Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 10 (5.3.1909)
- Date
- 1909-03-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 162 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 10 sie ihre Werke nicht selten dedizicrten. Noch weiter als der Ruf des Reb Gawriel Jrcow und seiner Gemahlin drang der Nuf ihres Sohnes „Reb Joiel Günzburg", des späteren, zum Baron ernannten Begründers des Hauses Günzburg in Petersburg und Paris und des Vaters des gegenwärtigen Repräsentanten dieses Hauses. Sein Ruf beschränkte sich nicht mehr auf die Marken des Ansiedlungsrayons, sondern drang auch in das Ausland, wo seine Leistungen als Großindustrieller nicht minder bekannt waren, als seine Verdienste um die russische Judenheit. Auch dort wußte man, wie viel Baron I. von Günzburg zur Erweiterung der Rechte der russischen Juden, zur Verbreitung der Bildung unter ihnen und zur Hebung und Förderung ihres materiellen und sittlichen Gedeihens beigitragen hat. In der Tat war Baron I. v. G. ein lebendiges Beispiel dkssen, wie viel ein Mann auch in einem Lande wie Rußland, wo das Vorurteil gegen Juden und Judentum so unerschütterlich fest stand und wo allgemeine Prinzipien des Rechtes zu jener Zeit so wenig zu sagen hatten, wie viel selbst in einem solchen Lande ein einziger Mann vermag, wenn er nur dein Judentum aufrichtig ergeben ist, im Dienste desselben keine Opfer scheut und dort, wo seine eigene Einsicht nicht ganz ausreicht, mit würdigen Ratgebern und Gehilfen sich zu umgeben weiß." „Solche leuchtende Muster stets vor Augen habend, ist es gerade kein Wunder, wdnn der Sohn solcher Eltern, Horcce v. Günzburg, zu dem geworden ist, als welchen wir ihn heute kennen. „Horace v. Günzburg hat im Jahre 1831 in Swenogorodsk das Licht der Welt erblickt. Reb Josel wie seine Gemahlin waren in erster Linie Juden, und so ist es denn ganz begreift ch, daß die Erziehung, welche sie ihrem Sohne gaben, eine in jeder Beziehung streng jüdische war. Bei einer vielseitigen allgemeinen Bildung, die ihm auch meist von ausgezeichneten jüdischen Lehrkräften zute l wurde, spielten doch die speziell jüdischen Fächer die Hauptrolle in der Erziehung des jungen Barons. Schon früh wurde er in den Talmud eingeführt. aber zugleich auch mit der neudbrätschen Literatur, die damals und zum Teile noch heule von der Masse als K.tzerei verdammt wird, vertraut gemacht. Und bis heute korrespondiert Baron Günzburg gern im Neuhebräischen und folgt mit lebhaftem Interesse allen neuen Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Literatur. Dara s erklären sich auch seine warmen Sympathien für den Fortschritt derselben und die reiche Unterstützung, welche bei ihm allezeit neuhebräische Schriftsteller finden." „lieber den Bürger v. Günzburg hat wohl das günstigste Urteil der kompetentesten Richter in dieser Beziehung unsere Regierung selbst gefällt, indem sie ihm bereits mehrere Orden verlieh und schließlich zum „Wirklichen Staatsrat" ernannte, welcher Titel in den erblich n Adel versetzt." „Ungeteilte Anerkennung verdient Baron H.H. Günzburg als Jude. Er ist es im vollsten Sinne des Wortes. Und er ist es nicht jetzt geworden, sendern er war es von jeher, er war es auch dann, als unsere Intelligenz und vormhme Kaufmannschaft es für unter ihrer Würde hielten, als Juden sich auszugeben und Alles aufboten, um ihr Judentum zu verheimlichen. Er hat nicht, wie so mancher der heutigen frischgebockenen jüdischen Patrioten, bloß bornehmtuendes Mitleid mit den „a.meu zurückgebliebenen Juden", sondern er litt und leidet auch wirklich mit seinen jüdischen Brüdern. Er gehört auch nicht zu denjenigen Juden neuester Fasson, die von der Erhabenheit der jüdischen Lehre entzückt und begeistert und von dem wkchselvollen Geschicke ihres Volkes voll Bewunderung sind und für dessen Genius die tiefste Verehrung hegen, selbst aber außerhalb des Judentums leben und die religionsgesetzlichen Voischriften für ihre Person wenigstens als einen überwundenen Standpunkt betrachten, sondern er ist ein streng traditioneller Jude, und als solcher erzieht er auch seine Kinder. Sein Haus ist ein altjüdisches Haus im besten Sinne des Wortes. Wer spricht von der genauesten und peiulichsten Beobachtung der Speiseges.tze und Ruhevorschriften am Sonn beud und an Feiertagen — das ist für das Haus Günzburg ganz selbstverständlich. — aber auch Riten und Gebräuche von geringerer Bedeutung werden hier streng eingchalten." „Als einem echten Juden liegt ihm das materielle wie das moralische Wohl Israels gleich nahe. Gilt es, der Not des Einzelnen wie der Gesamtheit abzuhelfen, verfolgte Juden vor ihren Verfolgern zu schützen oder strebsamen jungen jüdischen Kräften > ufzuhelfen, ihnen durch rechtzeitige Hilfe die Erreichung ihrer Ziele zu ermöglichen, oder gilt es, die jüdische Wissenschaft zu fördern, das Verständnis der hebräischen Sprache, Literatur und Geschichte zu heben und zu verbreiren, seltene wertvolle Manuskrip'e anzukaufcn ober sie zu edieren, jüdischen Schriftstellern zur Veröffentlichung ihrer Werke behilflich zu sein - Baron H. v. Günzburg ist stets gleich bereit. Alles, was nur in seinen Kräften steht, aufzubieten, um zu helfen und zu fördern." „In Günzburgs Aufträge und auf seine Kosten veröffentlicht Profeffor Chwolson sein klastisches Werk „lieber die mittelalterlichen Brschuldigungcn gegen Juden", ediert Dr. Harkatry seine ebenso streng wissenschaftliche als prachtvolle Ausgabe des „Samuel Hanagid", hat W. Lewando seine riesige „Sammlung der russischen Gesetzgebung über Juden" und E. Lewrn seinen „Kodex der herrschenden russischen Gesetze über Juden" herausgegeben, besorgt grgenwäitig Baron D»v.d v. Günzlurg eine Prachtausgabe „jüdischer Ornamente", und wer ist es im Stande, alle die Werke b.erzuzählen. db ganz oder teilweise ihre Leröffentlichm'g Baron Günzburg zu verdanken haben. Soll ich noch von seiner überaus wertvollen jüdischen Bibliothek und Manuskripten-Sammlung in Paris sprechen? Sie ist hinreichend bekannt ans den Werken des Senior Sachs, Renans, Neubancrs, Kohuts, D. Günzburgs, die sie mit Erfolg benutzt haben." Wahrlich, um den Heimgang dieses edlen Mannes darf ganz Israel trauern! Die Radikale« als Werkzeuge der Reaktion. Prag, am *'4. Februar 1969. Das sozialdemokratische Tagblatt „Pravo Lidu" meldet am 20. Februar: „Noch haben sich die Fluten über der elenden Denunziation der national-sozialen Organisation-in Neu-Königgrätz nicht znsammengeschlossen, welcher zwei fortschrittliche Lehrer Kubista und C e n g r zum Opfer fielen, und schon planen die National-Sozialen ein' neues Werk gleicher Art. Diescsmal soll der Schulleiter Budinsky aus Radesch ovic bei Rican das Opfer der National-Sozialen bilden. Das Organ des Abgeordneten K l o f a c erklärte ihn in der letzten Zeit zweimal in seinen Spalten auffällig für einen „Sozialdemokraten", obwohl jener Lehrer kein Mitglied irgend einer unserer Partei-Organisation ist. In den letzten Tagen arrangierten die National-Sozialen unter der Bevölkerung von Rad esch o vi c eine Unterschriften-Sammlung zu dem Zwecke, damit der Lehrer Budinsky aus Radeschov'c entfernt werde. Sein Vergehen soll angeblich darin bestehen, daß er in dem Wochenblatte „Nase Hlasy" in. Böhm. -Brod wahrheitsgemäß jene Atmosphäre schilderte, in welcher der Täter der schrecklichen Morde an (drei) kleinen Mädchen, der 13jährige Josef Skala heranwuchs, die Atmosphäre desKlerikalismus und Alkoholismus, voller Loster und Verkommenheit und Verwahrlosung. Während der drei Jahre, seit Schulleiter Budinsky in Radeschovic wirkt, arbeitete er aus allen Kräften zur Hebung der Gemeinde, er bemühte sich, ein wenig Kultur hereinzutragen, er gründete eine Bibliothek, er trachtete, aufErwachsene undKinder erziehend einzuwirken, ohne Undank und Demütigungen zu beachten, die er für alle seine Arbeit zu erdulden hatte." ' Hier lesen wir zum erstenmale den dokumentarischen Beweis von einer politischen Partei, welche in ÜLKrauti dabei ertappt wird, iwe sie einen tschechischen Lehrer dafür st rasen will, daß er auf die eigentlichen, intellektuellen Urheber des Versuches hinwies, deren Werkzeuge im dunklen Hintergründe aus den Mordtaten eines gerichtlich geständigen, 13jährigen, perversen Unglücklichen wieder einen neuen „Ritualmordfall" konstruieren wollten. Wenn die kompetenten Behörden und die ihrer Kulturmission und ihrer moralischen Verantwortung bewußte, tschechische fortschrittliche Presse nur weiter ihre Pflicht erfüllen werden, um Licht in diesen offenbar pathologischen Sexu alfa l l zu bring e n, s o dürfte bald der weitere eigentliche Hauptinteressent entdeckt werden, dem daran gelegen war, im Trüben zu fischen. Die erfahrene und angesehene Redaktion der „Nase Hlasy" kann hier der Erforschung der Wahrheit besonders wesentliche Dienste leisten. Für jeden Eingeweihten, wem die Verhältnisse in Böhmen nicht fremd sind, war es v o m ersten Augenblicke an sofort k lar, cui. prodest, wem diese radikalen National- Sozialen eigentlich die Kastanien a us dem Fe uer holten. Nach und nach dürfte sich das klerikale Gespinst entpuppen und falls die berufenen amtlichen Instanzen pflichtgemäß ein sch reite n, so werden wir bald hören, wer j en er g e heimni s v o l l e, unfaßbare „Jemand' waren, die so prompt an Ort und Stelle erschienen, um die Gerüchte von „unbekannten Juden" in Umlauf setzen zu können, welche die Böhmnch-Broder „Nase H l a s y" als neueste Auflage einer tschechischen „Ritual"hetze nach Gebühr brandmarkten. Ter tschechische Historiker Thomas V« B i l e k, der in seiner gründlichen „Geschichte der Güter-Konfiskationen nach der Schlacht a m W e i ß e n Berge" überall auf die intellektuellen Urheber jener furchtbaren Massenvcrarmung seiner Nation hinweist, berichtet in seiner „Geschichte des Jesuitenordens" (Prag 1896) wörtlich: „Die geistliche Verwaltung am Heiligen Berge bei P r i b r a m übergab nach dem Tode des letzten weltlichen geistlichen Verwesers, des Probstes Jerabek. im Jahre 1861 Kardinal Erzbischof Fürst Schwarzenberg den Jesuiten unter dem Namen Redemptoristen (Liguorianer). Auch die jetzige Tätigkeit der Jesuiten ist hauptsächlich der Kampf gegendiepersönlicheFreiheit undBilduug; denn die innere Ein ichtung und Verfassung des Jesuitenordens,