Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 109 Wie wir einem Artikel bes Herrn H. Weizner aus Sarajewo im Krakauer Organ des „Misrachi", „Hamizpeh", entnehmen, wurde zum Zwecke des Schutzes der Rechte der Juden ein ständiges Zwölferkomitee, bestehend aus sechs Sephardim und sechs Aschkenasim gebildet. Herr Weizner schließt seine interessanten Ausführungen mit folgenden Worten: „Dank gebührt dem hochverehrten Präsidenten des Bundes und der Wiener Kultusgemeinde, Herrn Dr. Alfred Stern, der von der Zeit an. da wir bei ihm in Wien vorsprachen, uns ununterbrochen mündlich und schriftlich ermahnt und gebeten hat. uns zu vereinigen und zusammenzugehen und wie eine Gemeinschaft zu sein. Nur seinem Hinzutun verdanken wir die nunmehr zustande gekommene Einigung. Als seine von wahrer Liebe zu seinem Volke und seiner Religion erfüllten Zuschriften in den Sitzungen des erwähnten Zwölferkomitees verlesen wurden, da lebte mein Geist auf, und fast weinte ich vor Freude und Bewunderung über seine eindringlichen Worte, die erfüllt waren von heißer Liebe zu unserem Volke und stets in die Mahnung ausklangen, einig zu sein angesichts der Gefahr von außen." Der Präsident der Israel. Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, und die jüdisch-akademische Verbindung „Anitas". Das zionistische Parteiorgan, die „Jüdische Zeitung", publizierte die offizielle Ankündigung, daß die jüdischakademische Verbindung „Anitas" in diesem Winter ihr dreißigsemestriges Fest veranstaltet. Aus diesem Anlasse findet Freitag, den 26. Februar. 6 Ahr abends auf der „Bude" ein Festkommers statt. Tags darauf, am Samstag, vormittags um halb 10 Uhr, versammeln sich die Festteilnehmer zum Frühschoppen in der Allpilsenetzer Bierhalle, worauf gemeinsame Auffahrt — am Samstag — zur Universität und Technik stattfinde. Eine Deputation dieser Studentenverbindung, bestehend aus den derzeitigen Führern, erschien im Bureau des Kultusgemeinde-Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern, überbrachte ihm persönlich die Einladung zum Festkommers und unterbreitete ihm die Bitte, sämtlichen Vorstandsmitgliedern der isr. Kultusgemeinde von dieser Einladung Kenntnis zu geben. Der Präsident Dr. Alfred Stern erteilte den jungen Leuten eine sehr nachdrückliche Lektion. Abgesehen davon, daß er an diesem Tage Jahrzeit hat und hält, kann er persönlich das Vorgehen der „Anitas" nur höchst bedauerlich finden. Das private Verhalten des einzelnen Studenten für sich unterliege nicht seiner Kontrolle, und wenn jüdische Studenten als Mitglieder einer interkonfessionellen Verbindung oder eines interkonfessionellen Vereines an einer festlichen Veranstaltung am Freitag abend oder Samstag morgen teilnehmen, so würde er sich nicht für berechtigt erachten, dies einer Kritik zu unterziehen. Allein, wenn eine offiziell jüdische Verbindung oder ein offiziell jüdischer Verein für eine solche Veranstaltung gerade den Freitagabend sich aussucht und offiziell Samstag vormittag eine gemeinsame Auffahrt zur Universität auf das Programm stellt, so muß er die Einladung nicht bloß für seine Person ablehnen, er muß es auch entschieden verweigern, von dieser Einladung dem Vorstände der Kultusgemeinde Kenntnis zu geben. Er kann die Beteiligung von Vorstandsmitgliedern an dieser so sonderbar arrangierten Veranstaltung nicht nur nicht empfehlen, er Müßte es entschieden mißbilligen. Zur Reform der Armenpflege. Ueber diesen, die jüdische Oeffentlichkeit Wiens seit Jahren beschäftigenden Gegenstand sprach am 24. Februar Herr Kultusvorsteher Dr. I. S a m u e l y in einer zahlreich besuchten Versammlung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union". Unter den Anwesenden befanden sich Rabbiner Dr. Bach, die Kultusvorsteher Prof. Dr. E h r m a n n, Mar Frank, kais. Rat Leopold Sachs, Dr. Marcus Spitzer, Gemeinderat Dr. Oskar Hein usw. Herr Dr. Samuely, mit lebhaftem Beifall begrüßt, führte folgendes aus: „Meine Damen und Herren! Mein heutiges Referat ist nicht lediglich das Produkt meines eigenen Denkens, sondern zum großen Teste das Resultat einer Enquete im Freundeskreise, und ich sage den Herren Dr. L ö w y, Direktor Hecht und Dr. Ascher für das mir gelieferte Material meinen herzlichsten Dank. Anderes habe ich auch aus verschiedenen Quellen zusammengesucht und auf meinen Inspektionsreisen in Prag und Berlin gesammelt. Ich will Ihnen zunächst etwas über die Armenpflege im allgemeinen sagen, sodann was tatsächlich heute in Wien geschieht und schließlich was wir hoffen und anstreben, daß in Wien erreicht werden möge. Es muß vor allem gesagt werden, daß die B elastung unserer privaten Armenpflege eine unverhältnismäßig starke ist, weil unsere jüdischen Armen von der öffentlichen Armenpflege oft ohne jede rechtliche Basis ausgeschlossen werden. Das neue Heimatsgesetz besagt, daß jeder eigenberechtigte, unbescholtene Bürger nach zehnjährigem ununterbrochenen Aufenthalt an einem Orte um das Heimatsrecht einkommen kann. Sie wissen aber alle, welche Schwierigkeiten uns Juden in den Weg gelegt werden. Es besteht ferner eine große Anzahl Stiftungen, deren Benefizien statutarisch auch den Juden zugute kommen könnten, die ihnen aber vorenthalten werden. Es würde sich hier auch für den Rechtsschutz der „Union" ein neues Feld ersprießlicher Arbeit eröffnen. Sie hätte zu eruieren, welche Stiftungen bestehen, an denen früher auch Juden teilnahmen und die heute so gedeutet werden, daß es den Verwaltungen freisieht, die zu Beteilenden zu wählen. Es wird wichtig sein, von Zeit zu Zeit das Verzeichnis jener Stiftungen durchzusehen, damit man einen Teil der Ertrüge auch den Juden zumitteln und ihnen so zu ihrem Rechte verhelfen kann. Was die verschiedenen Formen der Armenpflege betrifft, kann gesagt werden, daß in letzter Zeit insbesondere die sogenannte vorbeugende Armenpflege große Fortschritte gemacht hat. Sie ist imstande, mit viel größerem Wirkungseffekt zu arbeiten, die Quellen der Armut zu erschließen und in jene Schichten einzudringen. die sonst überhaupt moralisch versumpfen und unrettbar verloren gehen würden. Zur vorbeugenden Armenpflege gehört auch alles, was zur Fürsorge der Jugend geschieht, sowie die Verminderung und Regelung der Auswanderung durch Versorgung in der eigenen Heimat. Nebst dem in der Enquete des Jahres 1897 aufgestellten Programm, welches die Arbeitsvermittlung, die Darlehenskassen für Gewerbetreibende, die Einführung des Elberfelder Systems fordert, ist auf jene wichtige Aktion hinzuweisen, welche auf die Anlegung eines Zentralkatasters hinarbeitet, in welchen die Armen nach ihren Tendenzen eingetragen werden. Dank den Bemühungen des kais. Rates Krüger befindet sich dieser Kataster heute auch tatsächlich schon in Funktion, und die Resultate sind sehr erfreuliche, wenn man bedenkt, daß bei ungefähr 600 Petenten nicht weniger als 50 Wohltätigkeitsschwindlern das Handwerk gelegt wurde. In ähnlicher Weise wurde in anderen Städten die Sache durchgeführt. In P r a g haben sich 300 Pfleger