alter aber erblickt in jener Erzählung über alle-Kulissen der Klassizität und Mythologie hinweg das tägliche Leben, vielleicht gar das eigene Leben abgeschildert und ruft zerknirscht mit den Brüdern aus: „Wahrlich wir büßen um unseren Bruder, dessen Seelenangst wir sahen, als er uns anflehte, aber wir hörten nicht darauf, deshalb kommt diese Not über uns." So wendet sich jene einfache Erzählung an Jung und Alt, aus jedem Herzen lockt sie ein anderes Echo hervor. Es verlohnt sich aber, einen Augenblick bei dem soeben angeführten Verzweiflungsausbruch der Brüder zu verweilen. Wir erlangen nämlich nur dadurch Kunde von dem Flehen Iosefs und seiner Seelenangst, die Bibel selbst macht auch nicht die leiseste Andeutung davon, was schon Nachmanides in seinem Kommentar befremdlich findet. Die Ausflucht der Selbstverständlichkeit, auf die man zunächst verfällt, genügt natürlich jenem tiefsinnigen Erklärer nicht, er führt deshalb die Schweigsamkeit der Bibel über diesen Punkt auf die Absicht zurück, das Vergehen der Brüder nicht zu breit auszumalen, beruhigt sich aber zuletzt mit der Tatsache, daß die Bibel sich bald der Kürze befleißige, bald weitläufiger sich auslasse. Jedenfalls zeigen die Bemühungen jenes hervorragenden Bibelforschers des Mittelalters, daß die erwähnte Schweigsamkeit auffallend ist und zu einer Erklärung Herausfordert, was uns mit allem N" hdruck ins Bewußtsein tritt, wenn wir uns vor Augen halten, daß jeder andere Erzähler ohne Zweifel sich mit der ganzen Wucht seiner Darstellungskunst gerade auf die Schilderung der Seelenangst Iosefs und auf die Wiedergabe seiner flehentlichen Bitten geworfen haben würde. Welch ein Bild herzzerreißenden Iammers wäre da vor uns aufgerollt worden, wir würden bei der Lektüre dieser Schilderung Blut geschwitzt haben. Und diesen Effekt hat sich die Thora so mir nichts dir nichts entgehen lassen? Im Gegenteil, der biblische Erzähler vermeidet ihn absichtlich und er weiß, was er tut, er folgt eben damit dem Gesetze des Individualismus, das ihn so und nur so die Feder führen ließ, um dadurch die größte Wirkung hervorzubringen. Diese hätte er nicht erreicht, wenn er den Seelenkampf Iosefs, den die Brüder bloß an-

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