Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Seite 1*6 Dr. ZNochr WocheGHM. Nr. 8 Halterei-Präfidium ersucht, Euer Hochwohlgeboren für die Vorige der FestauSgabe Ihrer beim Festgottesdienste am 1. Dezember 1Ü08 im jüdischen Tempel in Triest gehaltenen patriotischen Rede den Allerhöchsten Dank mit dem Beifügen bekannt zu geben, daß die erwähnte Festausgabe der Rede der k. u. k. Familien-Fideikommiß-Bibliothek einverleibt werden wird. Es gereicht mir zum Vergnügen, Euer Hochwohlgeboren hievon in Kenntnis zu setzen. Der k. k. Statthalter: Hohenlohe m. p. Eine neue Baron Hirschsche Kolonie. Wie die „Newyorker Times" melden, haben Agenten des Baron Hirschschen Fonds neben Millville im Staate Newyork mehrere hundert Acker ausgezeichneten Farmlandes angekauft, um daselbst eine jüdische Stadt zu gründen. Die Siedlung soll nach dem Muster von Woodbine und Carmel aufgebaut werden. Mit dem Baue der Wohnhäuser ist bereits begonnen worden und 40 jüdische Familien, die sich für die Farm eignen, sind gleichfalls bereit, die Wohnhäuser zu beziehen. Jede Familie erhält 25 Acker Land zur Bearbeitung zugewiesen. Jüdische Kaufleuts erster Gilde in Moskau. Russische Blätter verzeichnen eine Moskauer Meldung, wonach den jüdischen Kaufleuten erster Gilde, die in andere Städte außerhalb des Ansiedlungsrayons verschrieben sind, das Wohnen in Moskau — das ihnen bisher gestattet war - - in Zukunft zu verbieten. Infolge dieser Maßregel mußten mehr als zweihundert jüdische Kaufleute ihre Moskauer Geschäfte liquidieren und von Moskau auswandern. Berrr. Fräulein Dr. Anna Tumarkin. bisher Privatdozent der Philosophie an der Univerfität Bern, ist einstimmig zum außerordentlichen Professor daselbst ernannt worden, Fräulein Tumarkin ist aus Kischineff iu Rußland. Sie ist das erste weibliche Mitglied eines deutschen Professorenkollegiums. Paris. Catulle M e n d e s, der bekannte französische Dichter, hat bei einem Eisenbahnunfall den Tod gefunden. Er wurde am 22 Mai 1841 von jüdischen Eltern in Bordeaux geboren. Feuilleton. Das geschändete Heiligtum. Novellervon M. D. Rywkin, übersetzt mt$ dem Russischen von Malwina Blumberg. Dreimal hatte er diese Schriftzeichen gesehen, dreimal hatte er sie in der Nähe gesehen, in dem ganzen Glanz ihrer unverwelklichen Schönheit, in der ganzen Größe der in sie gehüllten Lehre Gottes. Es waren gerade, gleichmäßige Striche, die in langen, einförmigen Reihen das sorgfältig zusammengerollte Pergamentblatt bedeckten, auf dessen gelbem Hintergründe ihre schwarzen, eigenartigen Zeichen mit besonderer Schärfe hervortraten. Dicht aneinandergedrängt standen sie von rechts nach links in langen Reihen da, die erhabene Pflicht, zu der die Hand des begeisterten Schreibers sie ins Leben gerufen, mit Würde erfüllend. Alle sahen sie einander gleich; nicht ein Buchstabe, nicht ein Strich trat aus der Reihe; keiner lenkte durch vorlautes Gebühren die ausschließliche Aufmerksamkeit auf sich. Das winzige ' (Jud) blitzte in seinem schwarzen Glanz ebenso wie das sorgfältig gezeichnete, bogenförmige h (Sajie), und beide schlossen sich eng an die ganze Plejade der übrigen Buchstaben des Alphabets, von denen jeder an sich nichts bedeutet, die aber in ihrer Gemeinschaft auf diesem zusammengerollten Pergamentblatt einen besonderen, göttlichen Sinn erhielten. Und das Pergament wußte es, daß nur sie, diese kleinen, schwarzen Buchstaben es aus einem Stück einfachen Schaffelles in ein „etwas" verwandelten, das dem ganzen Volke heilig war, — und mit Dankbarkeit drückte es sie an seine ausgetrocknete, gelbe Brust, und barg sie vor jeder menschlichen Berührung, vor jedem neugierigen Blick. Dreimal hatte er diese Schriftzeichen gesehen. Das erstemal war es in dem Augenblick gewesen, da sie soeben aus seiner eigenen Feder geflossen waren, — der begeisterten und zugleich ruhigen Feder eines hebräischen „Sofer", der seinen Unterhalt mit dem Abschreiben heiliger Bücher verdient. Es war die erste „Thora", die er vom ersten bis zum letzten Buchstaben allein geschrieben hatte. Hundert und zwanzig Tage und hundert und zwanzig Nächte waren verflossen zwischen dem Augenblick, da er auf das von ihm selbst vorbereitete Pergament den Anfangsbuchstaben des ersten Wortes der Genesis geschrieben, und dem bedeutsamen Moment, da er, — ohne Hast und Aufregung. — den Endstrich des letzten Buchstabens unter das fünfte Buch Mosis setzte. Hundert und zwanzig mal hatte die Morgenröte mit der Abendröte, letztere mit der Morgenröte gewechselt, — und immer noch saß er gebückt über seinem heiligen Werk. Am Tage leuchtete ihm die helle Sonne; des Nachts brannte das trübe Licht eines einzigen Lämpchens: des Morgens übergab er, was er die Nacht hindurch geschrieben; am Abend lieferte er die Arbeit ab, die er tagsüber vollendet. Und alles, was seiner willfährigen Feder entströmte, alles, was sich zu einem frischen, von ihm selbst sauber vorbereiteten Pergamentblatt gestaltete, erwärmte in gleichem Maße seine Seele, leuchtete in gleichem Maße im überirdischen Glanze der göttlichen Offenbarung. r Und immer länger und länger wurde das Pergament. Jedes neue Blatt wurde vermittels dünner Sailen dicht an die früheren Blätter befestigt und trug somit sein Teil zum Allgemein-Heiligen bei. Und es enthielt dieses Pergament weder helle noch dunkle Stellen. Alles war in gleichem Maße heilig, alles wurde mit gleicher Ehrfurcht auf das Pergament übertragen; das tote Pergament, das unter den Fingern des Schreibers zum Leben zu erwachen schien. Einmal nur war er sich selbst untreu geworden. . . . Er erinnert sich, daß an diesem Tage die Sonne heller als sonst leuchtete und daß das goldige Viereck, das durch das kleine, niedrige Fenster seines Zimmerchens auf das vor ihm aufgerollte Pergamentblatt fiel, in besonders hellem Glanze strahlte. Er schrieb damals das neunzehnte Kapitel des dritten Buches Mose, den Abschnitt, den man „Kedoschim" nennt. War seine Seele an diesem denkwürdigen Morgen besonders gedrückt durch die Einsamkeit und Armut, die sein persönlich Teil in diesem Leben geworden, oder weckte die strahlende Frühlingssonne tieferes Mitgefühl in ihm für fremdes Leid und fremden Kummer, — wie dem auch sein möge, — noch niemals hatte er solche Aufregung empfunden, wie in diesem Augenblick, da er die folgenden, einfachen Worte niederschrieb: „Und wenn du einsammelst die Ernte von deinem Felde, so sammle nicht alles ein; und wenn du auflesest das Vergessene, lese nicht alles auf; und auch deinen Weinberg beraube nicht aller Früchte. Zurücklassen sollst du für den Fremden und den Dürftigen. Denn ich, der Ewige, bin dein Gott." Er fühlte, daß seine Hand, die sonst immer so gleichmäßig und stetig, diesmal ganz eigenartig zu zittern begann, und die Buchstaben, die er in gewohnter, durch Jahrhunderte überlieferten Meise schrieb, hatten in seinen