Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 11 (12.3.1909)
- Date
- 1909-03-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 Dr. Blochs Wochenschrift. Lette 183 gleich es ihm auch hierbei nicht am Martyrium fehlen wird. Empfangen Sie, geehrteste Frau, nebst Ihrem verehrten Herrn Gemahle und den lieben Kindern die besten Grütze, und aus Anlatz der nahen Jahreswende auch die herzlichsten Glückwünsche Ihres hochachtungsvoll ergebenen Dr. F i s ch h o f. Heinrich Uork Steiners*) Gedenkrede auf Dr. Leopold Kahn, sel. Andenkens, im Wiener Zionistischen Franenvereine, 16. Februar 1909. Vor etwa zwölf Jahren stieg hier in Wien meteorgleich die Lichtgestalt Theodor Herzls empor. Dieser seltsame Ausstieg beleuchtete auch unseren Lebenspsad; der Enthusiasmus, der binnen wenigen Jahren eine Weltbewegung geschaffen hatte, riß auch ernste Männer mit, die in der Vollreife ihres Lebens standen, berauscht und hingerissen von dem Glücke, das hier dem Judenvolke ecstehen sollte, fast alles fahren ließen, was sonst Lebensaufgabe und Menschenstreben bedeutet, um sich ganz der neuen Aufgabe zu widmen — der Verbreitung der neuen Doktrin, der Propagierung des Zionismus. Unter diesen Männern einer der gereiftesten dem Alter nach war Jur.-Dr. Leopold Kahn. Aber die Farbe seiner Haare täuschte über seine Kräfte. Unter dieser Asche glühte es heiß und wallend, und wenn seine Gefühle zu Worten wurden, dann zogen sie, breit ausladend, in kräftigem Stoß jeden Widerstand niederzwingend, über die Massen hin. Dr. Leopold Kahn war mir eine Personifikation jenes tüchtigen Judentums aus dem Osten, das, jahrhundertelang in seinen Gefühlen niedergehalten, plötzlich zur Freiheit gekommen, endlos zu sagen und zu klagen weiß, antiquiertes Wissen und uralte Spruchweisheit mit modernen Fromen vermählt so ein neues überlebendig pulsierendes Leben schafft und alles reizvoll gestaltet und farbig sieht, was den Alltagsleuten grau und reizlos erscheint. Dr. Leopold Kahn, der zu den intimsten Arbeitsgenossen des Herzlichen Kreises gehörte, blieb oft wochenlang seinem Berufe fern, um, samt seiner wackeren Frau Sidonie die Lehre von Zion und dem Zionismus in vielen Städten Oesterreichs und Deutschlands zu verkünden, und überall verblüffte seine intime Kenntnis der altjüdischen Lehre und der hebräischen Literatur. Als unser Freund Professor Leon Kellner die erste jüdische Toynbeehalle in Wien gründete, waren Leopold und Sidonie Kahn seine ausdauerndsten Mitarbeiter. Diese prächtige Gründung, die uns Wiener Zionisten so viel Opfer an Kraft und Geld gekostet hattte, mußte schließlich der vornehmen Vereinigung der B. B. übergeben werden, weil keine Institution der Zionisten von den Juden Wiens je unterstützt wurde und wir Zionisten niemals Geld fanden außerhalb unseres eigenen, kleinen Kreises — und mag der Zweck noch so gemeinnützig gewesen sein. Denn das war das Charakteristische dieser letzten Jahre im Leben der Wiener Juden, daß wir alle, die sich dem Wohle ihres Volkes im Sinne Theodor Herzls widmeten, bekämpft, bedroht und verfolgt wurden — von den Juden. Wir Aelteren, der Psychologie des jüdischen Volkes nicht fremd und besonders vertraut mit den Eigenschaften der modernen, jüdischen Großstadtbewohner, wir waren auf diesen Lohn für unsere Mühen, für unsere vernachlässigten und zum Teil zerstörten Existenzen gefaßt. Ganz anders die nachwachsenden jungen Leute. Sie in ihrer gerechten Erbitterung verstanden unsere verzeihende Milde nicht, die sich immer bewußt war, daß der Gegner nur durch ein vornehmes, wahrhaft zionistisches Leben und Arbeiten, nicht durch lauten Wortschwall oder schmälendes Drohen zu bezwingen fei. Wir ver¬ *) Herr Dork-Steiner gibt in dieser kurzen Gedenkrede in scharfen Strichen ein so interessantes Stück Entwicklungsgeschichte des Zionismus in Wien, daß wir sie wörtlich abdrucken. Die Redaktion. gaffen nie, daß nur aus den Reihen der Gegner die Anhänger zu gewinnen seien, denn die meisten Juden waren Gegner. Wir waren als die Ersten mit einem radikalen Programme gekommen, wir hatten das Denken und Fühlen der Juden an der Wurzel gepackt, wir wollten ihre ganze Lebensanschauung umstoßen, ihre Lebensweise ändern: sollten wir nicht als unklug, überhitzt, ja als wahnwitzig gelten, dann mußte die Form unserer Rede vornehm, die Art unseres Handelns vorsichtig sein, das heißt wahrhaft politisch. Un'ere jungen Leute, denen wir mit dem Einsätze unseres ganzen Lebens die Wege geebnet hatten, ihnen war jede Kultuswahl ein weitbedeutendes Ereignis, eine Frage der Weiterex ftenz des Zionismus, ihnen galt als feige, was wir für klug hielten, und überklug oder gar vorteilsuchend, was uns taktisch notwendig schien, um nicht in den Rahmen einer kleinen Sekte gepreßt zu werden. Und so kam es, daß Dr. Leopold Kahn, politisch verfolgt, im Kreuzfeuer zweier feindlicher Linien seine Tage vereinsamt beschloß. Doch nur politisch einsam, aber an Liebe reich, an der Seite einer wackeren, hochverehrten Frau, der Gründerin des ersten zionistischen Frauenvereins. Und darum ist es mir eine besondere Genugtuung, daß mir, seinem alten Kampfgenossen, der ich mit ihm an mancher Bresche kämpfte und einstens unter Sturm und Braus zusammen mit ihm Prag für den Zionismus gewonnen hatte, daß ich berufen bin, ihm heute an dieser Stätte Worte der Liebe ins ferne Grab nachzusendeu. (Das Publikum erhob sich von den Sitzen.) Dr. Leopold Kahn! Was immer Dir an Leid widerfahren ist, an Kummer und Bitternis, an übler Rede und Kränkung, sei es von Juden oder gar von Genossen Deiner Gesinnung, es wird alles überstrahlt von dem großen Glück, das Dir durch Deine Mitarbeit an unserem schwierigen Werke geworden ist. Denn Dein Name wird für alle Zeit verknüpft sein mit dem Theodor Herzls, mit der Geschichte des Zionismus, und so Gott will, mit der des jüdischen Bottes. Das Andenken des Gerechten sei uns zum Segen. Die Sibeischuie und der Unterricht an derselben. Vortrag, gehalten im israel. Religionslehrervereine „Esra" in Wien. Von Religionslehrer L. Wiesuer. (Schluß.) Das Prüfen möchten wir dem Sinne und der Bedeutung nach, die es beim öffentlichen Unterrichte hat, aus der Bibelschule verbannt wissen. Das Prüfen wird allenthalben als ein Uebel empfunden, das allerdings, insofern es nicht ganz vermieden werden kann, ein notwendiges Uebel ist. Josef Unger sagt: „In Oesterreich wird zu wenig gelernt und zu viel geprüft". Nur mit Widerwillen unterziehen sich viele Kinder dem Prüfen, das sie mit Unmut erfüllt. In der Bibelschule aber, wo sowohl Schulbesuch als das Lernen auf dem freien Willen des Kindes beruht, kann und darf von einem System des Zwanges, wie es das Prüfen ist, niemals die Rede sein. Hier muß jeder Versuch, auf den Schüler irgend welche Pression auszuüben, von vornherein schon aus dem Grunde vermieden werden, weil der Lehrer, durch keine Disziplinarmittel gedeckt, seine Autorität nicht aufs Spiel setzen darf. Sobald der Schüler in der Vibelschule einen Druck verspürt, sucht er sich von dem Besuche derselben zu befreien. Wie soll es nun der Lehrer einrichten, den Lerneifer der Schüler derart zu steigern, daß der behandelte Lehrstoff ganz oder zum Teil ihr geistiges Eigentum werde? Was durch das herrschende Noten- und Klassifikationssystem nicht zu erreichen ist, wird man auf dem Wege der Freiwilligkeit erlangen, indem man