Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 200 Nr. 12 Dr. Bwchs Wochenschrift. reich bleiben wird. Denn in diesem.Punkte gleicht jeder von uns dem Moses: können wir auch von dem gelobten Lande der Ewigkeit, wovon nun einmal eine leise Ahnung in uns lebt und wohin eine tiefe Sehnsucht uns zieht, nichts Gewisses sagen, so werden wir es doch wenigstens von Ferne gern vor unseren Augen ausgebreitet sehen. Man gestatte mir, diese Ausführungen durch Mitteilung eines Erlebnisses zu illustrieren. Vor dreißig oder mehr Jahren besuchte mich ein Gelehrter, der mir klar machen wollte, wie er in seinem Buche, das er mir überreichte, manche dunkle Hagadas aufgehellt und verständlich gemacht habe. Er wählte zu diesem Behufs die Erzählung, datz, als Salomo die Bundeslade in den von ihm erbauten Tempel übertragen wollte, die Pforten desselben aller Anstrengung, sie zu öffnen. Widerstand leisteten, bis er die Psalmworte seines Vaters David ausrief: „Erhebet, ihr Pforten, eure Häupter, erhebet euch, Pforten der Ewigkeit, auf datz einziehe der König der Ehre. Wer ist der König der Ehre? Der Ewige, ein mächtiger Held, der Ewige, ein Held des Krieges." Als diese Worte erklungen waren, öffneten sich die Pforten, um Salomo mit der Bundeslade einzulasien. Mein gelehrter Gast setzte mir nun auseinander, wie es auch in seinem Buche ausgeführt ist, datz diese geheimnisvolle Hagada den Kampf zwischen dem Königtum und dem Priestertum behandle. Als der Gelehrte geendet hatte und mich um meine Ansicht über seine Erklärung befragte, gab ich ihm diese Antwort: „Sie kommen mir vor, wie einer, der mir im Theater bei einer Aufführung des „Teil" in einer besonders ergreifenden Szene zuflüstern würde, daß der dargestellte Vorgang nicht historisch sei und daß die auf der Bühne befindliche landschaftliche Szenerie aus Holz und Pappe bestehe. Ich würde dem unzeitgemäßen Erklärer trotz der Richtigkeit seiner Mitteilungen mit aller Entrüstung bedeuten, dah er mich damit verschone. Sie, mein Herr, verfahren mit der erwähnten Hagada ebenso wie mein hypothetischer Nachbar im Theater mit dem „Teil". Die Vorstellung, dah die Pforten des Tempels dem König Salomon in Gegenwart des Volkes sich nicht öffnen wollen, macht auf jeden einen starken poetischen Eindruck. Der Vorgang hat etwas Mystisches, Beängstigendes, das zeigt sich auch in dem Mienenspiel der Tausende von Zuschauern, denen unsere Phantasie uns zugesellt. Je länger der Widerstand der Pforten dauert, desto lebhafter malt sich auf allen Gesichtern das Bedürfnis nach Aufklärung des rätselhaften Vorganges. Da ruft der König die angeführten Psalmworte aus und nun geschieht das Merkwürdige, die Pforten öffnen sich und ein Ausruf des Erstaunens und der Befreiung ertönt von allen Lippen. Dieses Schauspiel, zu dessen Zeugen jene Hagada uns macht, hat etwas zauberhaft Bezwingendes, aber der Zauber wird sofort zerstört, wenn man uns sagt, dah dahinter das Holz und die Pappe eines noch dazu höchst zweifelhaften politischen Konfliktes steckt." Das war die Antwort, die ich meinem gelehrten Gaste erteilte. Wird nun nicht auf dieselbe Weise der Zauber der Bibel zerstört, wenn man sie zur Rechenschaft vor das Tribunal der Naturwissenschaft und Geschichtsschreibung zieht? Aber dieser Zauber beruht, wohl gemerkt, nicht auf bloher Illusion, wie die angeführte Hagada, die als eine unsere Phantasie in angenehmer Weise beschäftigende Täuschung vollständig ihren Zweck erfüllt. So aber dürfen wir nicht einmal den „Tell" auffassen. Täuschung oder Illusion ist hier nur das Nebensächliche, der theatralische Behelf, also das Bühnenbild und der ganze nicht historische Vorgang. Aber die Hauptsache, das Hohelied der Freiheit, als welches uns das Schauspiel ergreift, ist packende Wirklichkeit und ewige Wahrheit. Um wie viel mehr gilt dies nun von jenem Hohelied der Freiheit, womit die Bibel den Untergang Pharaos und die Befreiung Israels verherrlicht, die überdies historische Tatsachen sind! Wer etwa an den wunderbaren Nebenumständen. Anstotz nehmen wollte, die dieser Befreiungstat vorangehen oder sie begleiten, der würde demjenigen gleichen, der bei der Aufführung des „Teil" sich und anderen mit geschmacklosen historischen Skrupeln den Eindruck der höheren und eigentlichen Wahrheit des Schauspiels zerstören würde. So hat schon Herder richtig hervorgehooen, d atz der eigentliche Höhepunkt, auf den die biblische Schilderung von dem Auszuge aus Aegypten hinausgeht und abzielt, jenes Hohelied der Freiheit ist, neben dem alles übrige, so sehr es an sich selbst von Bedeutung ist, doch nur als szenischer Hintergrund wirkt. Dieses eine Beispiel mag genügen, zu zeigen, datz die Bereicherung unserer Natur- und Geschichtskenntnis tatsächlich an der Bedeutung, der Bibel nichts ändert, wenn und insoweit wir ihren eigenen Matzstab an sie anlegen. Es ergeht uns.eben mit der Bibel wie Grotius und Goethe mit dem Terenz. Ein Schulbuch in dem Sinne, datz wir darin die Antwort auf naturwissenschaftliche, allgemein geschichtliche und ähnliche W iss ens fragen zu suchen hätten, ist die Bibel für uns nicht mehr, sie wollte es niemals sein und wurde ganz gegen ihren Willen dazu gebraucht oder vielmehr mitzbraucht. Aber für G e w i s s e n s fragen, für die Schule des Lebens war sie von jeher und ist sie heute erst recht das eigentliche und unvergleichliche Handbuch. So bezeichnet sie sich selbst als „das Buch von der Geschichte des Menschen". Den Schatz von Belehrung aber, den sie als solches in sich fatzt, wird nur derjenige heben, der die Wünschelrute ihres eigenen Maßstabes, anzuwenden weitz, oder sie so liest, wie sie gelesen werden will und soll. II. Bleibt dieser Matzstab der Lektüre, wie begreiflich ist, sich immer gleich, so wird deren Wirkung, wie ebenalls begreiflich ist, eine mannigfache sein, je nach der Verschiedenheit der Matzstäbe, die in den Lesern liegen und gemätz dem Alter, der Erfahrung und dem Gesichtskreise derselben sich differenzieren. Man kann die Bibel mit einem Musikinstrumente vergleichen. Um es in der Behandlung eines solchen zur Meisterschaft zu bringen, sind viele Voraussetzungen und Vorbereitungen vonnöten. Man mutz mit der Einrichtung des Instrumentes aufs Innigste vertraut sein, ihm jede Feinheit abgelauscht haben, in den nötigen Handgriffen vollständige Uebung und im Vortrage Empfindung und Geschmack besitzen. Wenn alsdann ein Künstler im Besitze aller dieser Fertigkeiten auf seinem Instrumente sich in vollendeter Weise eingespielt hat, dann sagen wir von ihm, er habe es in der Gewalt, er beherrsche es. An diesem Punkte aber wendet sich der Vergleich mit der Bibel. Haben wir uns nach den erforderlichen Vorbereitungen auf ihr eingespielt, dann erfolgt eine merkwürdige Wandlung. Wir spielen dann nicht mehr auf ihr, sondern sie spielt auf uns, und je mehr wir sie zu beherrschen glauben, desto mehr zieht sie uns in ihren Bannkreis und übt ihre Herrschaft über uns aus. Diese Erfahrung hat wohl jeder an sich gemacht, der an dem Spalier der Bibel grotzgezogen und aufgewachsen ist. Die Eindrücke, die er von ihr in der frühesten Jugend empfangen, die Bilder, die sie vor ihm aufgerollt hat, ihre Sentenzen und. Mahnworte haften in seiner Seele unauslöschlich. Sie sind ihm aber nicht etwas Aeutzerliches, Gegenständliches, das. blotz angelernt und durch das Gedächtnis vermittelt ist, sondern sie gehen bei ihm. in Saft und Blut über, bemächtigen sich seiner, und wenn er sich auch im Laufe seines Lebens von ihnen losgesagt und emanzipiert zu haben glaubt, so können doch Augenblicke kommen, in denen er sich unversehens bewußt wird, daß er noch