Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 168 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 9 und dazu scheint sie in letzterer Zeit mit der Philosophie ein Kompromiß geschlossen zu haben. Bezeichnet ja David Friedrich Strauß (Alter und neuer Glaube) den Darwinismus sehr treffei d als „der, wenn auch vorerst nur heimlichen Ehe zwischen Naturforschung und Philosophie erstes Kind." Das Erbe Büchner's hat, wie es scheint, der da noch radikalere Hackel übernommen. Seine Schriften und Vorträge wandern in billigen Volksausgaben von Hand zu Hand und scheint er bei dem Volke jenen Beifall zu suchen, der ihm in den Kreisen der Gelehrten versagt wurde. Es ist deshalb ein dankbares Unternehmen, das Dr. Ascher unternommen in einer populär gehaltenen Schrift, auf die Gegensätze des Glaubens und Wissens einzugehen, und diese vom Standpunkte des Judentums aus zu beleuchten. Herr Ascher hat sich bereits, seine ersten Sporen auf dem Gebiete der Philosophie erworben. Seine Monographie über den französischen Neukantinismns üb r Charles Nenouvier (Berner Studien) wurde vcn der Fachkritik sehr günstig ausgenommen. Ferner behandelte er die Probleme der Willensfreiheit und Unsterblichkeit in seinen Werken „Ausflüge in das Auch des Geistes" und „Von der Wiege bis?um G abe". Die beiden letzten Werke sind aphoristisch gehalten und selbst der Stil und die Sprache sind ähnlich den Nietzsche'« clien Gedankenblitzen und, obwohl nicht spezifisch jüdisch, tpird der Fachmann manchen dem Arsenale jüdischer Religionsphilosovhie entnommenen, schönen Gedanken, modern verarbeitet, wiedererkennen. Auch vorliegendes Werkchen reiht sich den früheren Arbeiten würdig an; wohl nicht frei von Nietzsche'schen Allüren, enthält es zehn scheinbar von einander unabhä gige Essays, die aber doch ein harmonisches Ganzes bilden. In der Einleitung stellt der auf streng konservativem Standp nkte stehende V.rfcsser drs berechtigte Verlangen, daß jeder strenggläubige Jude mit der sogenannten Vogelstrauß- Politik breche, daß man allen Angriffen aut die Religion, allen Problemen der Apologetik iremd bleibe und sich damit tröste, daß die Religion vor d r Wissenschaft gewesen. Der erste Abschnitt beschäftigt sich mit dem Problem „Gott". Es wird bewiesen, daß wir denknotwendig Gott als den Schöpfer denken müssen. Umhüllt von den Blumen der Sprache erkennen wir in dem eriten Beweis den kosmologischen und in den zweiten den physiko-theologischen Beweis vom Dasein Gottes, welches Kant in der „Kritik der reinen Vernunft" widerlegt. Der Verfasser als gründlrcher Kant-Kenner scheint das aeahnt zu haben, denn er entschu digt sich durch spekulative Erkenntnisse Gott beweisen zu wollen und — hier begegnet der Verfasser einem Gedanken Fr. H. Jacobis — ein bewiesener Gott widerstrebt dem Herzen; endlich findet er ihn im Gebete, im Gemüte. In dem Abschnitte „Erkenntnis und Offenbarung" trägt der Verfasser vornehmlich Spencer'sche Gedanken vor. Der Verstand ist nur einer relativ n Erkenntnis fähig, wir müssen die Unerkennbarkeit des absoluten Weltgrundes zugeben, und dieses Unerkennbare h.ißt für uns „Gott". Der Verfasser hätte es nicht nötig gehabt, zu Soencers letztem Werke „Facts and Komments" zu greifen, weil ja diese Ausführungen dem Verhältnisse des Glaubens und Wissens, die „kirst xrineixles" gewidmet sind. Der Verfasser spricht dann., über die Beziehung des Wunders und der Naturgesetze und schließt sich dem bekannten Ausspruche Augustinus an: „Ein Wunder steht nicht im Widerspruche zur Natur, sondern zu dem, was wir von der Natur wissen." Der Abschnitt „Kausalität und Finalität" ist die beste Abhandlung des Werkchens, weil es in klarer, knapper Form viele Ergebnisse der modernen Naturphilosophie streng wissenschaftlich, ohne Dogmatlk, widerlegt. Es sind die Naturwissenschaften selbst, die gegen die mechanische Kausalität revoltieren und den Zweck in den Vordergrund stellen, und unter Führung von Ostwald und Mach ist die Opposition heute zu einer derart mächtigen Bewegung angewachsen, - daß der Kampf zwischen Kausalitäts- und Finalitätslinie mit einem großartigen Siege der Teleologie enden wird. Die folgenden drei Abschnitte beschreiben Hygienisches, Ethisches im jüdischen Zeremoniell. Neben vielen bekannten auch manche neue Gesichtspunkte. In dem Abschnitte „Naturwissenschaft und Judentum", „Jgnoramus und seine Konsequenzen" zeigt der Verfasser Belesenheit in der natur-philosovh schen Literatur. An der Hand wissenschaftlicher Argumente wird gezeigt, daß selbst die Kant-Laplace-Theorie ins Wanken geraten ist und die Descendenztheorienur eine Hypothese ist, und war es übereilt von Haeckel und seinen Adepten, diese Hypothese dem Volke als feststehende Wahrheiten aufzutischen. Wir müssen vielmehr die Dinge — hier benützt der Verfasser einen Liebling »ausdruck Spinozas — «unter dem Gesichtswinkel der Ewigkeit betrachten" und den allein bietet die Religion. Zeigten die vorher, ehenden Kapitel, daß Judentum und Wissenschaft sich sehr wohl verträgt, so zeigen die Reisebeschreibungen, daß das Judentum auch mit dem praktischen Leben nicht im Wide ipruche steht. Der Verfasser machte eine Weltreise und schildert seine Reiseabenteuer die er als gesetzestreuer Jude, wegen Feiertage, Speisegebot usw., mitmachte. Im Großen und Ganzen lautet nun unser Urteil, daß in dem anziehend geschriebenen Büchlein der Fachmann Wohl nicht viel Neues finden wird, umsomehr aber die sogenannt „gebildeten" jüdischen Kreise, die von Hl ckel und seinen Konsorten vielleicht iij ihien religiösen Ueberzeuguageu w nkend wurden, diese werden von der Falschheit ihrer Voraussetzungen, überführt werden, und dürfte dieses Büchlein bei diesen ein richtiges Verständnis für das Judentum anbahnen. Eg er (Erlau) in Cheschwan. Dr. Lazarus Schweiger, Rabbiner. Neue Bücher. Zeitschrift für Demographie und Statistik der Juden. Herausgegeben vom Bureau für Statistik der Juden. Redaktion: Dr. Arthur Ruppin und Dr. Bruno Blau. Berlin-Halensee, Johann Sigmundstr. 3. 4. Jahrg. Februar 1909, Heft Nr. 2. Inhalt: I. Abhandlungen : 1. Dr. oec. Publ. Segall, München: Die ausländischen Juden in München. 2. M. A b r a m o.w i t s ch, Wilna: Die Bewegung der jüdischen Bevölkerung in den Jahren 1896—1907. 3. D r. Hugo Hoppe, Königsberg i. Pr.: Die Beteiligung der einzelnen Konfession am Verbrechen in Oesterreich im Jahre 1905. — II. Statistisches Archiv: Die Bewegung der Bevölkerung in Frankfurt a. M. im Jahre 1907. Jüdische Namen in Warschau. Die Staatsangehörigkeit der Juden in Bulgarien. Die Religionen in Niederländisch- Jndien. — III. Literatur: Mohamed Aischin: Die Freiheitsbewegung in der Türkei. Vladan Georgev i t ch : Die türkische Revolution und ihre Aussichten. Ost und West. Illustrierte Monatsschrift für das gesamte Judentum. Herausgegeben von Leo Winz. Verlag von Ost und West, Berlin, S. 42. Organ der Deutschen Konserenzgemeinschast der „Alliance Israelit6 Universelle". 9. Jahrgang, Heft 2, Februar 1909. Inhalt: G e h. R cgierungsrat Professor Dr. Cohen: Religiöse Postulate. Dr. A. Coralnik: Tagebuchblätter: I. Virtuosen der Armut. II. Rabbi Nachmans Jünger. III. Scholem Aleichem (zu seinem 25jährigen Jubiläum). G. K u t n e r : Die Josessgeschichte in der bildenden Kunst S ch o l e nt A l e i ch e m : Ein Rat. Revue der Revuen (mit Porträt). Mitteilungen aus dem Deutschen Bureau der „Alliance Jsraälite Universelle":!. Bekanntmachung. II. Die Schulen der A. I. U. in Hara. III. Die Israeliten in Mossul. IV. Siebzigster Geburtstag (mit Porträt). V. Die Schulinspektions - Kommission der A. I. U. in Jerusalem (mit Porträt). VI. Notizen. Dr. M. Grunwald, Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde in Wien. Mitteilungen zur Jüd i s chen Volkskunde. Organ der Gesellschaft für jüdische Volkskunde in Hamburg und der Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums in Wien. M. W. Kaufmann, Leipzig, 1909. 12. Jahrg. 1. Heft (Der ganzen Reihe 29. Heft). Inhalt: S. Krauß: Eine spagniolische Heiratsausstattung. Albert Wolf ges. And.: Fahrende Leute bei den, Juden. (Fortsetzung.) Bücherschau. Kriefkaste«. S K. Ein ungarisches Blatt, das zu den konservativen Kreisen Ungarns Beziehungen hat, brachte dieser Tage folgende Mitteilung: Die meisten der aus Frankreich ausgewiesenen Kongregationen haben sich bekanntlich nach Ungarn gewendet. Hier wollen sie mit ihrem Riesenvermögen (man spricht von sechzig Millionen Francs) ein großes Industrieunternehmen schaffen Sämtliche Vorarbeiten waren„schon. durch, eführt und einige Herren des Vorbereitungskomitees, zu dem auch Mitglieder des ungarischen Feudaladels gehören, fuhren nach Paris, um von dem betreffenden Kongregationsgeneral den Vertrag unterschreiben zu lassen. Der Ordensgeneral hatte bereits die Feder ergriffen, da warf er die Frage auf, ob an der Spitze des Unternehmens sich — ein Jude befinde. Die Herren verneinten lächelnd: „Wie kann es Ihnen in den Sinn kommen, bei einem so „frommen" Unternehmen einen Juden zu verwenden?" meinten sie. Da legte der General die Feder nieder und unterschrieb nicht. „Zur Leitung eines solchen Unternehmens" sagte der Ordensgeneral ernst, „ist nur ein Iu^e geeignet. Alle katholischen Unternehmungen, besonders in Ungarn sind bisher zugrunde gegangen und erst der Jude mußte sie wieder retten. ..."