Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 9 (26.2.1909)
- Date
- 1909-02-26
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 156 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 9 manen Gesinnung in weitesten Kreisen großer Sympathien, von welchen auch das Leichenbegängnis, welches Sonntag, den 14. Februar, zwei Uhr nachmittags, stattgesunden, beredtes Zeugnis gab. An seiner Bahre trauern eine tiefbetrübte Wittwe, seine treue Lebensgefährtin, vier Söhne und zwei Töchter, welche in geachteten Lebensstellungen sich befinden. Brief aus Pohrlitz. Am 14. Jänner starb, 76 Jahre alt, der langjährige Oberkautor unserer Gemeinde, Herr Ignaz Bermaun in Wien, wohin er sich, von längerer Krankheit Heilung suchend, begeben hatte. In dem Verewigten verliert unsere Gemeinde einen pflichtgetreuen, hochachtbaren und leistungsfähigen Funktionär, der ihr 25 Jahre lang hingebungsvoll gedient hatte, das Judentum einen treuen begeisterten anhänglichen Sohn, die Menschheit einen auf ihrer höchsten Höhe stehenden ehrenfesten Charakter. Herr Bermanu. der aus Miskolc; in Ungarn stammt, entsprießt einer altbe ühmten Sängerdynastie (sein Vater war der berühmte Tempelsänger Melr, genannt der Litwak) und nahm schon in jungen Jahren die Berufsidee und die Eignung zum Gesang, speziell zum Tempelgesang in sich auf. Er war von großer Begabung, äußerst stimmkräftig und hatte auch die nötigen musikalischen und liturgischen Kenntnisie in größerem Maße, als man dies bei vielen anderen seiner Fachgenoffen antrifft. Er war ein Thoraleser von feinem Geschmack und großer Genauigkeit, er kannte die ganze Bibel auswendig. Hervorragend aber war seine Bereinigung des altjüdischen mit dem modernen Tempelgesang. Er war zwar ein Chasan nach altem Schlag, dabei aber musikalisch hochgebildet und von erlesenem Feingefühl im Vortrage. Wenn er zu Pessach, beziehungsweise zu Schemini Azereth „Tal, resp. Geschem-Benschen" vortrug, so glaubte man ordentlich das leise Niederrieseln des Taues vom Himmel, das Niederpraffeln des Regens zu hören, so anschaulich und gefühlvoll war seine Interpretation. Seine Kunst im Vorbeten, die Zuhörerichaft zu erbauen, ja zu ergreifen, war geradezu einzig. Wenn er „Kol nibrej" tradierte, war man mächtig bewegt, wenn er aber in der „Tefilah" vor dem Jom- Kippur-Muffaf - Gebet sein markerschütterndes „Schadai" hinausschmetterte, blieb im Gotteshause kein Auge trocken. Zahlreiche altjüdische Tcmpelgesange hat er modernisiert, in Noten gesetzt und die Zahl seiner einschlägigen Kompositionen ist sehr groß. Er hat fast nur eigenes musikalisches Geistesprodukt beim Gottesdienste verwendet. Dabei war dieser in seinen Berufs- und Menschheitspflichten aufgehende einfache und bescheidene Mann von der größten Liebenswürdigkeit und Anspruchslosigkeit, überdies, ohne Zelot zu sein, von schlichter Frömmigkeit, wahrhaft gottesfürchtig und dennoch — oder eben deswegen? — von modernen fortschrittlichen Ideen durchdrungen. Seine vor langer Zeit in jungen Jahren unter einer gewissen Tragik verstorbene Tochter war die gefeierte Operusängeriu Stefanie Bermann, mehrjährige Primadonna der Budapester, später der Prager Over, eine Schülerin Gänsbachers. Die Pohrlitzer Gemeinde hielt den Verblichenen, der auch als Klavierlehrer wirkte und sich dabei als Meister der Pädagogik zeigte, hoch in Ehren. Wenn es ihm auch beschieden war, fern von seiner Wirkungsstätte das Leben zu beschließen, so hielt dies seine Gemeinde nicht ab, sich bei der würdigen Leichenfeier entsprechend vertreten zu lassen. Sie entsendete drei Vorstandsmitglieder, die Herren Schnabel, Spitz und Bondi. Die meisterhafte Trauerrede, die der Rabbiner Herr Doktor Gelbhans, ein ehemrliger Amtsgenoffe von ihm'(die Beiden wirkten lange Zeit nebeneinander in derselben Gemeinde, in Karlstadt) an der Bahre hielt, würdigte die Verdienste und die glänzenden Herz°ns- und Charaktereigenschaften des Verstorbenen und übte auf die anwesenden Verwandten und die übrigen Trauergäste großen nachhaltigen Eindruck. Wahrlich, wenn viele solche Männer in Israel leben, braucht uns um die Zukunft des Judentums nicht bange zu sein. Breslau. Die hiesige jüdische Gemeinde hat einen schweren Verlust erlitten durch den Heimgang des Herrn Adolf F r e y h a n, welcher Mittwoch, den 17. Februar einem Schlaganfalle erlegen ist. Der Heimgegangene war nicht bloß ein hochbegabter, dichterisch veranlagter Schriftsteller: er war auch ein edler Mensch und gottbegeisterter Jude, welcher seine Lebensarbeit der Wohltätigkeit widmete. Er erfreute sich in allen Kreisen allgemeiner Verehrung, von welcher die große Teilnahme an dem Freitag den 18. d. M. stattgefundenen Leichenbegängnis Zeugnis ablegte. An seiner Bahre sprachen beide Rabbiner, die Herren Dr. Guttmann und Dr. Rosenthal, nach ihnen Herr B iberfeld im Namen des Vereines der schlesischen Dichterschule. Berlin, 16. Februar. Herr Dr. Edmund LandaN, Privatdozent an der hiesigen Universität, ist als Nachfolger des vor einigen Wochen verstorbencn Professors Minkowski zum ordentlichen Professor der Mathematik an der Universität Göttingen ernannt worden. Diese Auszeichnung ist umso ehrenvoller, da Professor Landau, Sohn des Herrn Geh. Medizinalrates Professors Dr. Leopold Landau Hierselbst, erst 31 Jahre alt ist. _ jfeuiUeton. Zwei jüdisch persische Dichter Schalst« nnd Imram. Von Profeffor Dr. W. Bacher. Fern von der breiten Völkerstrane, wie der Weg, den das jüdische Volk gewandelt, zog sich der schmale Pfad, auf dem die jüdischen Dichter und Denker des Mittelalters durchs Leben gepilgert sind. Von Wenigen gekannt und von den Wenisten anerkannt, in stiller Einsamkeit sangen sie ihre Lieder, schrieben sie ihre Werke. Und die Nachwelt vergaß ihrer bald. Ueber ihre Gräber treibt der Wind die Wellen des hohen, ungemähten Grases, ihre Grabsteine sind verwittert ins Erdreich versunken. Vielleicht, daß in Jahrhunderten ein Epigone, ein später Leidensgefährte ihre Ruhestätte sucht, wie Babai ibn Luis die Grabstätten Schahins und Jmranis und ihnen einen Seufzer weiht, ihrem Andenken ein grünes Blatt widmet: „Ich küsse ehrfurchtsvoll das Grab des Hafis Und tief ergriffen denke ich Scheich Saadis, Wie Rosenduft erfüllt der teueren Meister Schahins, Jmranis Name mir die Seele." Und wie den Dichtern, erging es ihren Werken. Es liegt etwas Tieftrauriges, Schmerzlichempfundenes in den Worten: „Selbst die Thorarollen in der Bundkslade", mit welchen unsere Alten den römischen Spruch: »Uadent 8ua fata libelli« ergänzen. Die jüdischen Geisteswerke, auch die schönsten und gediegensten, teilten nur allzuoft das traurige Los ihrer Urheber. Sie lagen vergessen im Staube der Bibliotheken, in Genisoth, auf Tempelböden. Nur die wenigsten fanden ihren Weg in öffentliche Büchereien. Erst in den letzten Jahrzehnten erinnerte man sich der Ehrenpflicht unserer Altvorderen gegenüber. Es entstanden die Mekize Nirdamim, die es sich zur Aufgabe gestellt, die „Toten zu erwecken". Eine ganze Anzahl gediegener Werke wurde veröffentlicht. Längst verschollene, totgesagte Schriften aus vorchristlicher Zeit entstanden zu neuem Dasein. Im letzten Jahrzehnte wurde eine ganze Literatur entdeckt: Die persisch-jüdische. Wir verdanken ihre Kenntnis drei Gelehrten: dem Bibliophilen Elkan N. Adler in London, der auf seinen Reisen Hunderte von jüdisch-persischen Zeitschriften zusammengebracht hat; Simeon Chakam, dem gelehrten Herausgeber jüdisch-persischer Zeitschriften in Jerusalem; vor allem aber dem unermüdlichen Forscher Professor Bacher in Budapest, der seit dem Jahre 1896 über die persisch-jüdische Literatur siebenundzwanzig und darunter recht umfangreiche Arbeiten veröffentlicht hat. In der vorliegenden Arbeit führt er uns zwei persisch-jüdische Dichter aus dem dreizehnten, beziehungsweise aus dem fünfzehnten Jahrhundert vor, welche die hohe Kunst Firdusis und Nisamis in den Dienst der heiligen Sache, der Verbreitung der Thora, gestellt haben. Da die Gelehrten dieses Landes schwanden Durch Druck und Tyrannei und feindlich Walten, Hab' oft in meinem Herzen ich erwogen: Geschwunden sind die Kundigen der Thora; Bald, fürcht ich. wird sie Niemand lesen können. Und Niemandem wird sich ihr Sinn erschließen. Aus diesem Grunde Hab' ich meine Dichtung Als Thorakommentar verfaßt auf Persisch, Damit sie Kenner und Nichtkenner lesen, Des Gottesmannes Hoheit ihm entnehmen. Mit diesen Worten kennzeichnet Schahin selbst die Tendenz seiner Werke. Er wollte seinen persischen Glaubensgenossen einen poetischen Kommentar zur Bibel in die Hand geben. Sein Erstlingswerk war eine Mosaide, das Mosesbuch, welches er im Jahre 1327 beendete, mit dem Genestsbuche schloß er im Jahre 1358 sein Lebenswerk ab. Seinen Vorsatz, auch die weiteren Bücher der heiligen Schrift poetisch zu bearbeiten, konnte er nicht mehr ausföhren. Dies geschah erst zwei Jahrhunderte später durch Jmrani, der das Werk vom Tode Mosis bis Salomo fortführte. Schahin war ein Gelehrter. Nicht weil man ihm den Titel Maulana (unser Meister) beigelegt hat. Mit Titulaturen hat man im Orient nie gegeizt. Aber es geht dies aus seinen Schriften bervor, die eine Fülle von haggadischen Erklärungin und rabbinischen Traditionen enthalten. Er war, wie der gelehrte Verfasser mit der ihm