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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-03-05 · 10 (5.3.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
10 (5.3.1909)
Date
1909-03-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 163 wodurch sich seine Macht entwickelte, seine Grundsätze, denen die Gefährlichkeit seiner Tätigkeit entstammt, haben sich durchaus n i ch t g e ä n d e r t." Und N i e g e r s Freund, der hochkonservative Historiker der alttschechischen Partei, Jak. M a l y, berichtet in seinem Buche : „Unsere Wiedergeburt", V. T-, S. 203, über die Aufnahme der dom Kardinal Schwarzenberg wieder eingeführten Jesuiten bei den Tschechen folgendes: „Die Wiederansicdelung der Jesuiten in Prag an der Sankt Jgnazius-Kirche am Karlsplatze, ihrer ehemaligen, glanzvollen Ordenskirche, gab Anlaß zur hochgradigen Erregung der ganzen liberalen Partei in Böhmen ohne Unterschied der Nationalität. Beinahe im ganzen tschechischen Lager, mit Ausnahme seiner unbedeutenden ultramontanen Fraktion, erhob sich ein Schrei der Entrüstung und ein erregter Widerstand und Unw i l le n g e g en d i e Ein f üh run g in d i e H aup t st adt jenes Ordens, w e l ch e r i n s o n n s e l i g e r E r i n n e r u n g beim tschechischen Volke lebt. Es wurde auf die verderbliche Tätigkeit des Jesuitenordens in der Geschichte der slavischen Volker, namentlich bei den Polen und Tschechen hingewiesen. Ja sogar die freisinnigere Geistlichkeit erhob ihre Stimme gegen die Jesuiten. Die Angelegenheit kam auch in der nächsten Tagung vor den Landtag in Form eurer Interpellation: „ob die Regierung ge ne i g t fei, dahinzu wirken, damit d e m A u f e n t h a l t u n d d e r w e i t e r e n 3l n s i e del u n g des Jesuitenordens im Königreiche Böhmen Einhalt geboten werde?" Diese Interpellation unterschrieben 10 deutsche und 31 tschechische Abgeordnete, darunter Dr. KarlMattuZ (gegenwärtig Herrenhausmitglied und Direktor der Böhmischen Länderbank) u. m. a. Der gesunde Sinn der damaligen tschechischen Volksvertreter hat sich in den 31 t s ch e ch i s ch e n Interpellations- Unterschriften gegen die neuerliche Jesuiten- Invasion dokumentiert. Wahrhaftig, die Jesuiten können mit Stolz und Genugtuung auf ihre heutigen, glänzenden Erfolge gerade in Böhmen zurückblicken! Sitzt doch heute gerade der nächste Parteigenosse und intimste Vertraute desselben Dr. Karl Mattuä, der ernst gegen die Jesuiten protestierte, sein Freund Professor Dr. Al bin Braf als Ministerkollege neben so vielen Christlich-Sozialen, wie sie noch kein österreichisches Ministerkabinett seit der Verfassung aufwies. Ja noch mehr! Gerade Ackerbauminister Professor Dr. A l b i n Braf repräsentiert den merkwürdigsten Typus der ungeahnten, ganz unglaublichen Jesuitenerfolge bei den Tschechen: Dieser Schwiegersohn Riegers ist nämlich ein fanatischer Römling. Was müßte wohl P a l a c k y sagen, sähe er heute seine Urenkel, die Kinder des Ackerbaumini st ers Dr. Albin Braf, durch und durch so klerikal i s i e r t!? Der Protestant Pal acky baute eine monumentale „Geschichte des böhmischen Volkes" ganz auf der husittischen Reformation und seine Urenkel wandeln heute schon gänzlich auf den Bahnen Loyolas. Gewiß unterschätzt auch Professor M a s a r y k die Tragweite dieser eigenartigen Rezidive ins XVII. Jahrhundert nicht, welche die Tschechen 1909 wieder durchmachen. Sein Organ, der „Czas", verzeichnet ja erst unlängst das Monstrum, daß „ein Jesuitenpriester P. R e j z e k in einem dicken Bande „objektiver, tschechischer Geschichte" die „evangelischen Rationalisten P a l a c k y unb Denis a l s ein Unglück für die tschechische Nation" hinstellt und daß dieie neueste Geschichtsauffassung des Jesuiten P. R e j z e k in der „Böhmischen M u s e u m s - Z ei t s ch r i f t" sogar begrüßt und belobt wurde, also Palackys Geschichtswerk verdammt in derselben Museums- Zeitschrift, welche P a l a c k y selbst gegründet hatte." . . . Ist es nicht schon an und für sich etwas ganz eigenartiges, daß sich unter den zahlreichen tschechischen Historikern aus P a l a c k y s Schule kein Einziger fand , welcl er i m Gei st e Palackys sein Werk vom Jahre 1526 an weiter fortgesetzt hätte? Erst jüngst, beim Tode des ehemaligen tschechischen Landsmannministers Professor Dr. Anton Rezek bedauerten die tschechischen Blätter „jene ungünstigen V e r h ä l t n i s s e, die es dem ausgezeichneten Historiker Rezek unmöglich machten, sein hervorragendes Talent der Fortführung von Palackys „Geschichte zu widmen". Es mußte der französische Protestant Ernst Denis kommen, um den Tschechen eine würdige Fortsetzung von Palacky's „Geschichte" zu erforschen und herauszugeben. — _ Und während nun der tschechische N a t i o n a l r a t die möglichste Verbreitung von Ernst D enis' glänzendem Geschichtswerke in der populären Volksbüchersammlung „Matrce lidu" wärmstens befürwortet und allseitig fördert, während tschechische Korporationen und Parteien wetteifern, um anläßlich Denis' 60. Geburtsfeste seine unsterblichen Verdienste um die tschechische Nation in begisterten Adressen zu feiern, darf gleichzeitig ein Jesuite nicht nur Paleacky und Denis herabsetzen, sondern diese horrende Herabsetzung findet noch Einlaß in die eigentliche Palacky-Zeitschrift. So wiederholt sich bei den Tschechen die Geschichte. Der ehemalige einflußreiche, alttschechische Parteiführer, Universitätsprofeffor Dr. I. Kvicala, verhinderte als R.fereut des Landes-Ausschusses, infolge hoher klerikaler Einflüsse die Anbringung einer Hus-Tafel auf dem neuen Monumentalbaue des Landes-Museums. Der feurige Prinz Karl Schwarzenberg nannte die H u s s i t e n „eine Bande von Räubern und Brandstiftern". Als Antwort auf diese klerikalen Schmähungen der alttschechrschen H us-Gegner gründeten die Jungtschechen sofort einen „Verein zur Errichtung eines Hus-Monumentes", das gerade am historrschen Altstädter Rmgptatze, gegenüber der Mariensäule stehen sollte, welche den Jesuitensieg am Weißen Berge verherrlicht. Dr. I. P o d l i p n y, der Obmann der riesigen Sokol-Organisationen und nachmalige Prager Bürg7rmeister, wurde Präsident dieses Husdenkmal-Vereines. Kern besserer Vertreter des rem oberflächlichen. reklamehafteu Renommage-Hussitentums der heutigen Jungtschechen konnte an die Spitze erner Körperschaft gewählt werden, die Prinz Schwarzen der g's feudaler Provokation und Profeffor K v i c a l a's klerikalem Fanatismus eine lapidare, würdige Antwort im Namen des Volkes Mag. I. H u s entgegenstellen sollte. Nach wenigen Jahren schon ging Held Podlipny reuig nach Canossa; bei der Grundsteinlegung zum Hus-Monumeiite leistete er den Klerikalen kniefällig Abbitte, denn ihre mächtigen Einflüsse verfügen über gar zu viele Wahlstimmen und es dauerte längere Zeit und kostete wahre Kämpfe im Schoße der Sokol-Vereine, ehe es — um wenigstens den Schein der Hus-Tradition zu retten — endlich gelang, den Schützling der Klerikalen, Podlipny, nur von der Obmannschaft der Sokol-Organisationen zu beseitigen. (Fortsetzung folgt.) vom Zabrmarkt des Lebens. Wirtschaftliche Aufgabe» des Wiener Judentums. Das Wiener Judentum ist als Machtfaktor, fei es in der Kommunal-, Landes- oder Reichspolitik. trotz feiner geistigen Fähigkeiten und materiellen Opfer infolge der gegebenen Verhältnisse nicht in Betracht zu ziehen, denn außer den zwei Reichsratsmandaten, die ihm die Becksche Wahlreform eingeräumt hat, ist und kann auch nicht der rein jüdische Einfluß auf die Entwicklung des Freisinns in Wien von Bedeutung sein. Die Wiener Juden also sollten aus diesem Grunde nicht nur den politischen Ereignissen ausschließlich ihr Augenmerk zuwenden, vielmehr, kraft ihres wirtschaftlichen Einflusses, den sie ja zum Teile noch in der Reichshauptstadt besitzen, dafür sorgen, daß dem Judentum nicht nur bloß Wiens, sondern ganz Oesterreichs, auf ökonomischem Wege geholfen wird. Als Vorbild kann die wirtschaftliche Entwicklung der in Wien lebenden Tschechen dienen. Die vor einigen Jahren hier errichtete Filiale der Zivnostenska banka in Prag, ein ausschließlich tschechisches Unternehmen, hat es verstanden, in der verhältnismäßig kurzen Zeit ihres Wiener Bestandes, eine dominierende Stellung in der Reihe der Wiener Banken einzunehmen, und gleich den anderen Banken hat auch sie in den verkehrsreichen Bezirken Wiens Filialen errichtet. Das deutsche Ohr der Spareinleger, die mit ihren Spargeldern zu den Schaltern dieser Bank kommen, wird nicht durch den tschechisch sprechenden Verkehr, den die Beamten unter sich pflegen, verletzt, der Profit eines halben Prozentes, den die Spareinleger hier haben, erscheint ihnen viel wichtiger, als ihre ganze deutschnationale Gesinnung. Durch die Erfolge der Zivnostenska banka ermutigt, haben weitere zwei Prager Institute in Wien Filialen errichtet, die Ustredni banka und die Böhmische Jndustrial-Bank. Auch diese beiden Banken entwickeln sich auf dem deutschen Boden Wiens recht gut, und bedeutet das für die Tschechen viel mehr, als die Gewährung des Oeffentlichkeitsrechtes für die Komensky-Schulen in Wien. Die Tschechen entwickeln hier ihre wirtschaftliche Tätigkeit ohne viel Lärm und sehen strenge darauf, daß nur politisch farblose Personen, die aber über ein großes Maß von Fachkenntnissen verfügen der Leitung ihrer Institute vorstehen. Die Angriffe einzelner Wiener Blätter können sie ruhig hinnehmen, denn im wirtschaftlichen Leben kommt es weniger auf die Meinung eines

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