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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-19 · 12 (19.3.1909) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
12 (19.3.1909)
Date
1909-03-19
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr. 12 Jahrgang XXT1 Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Ilnteressen des Judentums. -□ "" ~D- Wieu, 19. März 1909 Lrscbelnt jeden ZfreLtag. Brief-Adresse: Wie», IX/i, Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. OO- -- '-==DO p Vexugspreis für Vrsterrrich: p Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gefpaltene Pettkzeile 24 Heller. O O O— ' —0 V. ft. Noflfxarftaffensmf Llearing-Verkebr Nr. S10.S76. Redaktion und Administration: Wien IX/1. Hahngaffe Nr. 15. UleL«» Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: Wie sollen wir die Bibel:lesen? — Das Perzcntverhältnis. — Neues vom Zionismus. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Lucie» Wolf über die Juden in Rumänien. Lucian dictator. Ehrung Dr. Aurel Steiu's in London. Ein interessantes Spiel des Zufalls. — Korrespondenzen: Wiener Künstlerhaus-Jahresausstellung 1909. Vom „Deutschen Schulverein". Zur Frage der Gemeindesparkasse. Professor Dr. Benedikt als Doppeljubilar. Der Kaiser im Weyringerhof. Verband zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. Das siebzigjährige Jubiläum des ungarischen Porzellans Gründungsfeier des Vereines „Afike Jehuda". Offene landwirtschaftliche Lehrstellen für junge Israeliten. — Vermischtes. - Feuilleton: Sabbath. Die praktische Bedeutung der Kabbalah und der Sabbathheiligung. — Literatur. — Neue Bücher — Briefkastcn. — Notizen. — Inserate. Mie sollen wir die. Killet lesen? Ein Vortrag von Dr. M. Güdemann. Der berühmte holländische Jurist und Staatsmann des 17. Jahrhunderts, Hugo G r o t i u s, wurde einst von einem-Besucher bei der Lektüre des Terenz betroffen. Dieser römische Lustspieldichter wurde im Mittelalter in den Lateinschulen gelesen, und es erregte die Verwunderung des Besuchers, dass ein Mann wie Grotius sich mit einem Schulbuche beschäftige. Dieser aber rechtfertigte sich mit den Worten: „Anders lesen Knaben den Terenz, anders Grotius." Auf diese Anekdote hat Goethe als alter Mann, 1822, den Spruch gedichtet: „Anders lesen Knaben den Terenz, Anders Grotius." Mich Knaben ärgerte die Sentenz, Die ich nun gelten lassen muh. Aus diesen übereinstimmenden Aeuherungen zweier grosser Männer geht hervor, dass ein und dasselbe Buch verschiedenartig gelesen werden kann und dass die Beurteilung desselben nach dieser verschiedenartigen Lektüre sich richtet. Man darf demgemäss behaupten, dass es überhaupt kein absolut schlechtes Buch gibt. In der Tat hat schon der ältere Plinius den Satz ausgestellt: „Kein Buch ist so schlecht, dass es nicht in irgend einer Beziehung nütze." Der Satz hat seine Richtigkeit, denn es kommt auch bei dem schlechtesten Buche darauf an, wie es gelesen wird. Eben davon ist aber auch das beste Buch abhängig. Ein Buch scheint allerdings von dieser allgemeinen Regel ausgenommen zu sein und das Vorrecht für sich in Anspruch nehmen zu dürfen, dass es, wie man es auch lese, den Eindruck eines absolut guten, ja des besten Buches mache. Das ist die Bibel. Bei näherer Betrachtung ergibt sich aber, dass auch die Bibel an diese Bedingung gebunden, ja, dass heutzutage die Frage, wie wir sie lesen sollen, geradezu eine L ebensfrage für sie ist. Ich brauche hier die tatsächliche Ausnahmsstellung der Bibel nicht erst zu beweisen. Wie man sich heute mit einem Reisehandbuch versieht, wenn man eine unbekannte Gegend besuchen will, so war die Bibel das Reisehandbuch für die Juden auf ihrer Wanderschaft. Es finden sich darin, wie in den heutigen Reisehandbüchern die Sterne, die in diesen die Aufmerksamkeit des Lesers auf besondere Sehenswürdigkeiten hinlenken sollen. Rur war in der Bibel jedes Wort ein solcher Stern, zwar nicht um eine Sehenswürdigkeit anzudeuten, sondern um den Blick nach oben zu lenken, von wo man Ermutigung oder Tröstung erwartete und auch empfing. Diese Bedeutung eines verlässlichen Reiseführers durch das Leben besitzt die Bibel für viele unter uns nicht mehr. Der Umschwung ist nicht mit einemmal gekommen, sondern es gehen ihm viele Etappen voraus, von denen die hauptsächlichste die zur Vorherrschaft über unsere Bildung gelangte Natur- und Geschichtsforschung ist. Diese Vorherrschaft hat das Ansehen der Bibel, das ehemals unbestritten war, stark beeinträchtigt, und während sie früher als das Buch der Bücher bezeichnet wurde, ist sie heute für weite Kreise nur noch ein Buch wie viele andere. Es wäre jedoch übereilt, die jetzige, wenn ich so sagen soll, Devalvation oder geringere Bewertung der Bibel für eine abgeschlossene und unabänderliche Tatsache zu halten. Meinungen und Anschauungen haben ihren Kurs, sie fallen und steigen wieder. So geht es auch mit den Büchern, wie das oft, aber unvollständig zitierte Wort eines lateinischen Grammatikers besagt: „Uadeut 8uu fata libelli, (die Bücher haben ihre eigentümlichen Schicksale)." Davon ist die Bibel nicht ausgenommen, was durch ein unter uns kursierendes hebräisches Sprichwort, das zuerst im Sohar zweimalige Erwähnung findet, bestätigt wird: „Alles hängt vom Schicksal ab, sogar die Thora im Heiligtum." Es ist also eine durchaus nicht müssige Frage, sondern wohl der Untersuchung wert, ob man mit Fug und Recht den Kurs der Bibel hinabgedrückt hat, oder ob die Verminderung ihres Ansehens nicht bloss eine Folge davon ist, dass man sie nicht so liest, wie man sie lesen soll. Ich habe soeben bemerkt, dass man jenes Wort von den Schicksalen der Bücher unvollständig zu zitieren pflege. Vollständig lautet es nämlich: „Pro captu lectoris habent

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