Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 11 Seite 1Ä8 siegten Og. — dieser Mann fürchtet nichts und Niemand. In dreistem Mute schreitet er unmittelbar los auf das Ziel, das er sich gesetzt, — auf die vollständige Vernichtung des Stammes Israel: und je sicherer seine Herrschaft begründet ist,. je mehr er seinem Ziele sich nähert, um so düsterer klingt die Erzählung, um so sorgenvoller blicken die Augen der Zuhörer. Und immer weiter und weiter wird das Pergament aufgerollt. Und immer häufiger und tiefer neigt sich der Vorleser über die viereckigen, vor seinem umflorten Blick flammenden Buchstaben des Teiles. Und immer unegaler und dumpfer wird seine Stimme, — und immer häufiger und häufiger erklingt in ihr ein eigenartiger, düsterer, an die „Klagelieder Jeremias" gemahnender Ton, ein Ton, bei dem in der Erinnerung der Versammelten das nicht minder schreckliche Bild der Zerstörung aufsteigt: sie sehen den rauchenden Tempel, das entweihte Heiligtum, ihre entehrten Gattinnen und Mütter, ihre gefolterten Väter und Söhne, — und sie hören das wilde, höhnische Lachen des triumphierenden Siegers. Plötzlich aber richtet der tief über das Pergament gebückte Vorleser seine Gestalt empor: sein trübes, umflortes Auge blickt heller, klarer und selbstbewußter klingt seine Stimme. Liebevoll betrachtet er sein Auditorium und verkündet laut: „Balailo hohu ... In dieser sonderbaren Nacht!.. Ja, diese Nacht sollte Vieles bringen! Diese Nacht sollte vor allem dem von Schlaflosigkeit gequälten, von Ahnungen verfolgten und zuletzt von seinem Gewissen gefolterten Tyrannen verkünden, daß das Volk, welches er so erbarmungslos der Ausrottung und Vernichtung preisgegeben, datz dieses Volk Verdienste hatte, die im Buch seiner persönlichen Lebensgeschichte eingetragen waren: datz diesem, von seinem hochmütigen, blutgierigen Günstlingen verleumdeten und gemitzhandelten Volke er selbst sein Leben und seine Herrschaft verdanke! ... Ja dieser Nacht war es bestimmt, das Rad Fortunas vollständig umzudrehen und in dem Augenblick. da der erste Strahl der aufsteigenden Morgenröte am Himmel erglänzt, wird — zugleich mit ihm — Wahrheit und Gerechtigkeit auf Erden aufleuchten! In dem alten Pergament wird eine neue Seite zu lesen begonnen, und was das Buch uns jetzt erzählt, das wird im Lichte der neuen Morgenröte, im Glanz der neuen Strahlen der aufsteigenden Sonne, — der vollkommene Sieg der Wahrheit, Brüderlichkeit und Liebe sein! . . . Ende Literatur« A. Berliner, Randbemerkungen zum täglichen Gebetbuche (Siddur). Berlin 1909, M. Poppelauer. Es ist dies eine gediegene Schrift über die Gestaltung unserer öffentlichen Liturgie, die sich würdig an „Der Ritus der synagogalen Poesie" von Z u n z reiht. Der gelehrte Verfasser behandelt mit großer Belesenheit und vorurteilsloser Krit'k die Entwicklung, welche das tägliche Gebet des deutsch-polnischen Ritus im Laufe der Jahrhunderte erfahren hat, seitdem es durch den Buchdruck zu einer festen Gestalt gelangt ist. Auch dann blieb der Ritus nicht ganz starr, sondern nahm in verschiedenen Zeiten manche Aenderung an, und zwar nicht nur in einigen Varianten des Ausdruckes, sondern auch durch die Aufnahme neuer Gebetstücke, die einzelne Dichter verfaßt haben, worauf sie in die Gebetbücher Eingang fanden. Das bekannteste Beispiel dafür ist das nn rob, das sich bald nach seiner Abfassung einer großen Beliebtheit erfreute und in die Gebetbücher Eingang fand. Ich möchte ergänzend in Erinnerung bringen, daß gleichzeitig mit der Entstehung jenes Gedichtes zur Introduktion des Sabbat auch ein solches aus der Feder des berühmten Forschers Asarja dei Rossi entstand, das in den südfranzösischen Gemeinden Aufnahme fand. Obwohl dieses letztere, was die Korrektheit und den Rhythmus der Sprache betrifft, das Sabbatlied des Salomo Alkabez Lbertrifft, konnte es sich doch auf die Dauer dagegen nicht behaupten. Alkabez hat eben in seinem Liede einen wärmeren nationalen Ton getroffen und dadurch ihm raschere Aufnahme verschafft. Sehr interessant sind die Ausführungen des Verfassers über die Phasen, welche das vielbesprochene fiTten n2-i2. in den achtzehn Jahrhunderten seines Bestehens durchgemacht hat. Allerdings kann ich mich davon nicht überzeugen, daß das in spaterer Zeit aus D*2'ttbi entstanden sei. Denn die Gleichstellung der Denunzianten mit den Sektierern ist sehr alt. Sehr beachtenswert ist die Stelle im Traktat Rosch-haschana 17 a, wo die Sektierer mit den Denunzianten gleichgestellt werden, zu denen auch jene gehören, welche sich von der jüdische.! Gemeinschaft losgesagt und ihre Hand gegen den heiligen Tempel erhoben haben. Gerade die letzte Bemerkung halte ich für sehr wichtig, da sie an manche Aeußerung im evangelischen Schrifttum erinnert. Eine eingehendere Erörterung dieses Punktes behalte ich mir für eine andere Gelegenheit vor. Hinzufügen möchte ich noch, daß der sephardische Ritus D'Tttteöb (ohne i) neben hat, was die Behauptung, daß das eine aus dem andern gefloffen sei, zurückweist. Ueberhaupt könnte die vorliegende Schrift durch eine eingehende Behandlung des sephardischen Ritus vielfach ergänzt werden. So möchte ich nur Hervorbeben, daß der rrrp bei Maimonides Wohl das mm 122 '2 hat, von Jsak Lurja aber mit Recht nur für die Feiertage beibehalten, hingegen für Sabbatabend gestrichen wurde. Das hat mit der Kabbala nichts zu tun, sondern ist darauf zurückzuführen, daß wir im Siebengebet für die Feiertage das 12mm nns haben, nicht aber im Sabdatgebet. Die Abneigung des gelehrten Verfassers gegen die Kabbala und ihren Einfluß auf unseren Gebetsritus teile ich nicht, denn nur ibr verdanken wir religiöse Innigkeit im Judentum und Andacht in unseren Synagogen. Vielleicht darf ich es be' dieser Gelegenheit aussprechen, daß es kein bloßer Zufall ist, wenn mit dem Hervortreten und Emporwuchern des Nationalismus im Judentum die Neugestaltung des öffentlichen Gottesdienstes mit Orgel und deutschen Gesängen, welche der Verfasser verwirft, geradezu notwendig geworden ist. Es ist dies allerdings eine Frage, die im Rahmen einer Besprechung nicht erschöpfend erörtert werden kann. — Zum Schluß ist noch zu bemerken, daß die Zuversichtlichkeit des Verfassers, die Behauptung aä absuräum geführt zu haben, welche das 122 aip’i (oder 12) auf Sabbatai Zewi zurückführt, eine erhebliche Einschränkung erfährt, wenn man sich daran erinnert, daß das p'L nach der angedeuteten Richtung stark anrüchig ist. Ob 122 oder 12, das Gebet ist zu einer Zeit entstanden, als die Sabbatai Zewi-Bewegung auf dem Höhepunkt stand. Es kann keinen anderen Sinn haben als den, dem Messias zu huldigen, und er wird wohl von Nathan Gazati, wie manches andere, in unseren Ritus hineingeschmuggelt worden sein. Es lohnt sich aber gewiß nicht, sich darüber besonders aufzuregen. Im übrigen braucht es kaum gesagt zu werden, daß das neue Buch des alten, aber nicht gealterten Gelehrten seinen Platz unter den klassischen Schriften der Wissenschaft des Judentums finden wird, denn es enthält viel mehr, als was das Titelblatt besagt. Dr. S. B e r n f e l d. Ein jüdischer Novellenschatz. Tief im dunkelsten Osten, wo das sagenhafte Halbasien des Karl Emil Franzos liegt, und weiter noch, in jener düsteren, barbarischen Gegend, die jedes Jahr einmal die Welt durch ihre blutigen Greuel erschreckt, blüht die eigenartigste und tiefsinnigste jüdische Poesie. Es ist ein sonderbares Spiel der Natur, daß sie in den Teil unserer Nasse, dem das Schicksal am übelsten mitgespielt hat, unsere größten Kulturfähigkeiten legte und daß dort die jüdische Kunst, unberührt von aller Zerstörung ringsumher, sich entfaltete wie eine kostbare, wohlbehütete Blume. Wohl hat es im Westen in den letzten Jahrzehnten nationale Kunst gegeben. Aber wenn man selbst davon absieht, daß die westlich-jüdische Literatur fast ausnahmslos eine politische, nationale, aber nicht rein künstlerische Mission erfüllt hat und daß auch die Hauptträger dieser Literatur weist Oestler oder zumindest östlicher Abstammung sind, so ist ihre Bedeutung schon deshalb nickt zu überschätzen, weil sie, negativ und pessimistisch, über ein gewisses Mittelmaß nicht hinausgekommen ist. Was allenthalben das Bestreben der national-jüdischen Politik war, zwischen dem Osten und Westen kulturell eine solche Verbindung zu schaffen, daß ein Zusammengehen zu gemeinsamen Zielen ermöglicht wird, das macht sich seit einiger Zeit auch erfreulicher Weise in der Literatur bemerkbar. An den ganz hervorragenden, eigenartigen Erzeugnissen der jüdischen Kunst des Ostens, wenn sie auch in einer Sprache geschrieben wurden, die dem Ohre des Westlers barbarisch und wie eine Verstümmelung des Deutschen klingen mußte, konnte nicht vorübergegangen werden, und es war ein Gebot nitionaler Pflicht, sie auch dem Westen näher zu bringen. Seit Jahren bemühen sich unsere Blätter, ihre Leser mit dieser Art von Literatur vertraut zu machen, Anthologien vermitteln uns ihre Gedichte. Eine übersichtliche, für den Westen präparierte Literatur fehlt uns jedoch noch immer. Insbesondere die Novelle, eine Art der Literatur, die die Oestler mit wahrhafter Meisterschaft produzieren, war in der Uebersetzung recht vernachlässigt und vogelfrei. Umsomehr ist dieses neue