Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-02-19 · 8 (19.2.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
8 (19.2.1909)
Date
1909-02-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021827--18081-3042990
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 8 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 127 „furchtbaren Polizei Roms", als welche der Jesnitiswus wahre Henkersdienste am tschechischen Kulturleben verrichtete, so daß nach 150 Jahren kaum noch die spärlichsten Ueberreste des einstigen, blühenden hussitischen Kulturstandes aus den Trümmern gerettet werden konnten. Und heute, im Jahre 1909, scheuen sich tschechische „freisinnige" Politiker mcht, aus den Händen derselben Jesuiten diese schimpflichste Assistenz entgegenzunehmen, wenn es gegen die Freiheit und für den Klerikalismus losgeht und die Juden als die ersten Angegriffenen mit dem „Ritualmorde" gehetzt werden!!! In Dr. Franz Fr an k's vergleichender Geschichtsmethode leuchten ja die jeweiligen Unterschiede sofort ein, wie der Geist des Mittelalters sich, seit dem ersten deutschen, rühmlichen „Ritualfalle" von Fulda, jeweils national rezipiert, bei den Magyaren, Russen, Rumänen und Tschechen in mehr oder minder gelungenen, „modernen" Kopien äußert: T isza - Eszlar, Xanten, Könitz bis zu unseren tschechischen Stationen Kolin 1893, Polna. Wie belehrend müßte das Resultat kritischer Forschung über dieses hochinteressante Kulturkapitel ausfallen, wenn erst ein Ern st Denis diese tschechischen „Ritualmordfälle" zum Gegenstände seiner geistreichen und objektiven Untersuchung wählte, da er doch die Erfolge des jesuitischen Regimes auf dem Leichenfelde der tschechischen Kulturverluste mit so hinreißender Beredsamkeit zu verewigen wußte! Wer kommt immer gleich nach den Juden an die Reihe, wo der Klerikalismus auf Beute ausgeht? Die Freiheit und die höchsten Ku ltur-Errungenschaften des tschechischen Volkes! Welches warnende Spiegelbild ihrer furchtbaren Verblendung müßte erst ein Ernst Denis seinen tschechischen Freunden vor Augen halten, wäre er je persönlich Zeuge dessen gewesen, wie die giftige „rituelle" Jesuitensaat hier offen und geheim, durch Schrift und Bild in das arme, unwissende Volk geschleudert wird, unbekümmert darum, daß derselbe Tor, dem heute dieser beschämende Aberglaube gegen die Juden beigedracht wurde, morgen wehrlos auch jeden anderen, selbst noch so widersinnigen Aberglauben aufnimmt und derart leicht zum Opfer jeglicher Ausbeutung wird. Einem Ernst Denis würden ja die Tschechen eher glauben und seine Mahnungen und Warnungen würden sie ja eher befolgen, als die Mahnrufe ihres verketzerten xroxbeta in patria und geächteten „Volksverräters" . . . .... Prof. T. G. M a s a r y k. (Fortsetzung folgt.) Zur Frage eiues jüdischen Studentenheimes.*) Zur Huldigung Sr. Majestät plante eine Reihe angesehener Persönlichkeiten die Errichtung eines deutschen Studentenheimes und seine Errichtung soll, wie man hört, gesichert sein. Auf die Verlautbarung des Planes erhoben sich Warnungsrufe an die Juden, dazu beizusteuern, weil man damit nur offenen Gegnern nütze. Dann wurde von jüdischer Seite selbst für die Gründung eines jüdischen Studentenheimes geworben. Bei diesem Gegensätze nahm man ohne weiteres an, daß Studentenheime etwas Wohltätiges, Nützliches und Gutes seien. Man übersah, den Wert solcher Einrichtungen zu prüfen und zu schätzen. Und doch sollte auffällen, daß sie im deutschen Sprach- und Kulturgebiete sehr gering sind. Sie stammen aus früheren Zeiten, in denen die Studenten klösterlich zusammenlebtenundinKollegienundBursen kaserniert waren. Wo sie in Deutschland bestehen, sind sie meist nur für Theologen b e st i m m t. Studentenheime stehen nämlich in schroffem Gegensatz zu den Forderungen und Anschauungen der neueren Zeit. Sie sind aus sozialen und allgemein pädagogischen Gründen äbzulehnen und aus materiellen Ursachen eine.nicht empfehlenswerte Schöpfung. Ein Gewährsmann besonderer Art, der bedeutende Philosoph Professor Dr. Theobald Ziegler, sagt in seinem schönen Buche: „Der deutsche Student am Ende, des 19. Jahrhunderts", (10. Auflage, Leipzig 1908) *) Dieses Memorandum entstand auf An^eanng des Herrn k. k. Notars Dr. Julius Bei mann, eines der wärmste» Studenterfreunde. und sein Inhalt.cntfpriebt dem Gedankei kr>,ii du'es doch oeebrteu Mruues. über diese Heime folgendes (S. 156): „Solche Einrichtungen steuern dem sozialen Elend und namentlich wirkt der Zwang der Hausordnung als eine Art Schutz und Halt, besonders auch auf den Anfänger günstig. Anderseits entspricht es dem modernen Individualismus und dem Unabhängigkeitsgefühl der Studenten, unserer Sitte und unseren Anschauungen nicht mehr und hat darum etwas Künstliches und durch den unerläßlichen Zwang etwas Gewaltsames und Revoltierendes. Und auch den Nachteil möchte ich nicht gering anschlagen, daß das Recht auf das Alleinsein dabei nicht gewahrt werden kann, ein Recht, das für den modernen Menschen, und für den geistig arbeitenden Menschen speziell, vielleicht notwendiger ist, als jemals in früheren Zeiten. Und endlich werden die geselligen Beziehungen nach außen hierdurch nicht vermehrt, sondern eher vermindert und erschwert. Berechtigung können solche Institute jedenfalls nur dann gewinnen, wenn mit ihnen in der Weise des Tübinger Stiftes *), eine wertvolle Studienordnung und erhebliche Studienförderung verbunden ist." So spricht ein erfahrener Hochschullehrer, der, wie kaum ein anderer, die Individualität des „deutschen Studenten", das heißt, des Studenten an deutschen Universitäten erforscht hat und dessen Forderungen an den deutschen Studenten ideale sind. Auch derjenige, der selbst Hochschüler gewesen und dann in steter Fühlung mit den Hochschülern geblieben ist, wird und muß bei objektiver Betrachtung sagen, daß speziell die in Wien bestehenden zwei Studentenheime nur von solchen Hörern besucht werden, die von idealen Bestrebungen absehen und nur möglich st bald fertig werden und zu Ä r o r k o nt nt e ii wollen. Ein Jünglmg, der sich für ^Höheres erwärmt, der auch ausloben will, sucht diese Quartiere nicht auf. In ihnen nehmen nur Leute Aufenthalt, die von der Not sehr gedrängt werden, aber wenig Jugendmut und keine Energie zum Kampf ums Brot aufbringen. And so bald als möglich entziehen sich die kräftigeren Elemente den Heimen. Wer länger bleibt, verläßt sie als wenig selbstbewußter Mann. Der wahre Jüngling, der sich zum Charakter bildet, verschmäht Almosen. Auch die Lehrer und Freunde der Jünglinge sollen den Jüngling dazu leiten, daß er die rechte soziale Sittlichkeit und starkes soziales Empfinden erhält, was möglich ist, wenn er weiß und in sich aufnimmt, daß die Armen Gerechtigkeit, nicht Gnade wollen. (S. auch Ziegler, S. 148.) Almosen degradieren. Gerade beim Jüngling muß alles vermieden werden, was seine Entwicklung zum Manne hemmen oder falsch beeinflussen kann. And stark wird er nur, wenn er arbeitet und kämpft. Sittliche Freiheit und Einsicht wird sein Besitz nur, wenn er im Kampfe der Anschauungen und Handlungen zu klaren Urteilen über das Gute und Schlechte gelangt: Wohlwollen, Gerechtigkeit und Billigkeit gewinnt er nur durch Erfahrungen und nur im Wohltun selbst, nicht im Wohltatenempfangen. Nichts kann mehr das Gemüt verdüstern als Erniedrigungen wegen Armut. Darum sollten bei Einrichtungen zum Wohle der Studierenden beschämende Modalitäten vermieden werden. Das ist bei Heimen nicht der Fall, denn die Vergebung der Stiftplätze und die Bestellung eines Hausinspektors sind notwendige, aber meist demütigende Institutionen. Hier waltet meist Gnade ob. hier ist meist auch Aufsicht, und das sind Momente, die die Jugend verbittern. Zudem entsprechen die Studentenheime bei ihrer Kostspieligkeit nicht dem aufgewendeten Kapital. Das eine der zwei Lruener Studentenheime, d.'.s Nndolfinum, *) Es ist ein theolcci 'e'.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.