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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 1S8 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 1‘1 sua fata libelli. ye nach Auffassung des Lesers haben die Bücher ihre eigentümlichen Schicksale)." 2n dieser vollständigen Fassung verlautbart also der Ausspruch jenes wenig bedeutenden lateinischen Grammatikers dasselbe, was Grotius gesagt und Goethe bestätigt hat. Die Entscheidung der obigen Frage hängt demnach von der anderen Frage ab, die uns hier beschäftigen soll: „Wie sollen wir die Bibel lesen?" Bei ihrer Beantwortung können uns die erwähnten Aeutzerungen zur Richtschnur dienen. Verallgemeinern wir sie, wozu wir ohne Frage das Recht haben, so kann man ihren Sinn zu folgenden Lehren oder Gesetzen formulieren. Erstens: Der Matzstab für die Art und Weise, wie ein Buch zu lesen ist, liegt in ihm selbst. Zweitens: Der Matzstab für die Wirkung eines Buches, wovon sein Wert und Ansehen abhängt, liegt in dem Leser. Versuchen wir, diese beiden Lehren oder Gesetze auf die Bibel anzuwenden, dann dürften wir auch zu einer richtigen Beantwortung der Frage, um die es sich hier handelt, gelangen. I. Wenn heute Moses, Sokrates, Plato, Aristoteles aufstehen, einer ganz gewöhnlichen Taschenuhr ansichtig und deren Gebrauch und Einrichtung kennen lernen würden, so würden sie ohne Zweifel vor Erstaunen sich kaum fassen können. Welcher Vernünftige würde aber deswegen seine bisherige Ehrfurcht vor diesen Männern vermindern? Es schadet keinem grotzen Staatsmann unserer Zeit in seiner Reputation, datz er kein Uhrmacher und gezwungen ist, wenn an seiner Taschenuhr ein Gebrechen eintritt, sie zu einem solchen zu schicken. D.eyn für uns liegt seine Bedeutung, um bei dem Bilde der Uhr zu bleiben, in der Tatsache, datz er durch seine Staatskunst selbst der Zeiger auf dem Ziffer.blatte der Weltgeschichte ist. und datz er das Räderwerk beherrscht, dessen regelmäßigen Gang der Zeiger andeutet. Seine Erötze kann also nicht durch Mängel, die zu ihr in gar keinem Verhältnisse stehen, verkleinert werden, oder richtiger: es kann hier überhaupt von einem Mangel keine Rede sein, da wir mit dem Begriffe eines Staatsmanns die Fähigkeit eines Uhrmachers nicht verbinden. Waren nun jene grotzen Denker des Altertums nicht in noch höherem Grade solche Zeiger auf dem Zifferblatte der Weltgeschichte, oder haben sie nicht ein gewaltiges Räderwerk in Betrieb gesetzt, das sich heute noch in Gang befindet, kann es also dieser ihrer Bedeutung nur im geringsten abträglich sein, datz ihnen die Taschenuhr unbekannt war? 2ch brauche aber dieses alltägliche Instrument als pars pro toto, als stellvertretende Bezeichnung für das Wissen unserer Zeit überhaupt, dessen gänzlicher oder teilweiser Abgang bei den erwähnten grotzen Männern des Altertums ihre Bedeutung so wenig schmälern kann, wie die Unkenntnis der Taschenuhr. Hier aber müssen wir Moses eine besondere Stellung einräumen. Denn während die griechischen Philosophen alle Gebiete des menschlichen Wissens und Strebens vom Standpunkte ihrer Zeit der Betrachtung unterzogen haben und infolgedessen sich heute gefallen lassen müssen, datz manche ihrer Ansichten für unrichtig, verkehrt, ja kindisch erklärt werden, ist in der nach Moses benannten Thora nicht einmal der Versuch gemacht, Naturerscheinungen zu erklären, Gesetze dafür aufzufinden, das Wesen der Künste zu ergründen und durch dieses und ähnliches das allgemeine Wissen zu bereichern. Schon unsere alten Lehrer haben den richtigen Satz aufgestellt: „Die Thora redet wie Menschen zu reden pflegen." Damit wird nicht blotz manches, was an ihrer Ausdrucksweise für uns befremdlich ist, erklärt, sondern es wird damit auch in zutreffender Weise ausgesprochen, datz die Thora gar nicht die Absicht habe, in solchen Dingen, die ihrem eigentlichen Zwecke fernliegen, die Meinungen und Anschauungen der Menschen zu berichtigen, daß sie sich deshalb ote)tn ohne loeueres anpape. Mes gur ebeipo von den Propheten, wie von den anderen biblischen Schriften. Durch diese Beschränkung oder Konzentration der Bioei aus ihren eigentlichen Zweck fallen nun bei ihr jene Reibungsflächen mit der Wissenschaft unserer Tage weg, welche die Philosophen des Altertums allerdings darbieten, es ist aber gewitz ganz ungehörig, solche Reibungsslächen, die tatsächlich in der Bibel nicht vorhanden sind, darin erst zu konstruieren, um alsdann die Behauptung aufzustellen, datz sie, gegen die heutige Wissenschaft gehalten, den kürzeren ziehe. Dieses Verjähren ist um so ungerechter und unwissenschaftlicher, je deutlicher die Bibel durch ihre Beschränkung den Matzstab für ihre Lektüre und Beurteilung hervortreten läßt, und je entschiedener dadurch alle anderen Reibungsflächen, als welche dieser Matzstab selbst darbietet, ausgeschlossen werden. Dieser Matzstab ist aber allein die Lehre von dem einig-einzigen Gott oder der Monotheismus. Von diesem Gesichtspunkt ausschlietzlich will die Bibel gesehen und gelesen sein. Jetzt, nachdem wir diesen Mittel- und Schwerpunkt der Bibel kennen gelernt haben, dürfen wir, anstatt von ihrer beschränkten, vielmehr von ihrer umfassenden Betrachtungsweise reden, weil ja der Monotheismus die inhalts- und umfangreichste Idee ist, die ihre Herrschaft über unser ganzes Leben erstreckt. Hieraus aber folgt, datz nichts so sehr gegen die Gerechtigkeit und Wissenschaftlichkeit verstötzt, wie der heute immer von neuem unternommene Versuch, die Bibel nach der Taschenuhr zu bemessen oder, genauer, sie auf Grund unseres allgemeinen Wissensbereiches, mit dem sie gar nichts zu tun hat, zu kontrollieren. Wenn also, um das Gesagte an einem Beispiel zu erläutern, die heutigen naturwissenschaftlichen Erkenntnisse gegen die biblische Schöpfungsgeschichte ausgespielt werden, so legt man einen falschen Matzstab an die Bibel an, was auch diejenigen tun, die da glauben, sie vor dem Tribunal der Naturwissenschaft rechtfertigen zu müssen. Ja, die Verteidiger, wie es so oft im Leben vorkommt, schaden hier mehr als die Angreifer, und die Bibel mag bei diesem Zweikampf, dessen Objekt sie ist, ausrufen: „Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden werde ich mich schon selber schützen", ein Sprichwort, das, nebenbei gesagt, ein Rabbiner des 16. Jahrhunderts, R. Chajim b. Bezalel, bereits in dem Psalmworte ausgedrückt findet: „Gott stehe mir nur gegen meine Helfer bei, mit meinen Feinden werde ich schon allein fertig werden." Allerdings brachte das unbegrenzte Vertrauen auf die Bibel es mit sich, datz man für-jede auftauchende Frage die Antwort in ihr suchte und fand. Aber dieses Vertrauen ist für sie mit der Zeit eine übermätzige Belastung geworden, unter der sie zusammenbrechen mutz, weil dadurch das, was sie ist und sein will, in das Schicksal dessen verflochten wird, was sie weder ist noch sein will, wozu wir sie aber unberechtigterweise gemacht haben. Die Verkehrtheit einer Auffassung, die in der biblischen Schöpfungsgeschichte einen absoluten Gegensatz zu den Ergebnissen der Naturforschung erblickt, sowie einer solchen, die eine Versöhnung zwischen beiden auf jede mögliche Weise zustande zu bringen sucht, lätzt sich durch folgende Erwägung erläutern, die zu dem Ergebnis führen wird, datz hier gar kein Konflikt vorliegt, sondern nur konstruiert wird, datz vielmehr bei Anlegung eines richtigen Matzstabes beide, die Bibel wie die Naturwissenschaft, zu ihrem Rechte kommen: Nehmen wir einmal au, in einer neuen Bibelausgabe würde die alte Schöpfungsgeschichte durch eine andere, vom Standpunkte der heutigen Natürforschung ausgehende ersetzt werden, so wird doch gewitz keiner zu behaupten wagen, datz wir durch diese Modifikation keinen wesentlichen Verlust an dem

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