Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 174 Nr. 10 Dr. Blochs Wochenschrift. Brünn. (Vortrag.) Sonntag hielt, als erste weibliche Vortragende seit dem Bestände der hiesigen Toynbeehalle, Frl. Lya Steif, Tochter des Herrn Rabbiners Steif, einen interessanten Vortrag über: „Die jüdische Frau im Mittelalter". Die fesselnden, humorvoll gehaltenen Ausführungen, in wissenschaftlicher Weise ausgearbeitet, wurden von dem zahlreichen Publikum mit lebhaftem Beifall ausgenommen. Es wäre zu wünschen, daß auch andere weibliche Vortragende herangezogen würden. Merau. D. K a h a n e, Komponist aus Wie n, gegenwärtig in Meran, erfreut das Publikum durch seine Kompofitionen, die im Bar „Grand Hotel Meranerhof", sowie im Wintergarten - „Hotel Europa" durch das beliebte Quartett Fichtner ein distinguiertes Publikum heranziehen. Zu den beliebtesten Stücken gehören: Russisches Lied und Tanz, Mazurka, sowie Romanze und Tarantelle. Auch verdient das Violinspiel des Herrn Fichtner große Anerkennung. L. Tschechischer Antisemitismus. Aus Brünn wird berichtet: Aus Anlaß der im Marz stattfindenden Ergänzungswahlen in die Handelskammer hat der tschechische Zentralausschutz einen Wahlaufruf veröffentlicht, in dem er unter anderem die jüdischen Wähler durch Drohungen von der Wahl der deutschen Kandidaten abzuschrecken versucht. Der Aufruf ist, freilich erst, nachdem ihm die tschechische Presse im ganzen Lande bekannt gemacht hat, unter Berufung auf das Wahlfreiheitsgesetz vom Jahre 1907 beschlagnahmt worden. Berlin. Das deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle teil mit, daß das Zentralkomitee der Alliance in einer Sitzung von Ende Februar Herrn Rabbiner Professor Israel Levi und Herrn Bildhauer Emanuel Hannaur — diesen an Stelle des ausgetretenen Herrn Felir Alcan — kooptiert hat. Misrachi Mitteilung. Auf dem 8. Zionistenkongreß wurde von den im Haag versammelten Anhängern des „Misrachiein Kapitalfond für die Gründung einer hebräischen Mittelschule in Palästina gezeichnet. Das zur Durchführung des Unternehmens gebildete Komitee wurde inzwischen durch den Beitritt mehrerer angesehener, dem Zionismus nicht angehörender Männer der deutschen gesetzestreuen Judenheit erweitert und das Unternehmen dadurch auf eine breitere Basis gestellt. Nach längere Zeit dauernden Ermittlungen hat das Komitee von der Errichtung einer neuen Schulanstalt abgesehen, bot vielmehr beschlossen, die seit einigen Jahren in Jaffa bestehende Tachkemonischule zu übernehmen und in eine nach modernen pädagogischen Grundsätzen geleitete Schule umzugeftalten. Die Leitung der Schule, die den Namen „Hebräische Mittelschule Tachkemoni in Jaffa" führen wird, wurde dem geprüften Oberlehrer für Mathematik und Phhsiik — Herrn N. Schlesinger — aus Hamburg übertragen. Als Lehrer wird von dem Komitee zunächst noch Herr Dr. Engel, der nach längerer Lehrtätigkeit an dem Jung'- schen Gymnasium in Ung.-Brod noch eine Zeit lang speziellen pädagogischen Studien obgelegen hat, nach Jaffa entsandt werden. Beide Herren werden ihr Amt nach Peffach antretev Schatzmeister des Komitees, der sich demnächst mit einem Aufrufe an die weitere Oeffentlichkeit wenden wird, ist Herr Josef W. Hackenbroch, Frankfurt a. M., Röderbergweg 30. Konstantmopel. (Mitteilung des Deutschen Bureaus der Alliance Israelite Universelle.) Die am 24. Ianuar erfolgte Wahl des Herrn Professor Na hum zum Chacham Baschi der Türkei ist jetzt von der Regierung bestätigt worden. Newyork. Das Komitee des Repräsentantenhauses für die auswärtigen Angelegenheiten legt dem Plenum die Empfehlung vor, daß der Präsident ersucht werde, Rußland aufzufordern, auch die für amerikanische Bürger israelitischer Konfession ausgestellten Pässe anzuerkennen. Feuilleton. Purim. Ein Märchenspiel aus der Vergangenheit für die Gegend art. Personen: Ahasver. Esther. Mardechai. Haman. Schauplatz: Die Trümmer von S u s a. Mondbeglänzte Nacht. Ahasver G (nachdenklich, für sich hingehend): „Das hätte ich, der mächtige Despot und Beherrscher eines Reiches von 127 Satrapien, eines Reiches, das von Hodu bis Kusch seine gewaltigen Fangarme ausstreckte, nie gedacht, daß dieser Koloß zu Staub und Asche werden könnte. Untergegangen ist mein Weltreich, die Beute wurde es großer Eroberer, und dies heutige Persien ist nur ein Schatten der Macht, welche ich mein nannte. Was ist im Verlaufe der Jahrtausende mit meinem Reiche geschehen? Eroberer sind über diesen Boden einhergeschriiten, sie haben zerstört und geplündert, ihre Rosse haben alles zerstampft, und nun sitze ich auf den Trümmern meiner einst so prächtigen, schwelgerischen Residenz. Susa, was ist aus dir geworden? Eine Trümmerstätte, ein Schlupfwinkel für lichtscheues Getier. Wohin ist mein Palast gekommen, in dem ich einst meine prunkvollen Feste feierte? Mein Palast, der vom dem Gesänge der Berauschten erdröhnte, in dem die Siegeslieder angestimmt wurden zu Ehren der Götter, die mir Herrschaft verliehen über die Völker des Erdballs? Dahin, alles dahin. Zernagt vom eisernen Zahne der Zeit. Und wo sind die Völker, die ich einst mit meinem wuchtigen Szepter beherrschte? Verweht sind ihre Spuren, vernichtet ihre Kultur. Wer hätte dies geahnt?" Haman (mit scheuem Blicke und abgerissenem Gewände): „Wer trauert hier auf einsamen Trümmern? Wer klagt auf öden Ruinen? Ach, du bist's, Ahasver. Einst mein willig Werkzeug, nun ein Schatten, gleich mir. Herr und Knecht, hier treffen wir uns wieder, und so müssen wir uns Wiedersehen. Du klagst über eine Vergangenheit, die in entschwundener Pracht vor dir aufsteigt. Meine Macht ist auch gebrochen. Die Völker, die sich einst vor meinem Befehle beugten, sind nicht mehr. Aber, merkwürdig, ein Volk ist doch geblieben. Es hat sich aus der Vergangenheit in die lichte Gegenwart gerettet. Und, weißt du wohl, Ahasver, Gebieter, welches dies Volk ist, das ich meine?" Ahasver: „Dunkel ist mir deiner Worte Sinn. Ich kann sie nicht erfassen. Nichts sehe ich als Trümmer. Babylonier Phönizier, Aegypter, Griechen, und wie sie alle geheißen haben mögen, die Nationen, die ich einst beherrschte, sind nicht mehr. Und du sprichst von einem Volke, das die Zeiten überdauert haben sollte. Muß ein merkwürdiges, ein Wundervolk sein, deine Nation." Haman: „Ist es auch. Und das wunderbarste liegt darin: die Nation, von der ich spreche, ist die. welche ich einst mit unauslöschlichem Hasse verfolgte, von der ich sagte, sie lebe zersprengt und zerstreut unter den Völkern deines weiten Reiches, sie befolge ihr Gesetz und nicht das des Königs." Ahasver: „Du meinst doch wohl nicht das Iudenvölkchen? Das Völkchen Mardechais, der dir so arg milspielte, dir, dem despotischen Kanzler meines Reiches." (Er lächelt höhnisch.)