Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 12 (19.3.1909)
- Date
- 1909-03-19
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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/ Nr. 12 Dr. Blochs Inventar der Bibel, sondern gar einen Gewinn zu verzeichnen hätten. Man würde sicherlich, wenn man in einem alten Manuskripte die biblische Schöpfungsgeschichte fände, diesen Fund bejubeln und den tiefen Sinn darin entdecken, den man ihr jetzt abspricht. Diese neuaufgefundene alte Schöpfungsgeschichte würde ohne Zweifel auch auf den einseitigsten Naturforscher, wenn er sich nicht gerade auf die Hinterbeine stellt, denselben großartigen Eindruck hervorbringen, den sie tatsächlich seit Jahrtausenden auf ihre Leser ausgeübt hat. Denn er würde, unbeschadet seiner naturwissenschaftlichen Doktrin, bei genauer Kenntnisnahme von dem Inhalte der Bibel auf einen Gedankengang geführt werden, der sich etwa folgendermaßen skizzieren ließe. Daß das erste Wort der vlvuicycn Schöp.uugsgescyicyre lauiet: „Es werde Klchr!" und daß ihr letztes Wort in die Einsetzung des wöchentlichen Ruhetages ausmündet, das sind Tatsachen, die schon an sich eine Schöpfung bedeuten. Dies ist nicht bloß ein Bild, denn unsere gesamte Kultur und Zivilisation beruhen im letzten Grunde auf diesen Worten. Was verschlägt es also, daß die Bibel kein naturwissenschaftucyes Handbuch i]t, oder sagen nur rückhalllos, oaß sie hinter unserer heutigen Naturkenntnis zurücksteht? Sie bekämpft dennoch mit einer Beredtsamkeit, die einem jetzigen Naturforscher Ehre machen würde, jedweden Aberglauben, und in dem Erfolge, den sie mit ihrer gründlichen Austreibung von Göttern, Dämonen und Unholden aus der Natur erzielt hat, kommt ihr nicht einmal unsere heutige Naturwissenschaft gleich. Es bleibt dieser, wenn sie die Bemühung der Bibel fortsetzen will, in diesem Punkte noch viel zu tun übrig. Man darf also sagen : es gibt in der gesamten Weltliteratur kein zweites altes Buch, für welches alles in der Natur so natürlich zugeht, wie für die Bibel. Begeben wir uns aber einmal auf ein anderes Gebiet! Ist die Bibel in ihren sozialen Bestrebungen, in ihrer Gleichstellung aller Menschen, in ihrer Befreiung der Menschheit von dem Druck der Vermögensunterschiede und dergleichen, unserer Zeit, der diese Ideale durch die Fortschritte unseres Naturerkennens erst recht zugänglich sein sollten, nicht dennoch weit voraus? Man könnte einwenden, diese Anschauungen und Prinzipien lassen sich nicht praktisch verwerten, aber mit diesem Einwande bedient man sich eines Maßstabes, der nicht in der Bibel, sondern in uns liegt. Ist das Gute und Wahre darum weniger gut und wahr, weil die Menschheit noch nicht reif genug für seine Ausführung ist? Aber auch für den Einzelnen hat die Bibel Marimen aufgestellt, womit sie unserer Zeit weit voraus ist und wogegen der Einwand praktischer Undurchführbarkeit nicht geltend gemacht werden kann. Ich erwähne nur die Vorschrift: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!" Was wäre die Menschheit, wenn jeder einzelne diese Vorschrift aüsüben würde! Sie allein ist so viel wert wie alle unsere naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, auf die wir mit Recht stolz sind, die wir aber mit Unrecht gegen die Bibel ausspielen, um sie zu verkleinern. Dieser Gedankengang ergibt sich aus einer unbefangenen Betrachtung der Bibel von selbst, und es steht nichts im Wege, daß ihm auch der einseitigste Naturforscher zustimme, denn es ist nichts darin enthalten, was den Ergebnissen der Naturforschung widerspräche. Was aber den Hauptpunkt, nämlich Gott betrifft. so darf man der Naturwissenschaft zurufen: „Laß unfern Herrgott aus dem Spaß!", denn selbst Darwin hat in einem Brief an einen Freund erklärt, daß die Entwicklungslehre durchaus nicht die Leugnung Gottes zur notwendigen Voraussetzung habe. Auf diesem Standpunkt hat das Judentum immer gestanden. Legen wir nur den richtigen Maßstab an die Bibel und an uns an, dann werden wir einsehen, daß unser gegenseitiges Verhältnis das beste sein könnte — ein besseres sogar als Wochenschrift. Seite 19S in früheren Zeiten, weil durch unseren freieren Blick, den wir vielfach den Naturwissenschaften verdanken, auch die Bibel selbst freier geworden ist —, daß wir aber leider durch den Gebrauch falscher Maße, den schon die Bibel aufs nachdrücklichste untersagt, den Weg zu ihrer Erkenntnis wie zur Selbsterkenntnis uns verrammeln. Ebenso verhält es sich mit den geschichtlichen Darstellungen der Bibel, die mit dem Maßstabe der heutigen Geschichtsschreibung zu messen verfehlt wäre. Das Richtige sagt darüber Goethe, der sich bekanntlich viel mit dem Pentateuch beschäftigt hat und der in „Dichtung und Wahrheit" hervorhebt, daß er in den geschichtlichen Darstellungen der Bibel aus der Patriarchenzeit Sammlung aus seiner Zerstreuung und Frieden fand. „So flüchtete ich gern", sagt er, „nach jenen morgenländischen Gegenden, ich versenkte mich in die ersten Bücher Mosis und fand mich dort unter den ausgebreiteten Hirtenstämmen zugleich in der größten Einsamkeit und in der größten Gesellschaft." Machen wir uns nur einmal, indem wir auf die Bemerkung Goethes näher eingehen, den Unterschied klar, der zwischen der biblischen Geschichte und jeder anderen besteht. Sammlung und Frieden wird man in der Geschichte der Römer und Griechen weder suchen noch finden: zum großen Teile ist diese Geschichte von mythologischen Vorstellungen beherrscht, die uns fremdartig anmuten und kalt lassen, aber auch sonst sind die dargestellten Vorgänge im allgemeinen derart, daß wir uns infolge unserer gänzlich veränderten Anschauungen nicht innerlich daran beteiligt fühlen. Es ist der darin vorwallende antike Zug. womit wir selbst den Schlagbaum bezeichnen, der uns innerlich von jener Geschichte trennt. Oder können wir uns auch nur entfernt in die Seele eines Vaters wie Lucius Iunius Brutus hineindenken, der seine eigenen Söhne zum Tode verurteilt und die Exekution in seiner Gegenwart vollstrecken läßt? Diese sogenannte antike Größe ist für uns das Abstoßendste, das nur denkbar ist, während die an jenen Vorgang erinnernde biblische Beschreibung der Opferung Isaaks bereits um tausend Jahre früher die Gestalt Abrahams vor unseren Augen aus der uns unverständlichen Antike zu der uns verständlichen und ergreifenden Größe eines menschlich fühlenden Vaters enrporsteigen läßt. Denn dies ist überhaupt an den geschichtlichen Darstellungen der Bibel, bei aller historischen Treue derselben, die immer mehr anerkannt wird, das Charakteristische und Entscheidende, daß in ihnen das allgemein Menschliche die Dominante ist. ihre Töne finden in unseren Herzen ein Echo, und da. wie Cornill richtig bemerkt hat, die Religion des Volkes Israel die einzige ist, die von einer Mythologie nichts weiß, so fehlt auch alles für uns Fremdartige und Störende in dem Leben der Stammväter dieser Religion, dys in der Bibel geschildert wird, und wir finden uns bei ihnen, um die angeführten Worte Goethes zu wiederholen, zugleich in der größten Einsamkeit, die unsere Sammlung bewirkt, und in der größten Gesellschaft, denn es sind eben Menschen mit den grüßten menschlichen Tugenden, aber auch mit menschlichen Schwächen, die vor uns auftreten und uns vertraut sind. Wir sehen also, daß die Bibel tatsächlich weder durch unsere naturwissenschaftlichen, noch durch unsere geschichtswissenschaftlichen Erkenntnisse an ihrem Werte für uns das Geringste eingebüßt hat. Man könnte eher das Gegenteil behaupten, nur müssen wir uns an die Bedingung halten, die uns jedes Buch stellt, daß wir sie nämlich mit ihrem eigenen Maßstabe messen, daß wir, indem wir sie lesen, sie als einen Reiseführer betrachten, dem nicht wir die Wege weisen, sondern der sie uns weist. Auf diesen werden wir in Gegenden und zu Höhen gelangen, wo die Blicke umherschweifrn zu lassen, allem unseren Wissen zum Trotz, oder eben deswegen desto mehr begehrenswert und lehr-