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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-02-26 · 9 (26.2.1909) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
9 (26.2.1909)
Date
1909-02-26
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 9 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 157 eigenen und allgemein anerkannten Gründlichkeit nachweist, in drei Literaturen bewandert: in der jüdischen Traditionswissenschaft, im arabischen Schrifttum und in der persischen Nationalliteratnr. Vor allem aber in der jüdischen Traditionslehre. Diese beherrschte er voll und ganz. Auch was als „freie dichterische Ausschmückung" oder als eigene Deutung von Schriftstellern erscheint, ist zum großen Teile auf ältere haggadische Quellen zurückzuführen. So ist — um einige Beispiele anzuführen — die Phrase von den Kenntnissen Adams auf Num. r. 19, 8; die Mißhandlung Noas durch seine Zeitgenossen auf Levit. r. 27, 5 zurückzusühren. Daß Moses Grabstätte unbekannt bleiben mußte, weil sie sonst zum Wallfahrtsorte gemacht worden wäre, findet sich in der Pesiktha und war schon Origenes bekannt. Vgl. Z. D. M. G. 1870, S. 557. Die im Epiloge zur Erzählung vom Tode Moses angegebenen Gründe für dessen Tod in der Wüste finden sich in verschiedenen Midraschen. Auch die Bemerkung Schahins, daß Hiob alles doppelt wieder bekam und nur bte Zahl der Töchter nicht verdoppelt wurde, ist nicht, wie B. meint, auf die Erklärung oder originelle Deutung eines Schriftverses von Schahin, sondern auf Baba bath. 16 h zurückzuführen, wo Resch Lakisch die — moderne — Erklärung gibt, daß dies für Hiob kein Segen gewesen wäre. R. Jochanan gibt eine andere. Schahins Ueberlieferungen weichen vielfach von unseren Traditionen ab. Dem persischen Dichter standen wohl noch alte baby'onische Schriftwerke zur Verfügung, die wir noch nicht kennen. Gar manche Ueberlieferung, die jetzt noch als.muhammedanisch bezeichnet werden muß wird vielleicht einst als echt jüdische, oder babylonisch-jüorsche Tradition' erkannt werden. Vielleicht auch Traditionen, die sich an gewisse geweihte Stätten knüpfen. Besaß doch Babel, die Urheimat des jüdischen Stammes einen gewissen Grad von Heiligkeit. (Vgl. Kethub. Ende.) Man muß nur rüstig auf dem betretenen Weg fortschreiten, muß die Geistesströme bloßlegen, die möglicherweise zu altbabylonischen Haggadaquellen führen. Die Bahn ist von einem unserer Größten auf diesem Gebiete freigelegt worden. Mögen andere folgen. Mögen auch den anderen >,im Staube schlummernden Meistern" grundgelehrte Erwecker entstehen, Biographen, wie sie Schahin und Jmrani in Prof. Bacher gefunden haben. Boskowitz._ Dr. S. Funk. 'Eine alte jüdische Anekdote und — Melin de Saint-Gelais. Die meisten älteren Leser der „Wochenschrift" haben wohl schon mehr als einmal folgende Anekdote, die in das Gebiet des jüdischen „alten Meidinger" zu verweisen wäre, erzählen gehört: Ein mehr mit gutem Willen als mit Rednergaben ausgestatteter Rabbiner nahm an einem der hohen Feiertage, an denen es als höchstes Ziel und des Schweißes der Edlen wert gilt, auf die Tränendrüsen der Zuhörer mächtig einzuwirken, alle Kraft zusammen, die im Tempel versammelte Gemeinde zu rühren und zu erschüttern. Jndeß versagten alle seine Mittel und nicht nur blieb jedes Auge trocken, sondern die „andächtigen Zuhörer" hatten große Selbstbeherrschung nötig, um nicht über die possierlichen Kapriolen des Redners in Lachen auszubrechen. Nur ein biederer, naiver „Randar" vergoß heiße Tränen und zog durch sein konvulsivisches Schluchzen die Aufmerksamkeit aller auf sich. Als man nach dem Gottesdienste heimging, konnte der Prediger nicht umhin, „unter Larven die einzig fühlende Brust" auf die Seite zu nehmen und zu befragen, was auf sie einen so tiefen Eindruck ausgeübt habe? Das wackere Männlein antwortete sofort: „Vor wenigen Tagen stand mir eine brave Ziege um, die grade so meckerte, wie der Herr Rabbiner und wie sollte ich da nicht weinen, da ich mich bei der Predigt immer wieder an meinen herben Verlust erinnerte!" Es läge mir ferne, diese schon mehr muffige als besonders geistreiche Anekdote hier wieder aufzutischen, wenn ich dieselbe nicht bei dem ölten französischen Dichter Melin de Saint- Gelais (1487—1558), dem natürlichen Sohne (oderNeffen) des Bischofs Octavien, dem Repräsentanten des Jtalianismus der Marotschen Schule mit wenigen mutatis mutandis wiedergefunden hätte. Anstatt diese Tatsache mit wohlfeilen, aber windigen Hypothesen zu glossieren, lasse ich das kleine, gelungene Gedicht hier wörtlich folgen: Notre vicaire un jour de fete Chantait un Agnus gringotte, Tant quil pouvait, ä pleine töte, kensant d’Annette etre ecoute. Auuetie de Tautre tote Pleurait, ättentive ä son ehant. Dont le vicaire. en s’approchaut. Lui dit: „Pourquoi pleurez vous belle?“ — „Ha, messire Jean“, ce dit eile, „Je pleure un ane qui rn’e 31 wort, Qui avait la v o i x tonte teile, Que vous quand vous criez si fort?“ Wien-Hietzing. Prof. Josef Frank. Literatur. Kein Widerspruch zwischen Judentum, Wissenschaft und Leben. Bon Dr. M. Ascher, N e u ch a t c I (Schweiz) 1908. Ein demokratischer Zug macht sich seit einigen Dezennien n'cht nur in der Polllik, sondern auch in der Wissenschaft bemerkbar. Früher wurden die wissenschaftlichen Probleme nur in Akademien, wissenschaftlichen Vereinen, nur in den Kreisen der obern zehntausend der Wissenschaft behandelt; jebodi wie Alles den Hang hat, demokratisch ,ut werden, so ist es auch mit der Wissenschaft: sie ist zum große» Teile Gemeingut des Volk s geworden und über pro und contra einer wissenschaftlichen Hyvottese hören wir den gebildeten ZeitungSleser debütieren, wie über irgend ein politisches Parteiprogramm. Ist aber dieses Popularisieren der Wissenschaft auch richtig, wird mancher Einsichtige fragen? Vom Profesior Steinschneider wird erzählt, daß er es Graetz und Fürst nicht verzeihen konnte, daß sie die Ergebnisie der Bibelkritik und andere Zweige jüdischer Wissenschaft so populär und gemeinverständlich unter das Volk brachten. Und Steinschneider hatte zum Teil Recht. Aber nur zum Teile. Wer wird es diesen beiden Schriftstellern verdenken, daß sie eine- Fülle allgemeinen historischen W ssens unter das jüdische Volk geworfen, eine Masse fruchtbringender Entwicklungskeime ausgestreut, daß Graetz durch fein großes Geschichtswerk den jüdischen Volksgeist gestärkt und gehoben. Machte je ein Kritiker einem Schiller einen Vorwurf daraus, daß er in seinen ästhetischen Schrift.n die Ideen Kant's, die dieser in der „Kritik der Urteilskraft" behandelte, zum Gemeingut aller Gebildeten machte? Gewiß nicht. Man soll die wirklich wissenschaftlich begründete Wahrheit dem Volke nicht vorenthalten. Ein And res ist es, daß Graetz anch mit Hypothesen der Bibelkritik operiert, um die der Kampf der Gelehrten noch wogt und die aus dem Stadium einer Hypothese zu dem eines festgestellten wiffenschaftlichen Ergebnisses.nicht erhoben wurden. Zumal es sich da auch um solche Probleme handelt, die einerseits mit der althergebrachten Tradition im Widerspruche stehen, andererseits aber denjenigen, die der Tradition den Rücken wandten, willkommene Stütze und Waffen boten. Hier dürften die Bedenken Scheinschneider's nicht unbegründet sein. Solche heikle Probleme sollen — so lange nicht unumstößliche wissenschaftliche Resultate erzielt wurden, — nur im Kreise der dazu Berufenen objektiv behandelt werden, aber nicht, wie der unselige Babel- und Bibelstreit, eine rein wissenschaftliche Frage, in die Niederungen des Parteigezänkes des Tages gezerrt werden. Denn das laute Hallo des Pöbels stört das objektive wissenschaftliche Interesse und wurden selbst Fachleute durch äußere Rücksichten geleitet und bestimmt. Auch ist nicht jede Wahrheit für's Volk; und schon Aristoteles soll in den Schattengängen beim Lykaion des Morgens die eingeweihten Schüler in der tieferen Wissenschaft, des Nachmittags eine größere Anzahl in Fragen allgemeiner Bildung unterrichtet haben. Das große Problem des Verhältnisses von Wissen und Glauben, früher die ureigenste Domäne der Philosophie, ist heute eine, ja vielleicht d i e meistumstrittene Tagesfrage. Seit Galiläi und Descartes wird die Wirksamkeit von Zwecken geleugnet und das ganze Nalurgeschehen aus blind wirkenden Kräften abgeleitet. Diese mechanische Weltanschauung trat in letzterer Ze.t in zweifacher Form auf, in der des Materialismus und der des mechanischen Evolutlonismus (Monismus). Erst waren es die Materialisten, die, geblendet durch die großen Errungenschaften der Naturwissenschaft, besonders sich auf die Ergebnisse der Physik stützend, da die glaubten, die Welt auch ohne den lieben Gott regieren zu können. Durch populäre Schriften bahnten sie sich den Weg ins große Publikum, Büchner's „Kraft und Stoff" wurde als ein wahres Orakel der Aufklärung gefeiert. In der Tat galt der Beifall mehr dem geistreichen Schriftsteller als dem Gelehrten. Aber nicht lange währte die Herrschaft des Materialismus — leider nur bei den Gelehrten. Sie wurde durch Friedrich Albert Lange's großes Werk, „Geschichte des Materialismus" entthront, das mehr eine Vernichtung als eine Geschichte desselben ward. Der Materialismus ist seit etwa vier Jahrzehnten wiffenschaftlich vollständig abgetan und doch gibt es heute noch Tausende der sogenannten Halbgebildeten, die sich an den populären Schriften desselben berauschen, ohne zu ahnen, daß man es mit einer längst überwundenen Stufe der Wissenschaft zu tun hat. Hatte früher der Glaube nur gegen die unsicheren Schlüffe der Metaphysik zu kämpfen, — und als solche stellt Lange auch das System des Materialismus hin — so hat er es heute mit der Naturwlffenschaft zu tun, die mit Experimenten operiert, und Tatsachen bietet.

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