Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 176 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 10 umdräuen, nicht verzagen, wie unser großer Prophet, Moses, der die Hand nicht sinken lieh, als unsere Väter von Amalek heimtückisch angefallen wurden." H aman (listig lächelnd): „Amalek, das ist wohl mein Stammvater, von dem ihr miiff, ihr schlauen Juden, abstammen lasset? Mein Geschlecht geht weit zurück, Amalek war mein Ahne. Er lebt noch fort. Hat euch schon manchen Tort bereitet. Es lebe Amalek." Mard echai (zuversichtlich): „Wir fürchten ihn nicht, mag er auch in den verschiedenartigen Susas sein Unwesen treiben. Mit starker Hand und ausgestrecktem Arme wollen wir ihm entgegenziehen." Esther (boheitsvoll, mutig): „Und unsere Frauen mögen die Männer in ihrem Kampfe unterstützen. Sie sollen an Mirjam denken, die Prophetin, an Deborah. die Richterin. das Weib, mit dem flammenden Geiste, an Ruth, die Treue, die Große, die Milde. Große Heldinnen sind aus unserem Volke hervorgegangen und, solange es uns an solchen nicht fehlt, ist mir für seine Zukunft nicht bange. Ahasver' (zärtlich): „Vergiß auch nicht an das Beispiel, das du den Frauen deines Stammes gegeben, meine Esther." Haman (wütend): „Und doch wird eine Zeit kommen, in der meine Pläne sich erfüllen werden." Mard echai (Mit 'gen Himmel gerichtetem Blicke): „Niemals. Das lehrt uns unser Buch, das den Namen E st h e r s führt. Esther, der Stern leuchtet uns im Dunkeln, und er wird siegen. Verfliegen wird die Nacht und erglänzen wird unser Stern. Vertrauen und kämpfen wir weiter." Haman sinkt unter höllischem Gelächter in die Tiefe. Auf lichter Bahn schreiten Esther und Mard e ch a i zur Höhe empor. In Gedanken versunken, sitzt Ahasver auf einer umgestürzten Säule und murmelt vor sich hin: „Sonderbares Volk, es ergibt sich nicht. Es gleicht einem Baume, dessen dürre Zweige abfallen, aber der Stamm ist gesund. Der setzt stets neue Zweige an. . . . Ein sonderbares Volk, ein wunderbares. . . ." Im fernsten Osten leuchtet die Morgenröte auf. Dr. Mar Grünfeld. Literatur. Jüdische Frage«. Sammlung von wissenschaftlichen Arbeiten aus dem Seminar des Vereines zionistischer Hochschüler „Tbeodor Herz!" in Wien. BuckNchmuck von Dr. Oskar Rosenfeld, Wien. Selbstverlag: Wien VIII., Alsersirasie 7 Der unmittelbar nach dem Tode Theodor Herzls gegründete und mit seinem Namen gezierte studentische Verein erhält ein Seminar, besten Zweck die wissenschaftliche Bearbeitung aller jüdischen Fragen und die genaue Kenntnis aller zionistischen Angelegenheiten ist. Das Seminar besteht aus einzelnen Referenten, die sich für die Referate in jedem Semester freiwillig melden. So wurden seit dem 1. Vereinsjahre 1904—5 bis zum Wintersemester 1908—9 im ganzen 259 Vorträge gehalten, und zwar 224 von Mitgliedern des Vereins, lauter jungen Akademikern, der Rest von Gästen. Die behandelten Gegenstände bezogen sich auf den Zionismus, auf Palästinakunde, hebräische und jüdische, wie deutsch-jüdische Literatur, auf Nationalökonomie, jüdische Geschichte, Statistik und Kunst. Die durchschnittliche Besucherzahl pro Abend betrug 15 Personen. Das Resultat dieser Seminararbeit, die in Referaten und Diskussionen bestand, liegt in dem sehr hübsch ausgestatteten, 147 Seiten starken Buche vor, das durch die Kunst des sehr begabten Dr. Oskar R o s e n f e l d einen höchst anziehenden Schmuck im Sinne Liliens erhalten hat. Jedes Fach des Seminars ist durch eine Abhandlung vertreten. Am wissenschaftlichsten der Methode nach ist die längste Abhandlung des Dr. D. Pasmanik: „Nation und jüdische Nationalität." Mit logischer Schärfe entwickelt der Verfasser, ein Hauptführer der Poale- Zionisten, seine Gedanken: sie sind aber zu stark vom Sozialismus durchtränkt, als daß wir ihnen voll beipflichten könnten. Es ist ein Schulbeispiel, wie der ertreme theoretische Sozialismus in Mystizismus übergeht. Ein Beispiel: Pasmanik nennt als Grundfaktoren, die zur Entstehung der Nationen führen, das Territorium und die Sprache. Jenes schaffe die Wirtschaftsgemeinschaft, diese die geistige Kulturgemeinschaft. Damit können wir uns zufrieden geben. Man kann diese Ansichten verstehen. Nun heißt es aber: Das Zusammenwirken beider Faktoren, d. i. des Territoriums und der Sprache, führt zur Schicksalsgemeinschaft, deren Hauptausdruck das gemeinsame Fühlen und Wollen bedeutet. Und nun sagt er: „Eine Nation ist eine solche Gruppe von Menschen, die das gemeinsame Schicksal nicht bloß erleidet, sondern auch anstrebt." Erst später kommt Pasmanik in attributiver Form auf das hier allein verständliche Wort: „Geschichte". Die gemeinsame Geschichte ist der Hauptfaktor einer Nation. Das konnte eben klarer gesagt werden. Dasselbe hat Moritz Lazarus z.B. schon vor fast 30 Jahren glänzend auseinander gesetzt. Diesem großen, tiefen Denker ist eine kleine Betrachtung in dem Buche gewidmet, die sehr ungerecht, sehr einseitig und oberflächlich ist. Der Verfasser hat keine Ahnung von der wissenschaftlichen Bedeutung des Philosophen Lazarus. Diese Auslassungen des Herrn Dr. Meisel gereichen dem Buche nicht zur Ehre. Was über Berschadski gesagt ist, macht den Eindruck des Wahren. Wir können es nicht nachprüfen. Der Essay des Herrn Oswald Löbl über: ..Jakob Wassermann und seine Juden" ist flott geschrieben und sehr wortreich. Es ist der Stil der Modernen: wir wünschten Herrn Löbl Abklärung und Vertiefung in klastische Lektüre. Streng wissenschaftlichen Charakter haben die Arbeiten von Leo Goldhammer und Dr. I. Schipper, die bleibende Resultate bringen. Der erstere spricht über „Judenwanderungen" und kommt zu dem Schlüsse, daß der Fortbestand des jüdischen Volkes als Nation und der Besitz Palästinas nur gesichert sei, wenn ein jüdischer Ackerbaustand geschaffen wird. Diese These ist mit schönem und gutem Material belegt, nur fehlt der Nachweis, daß gerade Palästina das Land sein müsse, in dem sich die These verwirklichen soll. Der zweite, durch ein Buch über die „Anfänge des Kapitalismus bei den abendländischen Juden", Wien, 1907, bereits bekannt, schildert die „Agrarkolonisation der Juden in Polen" mit besonderer Berücksichtigung des 14. und 15. Jahrhunderts, auf Grund von Quellenstudien, und bringt viel Neues. Dr. Schipper wird durch seine Studien sich ein großes Verdienst um die jüdische Geschichte erwerben. Ein Referat, d. h. eine sachliche Zusammenstellung des Wichtigsten aus der Literatur, ein wahres Muster für solche Berichte über die Forschungsergebnisse der Gelehrten, ist der Aufsatz „Palästina" von Artur Felir. Ebenso ist der Bericht des Lehrers am hebräischen Gymnasium Jaffa, Dr. Ernst Müller, über „Die Sprache