Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 10 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 175 Haman (mit verzerrten, dämonischen Gesichtszügen): „Dieses Völkchen eben meine iches hat sich erhalten und die Jahrtausende überdauert. Römer und Griechen, Germanen und Mongolen konnten diesen Juden nichts antun. Sie leben fort. Leben, trotzdem es an meinen Nachfolgern n i e und nirgends fehlte. Ja» ich habe Erben meines schäbigen Ruhmes zu allen Zeiten gehabt. Die haben Juden gehängt, verbrannt, gepfählt, aber dem Volke haben sie nicht schaden können. Das hat sich, wie der Phönix, stets aus der Asche erhoben. Die Hamans haben mein Geschick geteilt, aber das Judenvolk hat sie überlebt. In der Tat, ein zähes Volk, das Volk der Mardechais. Du erinnerst dich doch noch, großer König, jenes Juden mit der ehernen Stirne und dem stolzen Blicke?" Ahasver (in Erinnerung versunken): „Wie sollte ich nicht. Das war der Jude mit dem starken Nacken, der sich vor dir, guter Haman. nicht beugen wollte." (Spöttisch.) „Er hat,dir, mein Reichskanzler, manche unangenehme Stunde bereitet. Ich erinnere mich noch des Galgens, den du ihm bereitet, 50 Ellen hoch. Und ich denke der Stunde, da du deinen Todfeind durch die Straßen Susas führtest. Er auf hohem Rosse und du, Haman, neben ihm, wie ein Kameltreiber. Es wäre sehr lustig gewesen, wenn es nicht gar so traurig für dich ausgegangen wäre." (Ahasver lacht.) Haman (verhüllt sein Haupt mit seinem schäbigen Mantel): „Erinnere mich nicht an die traurige Stunde, großer König. Es ist lange her. Aber mir sind Rächer erstanden. Wisse, die Hamans sind n i e ausgestorben. Freilich, ihr Geschick glich meist dem meinen. Und diese verruchten Juden bestehen noch immer. Sie feiern auch noch ihr Purimfest, die Erinnerung an jenes Los, das ich einst warf, lebt fort unter ihrer Nachkommenschaft. Denke dir nur, mächtiger König, einer von ihnen hat die unangenehme Geschichte, die mir einst passierte, ausgeschrieben. Alljährlich lesen sie diese Purimgeschichte, verhimmeln Mardechai, hängen mich auf den Galgen, und auch du kommst in der Geschichte nicht gerade gut weg. großer Despot. Ahasver, d er du einst mit Köpfen von Satrapen und Geschicken von Völkern spieltest. Die Geschichte aber nennen sie Buch E st h e r." Ahasver (in tiefen Sinnen): „Esther, welch ein Klang, das ist ja der Name jenes herrlichen Weibes, das mich einst entzückte und mich Waschti vergessen ließ. O, wenn ich Esther noch einmal sehen könnte." — Mardechai (ehrwürdig, mit langem schneeweißen Barte) und Esther (in jugendlich holder Blüte erscheinen) f Esther: „Dein Wunsch, großer König und erhabener Gemahl, wird erfüllt, hier bin ich. hie Retterin meines Volkes, und hier ist Mardechai. der einstens dir das Leben rettete. Verbirg dich, Haman, nicht. Wohl hast du ein schlechtes Gewissen, du hast gefrevelt gegen meine Nation, und deine Nachfolger tun es auch jetzt noch. Aber über mein Volk wacht das Auge eines Königs, der nicht schläft und schlummert. Wir haben sie überdauert, die Völker der alten Zeit, denn unser Reich ist nicht von dieser Welt, und kein Despot oder Tyrann ist imstande, das zu vernichten, was uns der König aller Könige spendete. Wir haben schwere Zeiten durchlebt, unser Heiligtum würde zerstört, die herrliche Stadt, der Sitz unserer Könige und unserer Propheten wurde die Beute welterobernder Völker, alles, alles, konnten sie uns nehmen, npr ein Buch nicht." Ahasver (Ungläubig): „Ein Buch? Auf einem Buche, Esther, beruht der Bestand deines Volkes? Eine sehr schwache Grundlage, in der Tat." Mardechai (lebhaft einfallend): „Schwach, sagst du. o, König. Wie ist doch dein Auge geblendet! Siehe, hier wandeln wir auf den Trümmern der einst so mächtigen Residenz Susa. Wie viele gewaltige Städte sind nicht nur in deinem Reiche, o König, sondern auch in anderen Ländern hingestürzt. Wir Juden sahen den Sturz, hörten die Donnerstimme des Weltgerichtes — und wir bestehen fort und werden fortbestehen." — Haman (bissig) : „Wenn nicht doch einmal irgend einer meiner mächtigen Nachfolger euch vernichtet. Ich verlasse mich darauf. daß aus meinen Knochen mein Rächer erstehen wird." (Er lacht teuflisch auf.) Mardechai (sehr ernst): „Wir fürchten dich nicht, Haman: wir beugten unfern Nacken nicht vor dir. und wir scheuen nicht deine Nachfolger und Erben, mögen sie auch manchmal noch blutiger und grausamer sein als du. Freilich", «mit trauriger, melancholischer Miene), „die Hamans in unserer Mitte, sie sind es. die uns viel Sorge bereiten." Ahasver (lebhaft): „Gibt es auch solche? Ich entsinne mich, daß ihr einstens ein gar mutiges, tapferes Volk wäret. Vertrauend auf euren unsichtbaren Gott und euer gutes Recht. Doch, Esther, du sprachst von einem Buche, das euere Zukunft sichert. Wie heißt dieses Buch?" Esther (milde): „Es führt meinen Namen und wird nie untergehen, wenn es auch unsere Feinde, wie sie sagten, in die Tiefen eines Stromes versenken wollten." Mardechai (mit verzücktem Gesichte): „Wahr ist's, das Buch Esther wird nie untergehen, es ist unsere kleine Bibel, denn es sagt uns: Zu allen Zeiten sind die Hamans wider uns aufgestanden. Er aber, unser König und Vater, der über uns wachte in der Nacht, da dich einst, großer König, der Schlaf floh, wird uns beschützen, wenn die Nacht des Unglücks sich rings um uns breitet. Freilich ist es notwendig, daß wir auf ihn vertrauen und nicht verzweifeln." — Ahasver (bedeutsam) „Und Männer, wie du. Mardechai. dürfen deinem Volke nicht fehlen." (Mit liebevollem Blicke zu Esther gewendet.): „Aber auch nicht Frauen, wie es meine Esther war. Männer mit starkem Nacken, Männer, die sich nicht beugen, die ausharren im Kampfe, nicht vor den Hamans fliehen." Haman (spöttisch): „Werden diese immer in eurer Mitte zu finden sein?" Mardechai (stolz): '.Hoffen wir es. Du hast, o großer König, ein bedeutsames Wort gesprochen. Tapfere Männer brauchen wir, deren Hand stark bleibt, selbst wenn Feinde uns