Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 184 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 11 an den natürlichen Ehrtrieb der Kinder appelliert und ihr Interesse am Lernen durch einen edlen Wettstreit erregt. Kein Schüler wird mit kategorischem Imperativ aufgefordert, herauszukommen, aufs Podium zu treten und sich prüfen zu lassen. Es ist von allem Anfang an der Modus eingeführt, daß sich die Schüler freiwillig melden, ihr geistiges Eigentum zu dokumentieren. Der Eigenart der Kinder Rechnung tragend, ist es auch jedem einzelnen Schüler überlassen, innerhalb des Rahmens des behandelten Stoffes die eine oder andere Stelle zu wählen und das Ausmaß an Versen s e l b st zu bestimmen. Ist die Leistung noch so minimal, wenn sie nur korrekt ist, so wird sie gewürdigt und verzeichnet. Das Verzeichnen von Kenntnissen geschieht aber niemals in der üblichen Form von Noten, sondern die Leistung wird nach Kapitel- und Verszahl als ein geistiges Aktivum sozusagen dem Schüler gutgeschrieoen, auf sein Konto gebucht, wofür der Hauptkatalog entsprechend eingerichtet ist. Hat ein Schüler nicht entsprochen, so wird er nie getadelt, sondern seine Leistung, die eben keine war, wird ihm nicht gutgeschrieben. Der Umstand jedoch, daß sich der Schüler spontan meldet, macht es ihm zur Ehrensache, sich keine oder möglichst wenige Blößen zu geben. Während also beim öffentlichen Unterrichte zum Zwecke der Klassifikation die schlechten Leistungen ebenso genau und sorgfältig vermerkt werden wie die guten, ist der Vorgang in der Bibelschule so beschaffen, daß der Lehrer gar nicht in die Lage kommt, über schlechte Leistungen ein Urteil abzugeben und sie direkt als solche zu klassifizieren. Der Lehrer hat immer nur positive Leistungen von zumindest befriedigendem Grade zu verzeichnen, oder — gar keine. Das Fehlen des Prüfungszwanges, die Freiheit in der Wahl des Prüfungsstoffes, das Gutschreiben desselben als geistiges Eigentum und nicht zuletzt die Anerkennung des Lehrers macht das Lernen zu einer eigenen und persönlichen Angelegenheit des Schülers, was jedenfalls mehr wert ist, als die ewige Angst vor dem Geprüftwerden und den schlechten Noten. Die Erfahrung hat uns gelehrt, daß gerade dieses in den Kindern erzeugte Verantwortlichkeilsgefühl eine Regsamkeit und einen Wetteifer unter den Schülern hervorruft, die das Geprüftwerden als eine begehrenswerte Auszeichnung erscheinen lassen. Ein wichtiges pädagogisches Moment dieses Verfahrens ist darin zu finden, daß, indem in jeder Stunde verschiedene Teile des behandelten Lehrstoffes von den Schülern zum Vortrag gebracht werden, der Lehrstoff in seinem Gesamtumfange stets präsent erhalten wird. Eine kleine Schülerbibliothek sollte auch an keiner Bibelschule fehlen. Von ihrem bildenden Werte abgesehen, wird sie nebstbei in der Hand des Lehrers zu einem geeigneten Mittel, um auf den Fleiß und Lerneifer der Schüler fördernd einzu wirken. — Es ist selbstverständlich, muß aber inbetreff der Bibelschule doch betont werden, daß sich der Lehrer der Reihe nach gleichmäßig mit jedem einzelnen Schüler beschäftigen soll und keinen wegen seiner geringeren Begabung vernachlässigen darf. Ist der Schüler vorläufig noch nicht imstande, mit den anderen Schülern gleichen Schritt zu halten, so will er doch „drankommen" und in der Behandlung gegen seine Mitschüler nicht zurückgesetzt sein. Namentlich bei der Fragestellung an einzelne Schüler ist ein Individualisieren von Wichtigkeit, da es angezeigter erscheint, Fragen, bei welchen es zweifelhaft ist, ob sie der Schüler beantworten werde, zu unterlassen. Das Nichtwissen verstimmt. Man stelle an solche Schüler absichtlich leichte Fragen, um ihnen an der Beantwortung derselben Freude zu machen. Bei Fleißleistungen lasse man es niemals an einem Worte des Lobes fehlen. Der Schüler hat ein Anrecht auf diese Art von Belohnung. Außerdem ist sie das einzige Mittel, das dem Lehrer immer zu Gebote steht, um die Energie der Schüler zu wecken und zu beleben. Aus dem Zwecke und Ziele der Bibelschule ergibt es sich, daß sich der Unterricht nicht auf die männliche Jugend allein beschränken dürfe Ernster denn je muß in unserer Zeit, da sich die soziale Stellung der Frau verändert, die Festigung des religiösen Bewußtseins auch unserer Heranwachsenden Mädchen und künftigen Frauen und Mütter ins Auge gefaßt werden. Nur zu oft hören wir Religionslehrer aus dem Munde junger Mütter auf den Vorhalt über die geringen Fortschritte ihres zarten Sprößlings im Hebräischen das verlegene Geständnis: Ich kann leider dem Kinde nicht helfen, da ich selbst nicht hebräisch lesen kann und davon nichts verstehe. Während also die Mutter ihrem Kinde auf dessen Bitte beim Gebrauche des Griffels liebevoll die Hand führt, ihm bei Anfertigung der anderen Schulaufgaben gerne hilft, muß sie, sobald es das hebräische Lesebuch aus der Schultasche hervorholt, es dem Kinde überlassen, selbst damit fertig zu werden. Und das Kind wird damit auch bald fertig, indem es dieses Büchlein wieder in die Schultasche steckt und es zu Hause sobald nicht wieder hervorholt. Die natürliche Folge ist, datz das Kind durch das Zurückbleiben und durch die schlechten Fortgangsklassen in einem Hauptgegenstande immer mehr verstimmt wird, daß sich die Verstimmung auch auf die Ellern überträgt und zuletzt nicht selten in Widerwillen, ja, in Haß gegen den Religionslehrer, gegen die Religion, gegen das Judentum ausartet. Die Behauptung ist nicht allzugewagt, daß mancher Abfall vom Iudentume, wenn man ihn bis auf seinen ursächlichsten Anfang verfolgen könnte, vom ersten Schuljahre zu datieren wäre, da der AVC-SchüAe vergeblich die Mutter bat, ihm auch über die ersten Schwierigkeiten des hebräischen Vuchstabierens hinwegzuhelfen. Wie gut begreifen wir heute die Bemerkung unserer Alten, Gott habe sich bei der Offenbarung zuerst an die Mütter gewendet, damit sie ihre Kinder in die Wege der göttlichen Lehre leiten: (Exodus Rabbah 20). Ohne die Mädchen prinzipiell vom Unterrichte im Pentateuch ausschließen zu wollen, erscheint es bei einem nur zweistündigen wöchentlichen Unterrichte zweckmäßiger, der alten Gepflogenheit gemäß, sich zunächst auf das Gebetbuch zu beschränken und dessen eingehende Kenntnis zum Gegenstände des Unterrichtes zu machen. Bei dem empfänglicheren Gemüte, der besseren Aufmerksamkeit, der regelmäßigeren Frequenz, dem größeren Fleiße, welche im allgemeinen die Mädchen vor den Knaben auszeichnen, fallen die Bedenken, welche bei letzteren bezüglich des Gebetbuches für den Anfangsunterricht geäußert wurden, nicht so schwer ins Gewicht, um von der bisher geübten Praxis abweichen zu müssen. Das Gebetbuch muß als Ganzes genommen und in allen seinen Teilen berücksichtigt werden. Nur so wird das Kind mit dem Inhalte des Gebetbuches vertraut gemacht und zum praktischen Gebrauche desselben befähigt. Es wäre unserer Ansicht nach nicht richtig, im ersten Jahre nur Gebete für Wochentage, im nächsten solche für Sabbath, im dritten wieder solche für Neumondstage usw. der Reihe nach zu behandeln, weil bei dem fluktuierenden Schülermaterial der Vibelschule selten ein Kind länger als zwei bis drei Jahre an dem Unterrichte teilnimmt. Zweckentsprechender erscheint es, den Stoff für den Lehrplan so auszuwählen und auf zwei oder drei Jahre zu verteilen, daß in jedem Jahre aus allen Teilen des Gebetbuches Hauptstücke zur Behandlung kommen. Es empfiehlt sich ferner, darauf zu achten, daß die behandelten Gebetstücke von den Kindern nicht mit der Seitenzahl, wie es gewöhnlich geschieht, sondern immer nur mit ihren Anfangsworten be-