Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 126 Dk. BlvchS kamen. Es ist unbedingt notwendig, daß sich die bosnischen Juden die Unparteilichkeit erhalten, wenn auch kaum zu hoffen ist, daß sie mehr als einen Vertreter im Landtag, bekommen, obwohl sie für die kulturelle und merkantile Entwicklung des Landes so hohe Bedeutung hatten und haben, daß man sie gerechterweise nicht nach der Kopszahl einschäHen dürfte. Aber wir sind schon auf Genügsamkeit dressiert. Nur das letzte bischen Besitz und das Prinzip der Gerechtigkeit dürfen wir uns nicht nehmen lassen und Niemand kann die Lauheit der Verantwortlichen entschuldigen und erklären. Genehmigen Sie, Herr Redakteur, rc. P. 8. Wie,,Rit«almord"-Geschichte« fabriziert Werde«. Prag, am 9. Februar 1909. I. Wenn so originelle Denker, wie G a st o n P a r i s, die merkwürdige Renaissance des tschechischen Volkes seit etwa 130 Jahren zum Gegenstände ihrer Forschung machen, wenn so streng kritische Historiker, wie E r n st Denis der Analyse des »Verfalles der tschechischen staatlichen Selbstftanbi gleit" und der Erforschung »Böhmens nach der Schlacht am Weißen Berge" sogar 30 Jahre Lebensarbeit zu Quellenstudien an Ort und Stelle widmen, dann erklärt uns die hugenottische Abstammung und die prote st antische Weltanschauung dieser Gelehrten, wieso Franzosen so mächtig angezogen wurden, um einem weit entfernten, stammesfremden, kleineren Volke und seiner historischen Entwicklung dieses tiefe Forscherinteresse entgegenzubringen. In den Schriften beider französischer Gelehrten über die Tschechen finden wir viele, sehr beachtenswerte Aufschlüsse zur kritischen Erklärung von Einst und Jetzt, welche eben wieder nur der romanische P r o t e st a n t i s m u s auf der klasstschen, tschechoslavischen Geburisstätte der mitteleuropäischen Reformation zu erforschen und so zu analysieren vermochte. Wir Juden in Böhmen büßen noch immer alle jene Folgen der abgrundtiefen Schluckt, welche durch gewaltsame Erdrosselung der.huslitischen Reformation zwischen 16 2 1 bis heute in der Kultur und Moral des tschechischen Volkes entstand. Die zerlweisen, gehässigen Auswüchse der tschechischen Judenhetzen sind ja nichts anderes, als nur ein Teil, bloß ein Glied in der Kette von Mitteln, welche der siegreiche Jesuitismus seit der Niederlage des Hussitentums in Böhmen stets anwendet, um seine Siegesdeute nicht wieder zu verlieren. Deshalb war uns das skandalöse Verhalten der »Narodni Listy" und ihrer Anhänger während der D r e y f u s - A f f ä r e und im Hilsner-Falle nur ein neuer, überzeugender Beweis dafür, wie ungeheuer weit dieses Jungtschechentum mit seiner rein oberflächlichen, reklamehaften, „hussitischen" Rennomage von der wahren Moral der tschechischen Reformation liegt. Gewiß hatte die mächtig angewachsene, jungtschechische Partei unter den Begründern ihres jähen Aufschwunges auch Idealisten vom rein st en, neuhussitischen Bekenntnisse, wie es die Dichter Jan Neru da, V. Hälek, Svatopluk Czech, sämtlich als Redakteure der »Narodni Listy" jahrzehntelang aktiv an der Tagespresse mitarbeitend, unstreitig waren. Aber diese erlesenen Geister und ihre kongenialen Mitkämpfer Sladkovsky, Barak und A. m. starben als ehrenvolle Ausnahmen noch zu ihren Lebzeiten im selbstgewählten, parteilichen Exil, weil die Majorität der Partei der politischen und materiellen Macht zuliebe ihre besten Grundsätze stückweise verleugnete und der Popularität der Gasse zuliebe ihre ehrenvolle Vergangenheit hinwarf. Seitdem bedienen sich die tschechischen Klerikalen jedesmal zu Judenhetzen auch der politischen Parteiagitation und Presse der rapid, von Stufe zu Stufe moralisch sinkenden Jungtschechenpartei, welche dem Jesuitismus immer willige Handlangerdienste leistet, so oft politische Mißerfolge in Wien die Verluste an Parteimacht um weitere Gebiete ankündigen. Bei allen Wahlagitationen spielt der Juden-Boykott seine große Rolle, doch die Judenstimmen nahm selbst Dr. B a x a gern — wo es noch Juden gab, die ihn wählen konnten. Immer dienen Judenexzes s bei den Tschechen als prompte Blitzableitee chronischer, innerer Parteikrankhetten. Ob Klerikale, oder Jungtschechen, oder Radikale so oft sie in die kritische Lage kommen, der Nation Rede und Antwort zu stehen für die Niederlagen ihrer grundsatzlosen Wiener Politik und für ihre Sünden gegen das tschechische, freiheitliche Programm, welches einzig und allein i h r e r k l e in en N a ti o n zum kul t u re l l e n Siege verhelfen kann — immer Wochenschrift. graben sie eine Judenhetze, ein gefährliches Stück Mittelalter aus, um die Kritik der eigenen Parteigänger und Gegner durch populäre Massenbewegungen, der Gasse wirksam und billig abzulenken. Natürlich ist gerade diese vergiftete Judenpolitik der tschechischen Parteien das zweischneidig st e Messer in der Hand der unwissenden Massen, denn sie wirft die mühsam erkämpfte kulturelle Entwicklung der - breiten Volksschichten um ganze' Jahrzehnte wieder zurück und sie untergräbt die kaum schrittweise genesende Moral des Volkes zusehends auf unberechenbare Weise wieder. So büßten zwar wir Juden 18 9 7 für den jungtfchechischen Badeni-Krach, so war Po Ina der klerikale Ofenschirm gegen die drohende Volksempörung, als Monsignore D r o z d et Konsortes die St. Wenzels-Vorschußkasse um 8 Millionen ausplünderten und Tausende von proletarisierten Existenzen auf das Pflaster warfen. Aber die eiserne Logik der historischen Entwicklung, volkstümlich Nemesis genannt, blieb auch hier nicht aus. Wehe den Jungtschechen, bis die tschechische Nation sie zur Rechenschaft dafür zieht, daß sie mit ihrem Antisemitismus, der bet Dreyfus und HilZner seinen Gipfel in den »Narodni Listy" erreichte, dem fanatischesten Klerikalismus Vorspann leisteten, um trotz des Millionenraubes der St. Wenzels-Vorschußkasse einen ganzen klerikalen Klub als Vertreter der huffitischen Nation ins Volksparlament des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes zu entsenden! „Rituale Judenhetzen" in dem Volke, dessen stolzesten Namen in der Kulturgeschichte der Menschheit der große Vorkämpfer der Gewissensfreiheit, der Märtyrer und Reformator Huß bildet! Und was war ihre unausbleibliche Folge? Der beschämendste Wahlsieg der tschechischen Klerikalen: „Von Liechtenstein wir siebzehnMann, denPaterWenzel just voran!" — Dieses grausame Spottlied der alten, längst vergessenen Karikaturen in Kliv's „Humoristischen Blättern" hat seine lebende Auferstehung gefeiert. Siebzehn Mann hoch zogen die tschechischen Klerikalen als Vertreter der Nation eines Huß ins Wiener Parlament ein und diesen glänzendsten Sieg verdankten sie dem populären Feldzuge gegen die Juden! Die Jungtschechen mit den „Narodni Listy" haben das traurigste ihrer Verdienste an diesem verhängnisvollen Rückschritte. Und wieder pocht ein warnendes Memento an das Gewissen der leitenden tschechischen Parteien: Dr. Moriz Hruban, der jüngsten Einer unter den tschechischen Klerikalen, ringt mit aller brutalen Gewalt gegen Dr. Kramarsch, um als tschechischer Landsmannminister den klerikalen Siegen die Krone aufzusetzen und da es dem ehemaligen M a s a r y k-Schüler Kramarsch diesmal noch gelang, die Schmach eines Römlings als Vertreter der Nation eines H u ß im Volkshause des allgemeinen Wahlrechtes abzuwehren — dafür rächt sich der klerikale Kampfhahn Hruban und unterminiert der tschechischen Politik den Boden durch seine Jntriguen mit dem gleichgesinnten Flügel der klerikalen Trutzgründung im neuen „Zentrum". Bei dem Kampfe gegen den rücksichtslosen ' klerikalen Heißsporn Dr. Hruban war Dr. K r a m a r s ch der Sympathien aller ehrlich Freiheitlichen im tschechischen Volke sicher. Ob jedoch dem Doktor Kramarsch die Stimme seines Gewissens zurief: „Wer hat die klerikale Strömung in Deiner Nation indirekt so sehr gestärkt, wer hat die russische Reaktion gebilligt, wer hat den armen russischen Juden die Berechtigung der Pogrome als Strafe für ihre revolutionäre Haltung vorgeworfen?" Wir Juden in Böhmen müssen zuBeginn des Jahres 1909 mit der Eventualität einer Neuauflage des schmachvollen Polna-Prozesses rechnen. Wie weit ist da noch die Nation eines Huß von ihrem Siege entfernt, den ihr Ern st Denis brüderlich voraussagt, wenn das tschechische Volk die Ideale der reinen Humanität, wahren Freiheit und Demokratie stets Hochhalten würde! Was mag wohl ein so treuer Berater und wohlgesinnter Freund des tschechischen Volkes, Ernst Denis, dazu sagen, daß die. tschechische Politik heute noch fallweise mit „ritualen" Juden-Exzessen manipuliert? Hoffentlich wird es uns möglich sein, das Original seiner Antwort auf diese Frage unseren Lesern bald vorlegen zu können. II. Man lese nur in dem gediegenen Werke des katholischen Würdenträgers und Historikers Dr. Franz Frank nach und man findet in seinem trefflichen: „Ritualmord vor den Gerichtshöfen der Wahrheit und Gerechtigkeit" (Regensburg 1901, G. I. Manz) sogleich die lokalen Aender u n g e n auf, mit welchen das mittelalterliche Rezept zur Fabrikation von »Ritualfällen" durch die tschechischen Jesuiten rezipiert wurde. Dieselben Jesuiten, aus deren mittelalterlichem Arsenale da 8 ,,Ritualmord"-Märchen stammt, waren ja bekanntlich die eigentlichen Totengräber der nationalen Selbständigkeit der Tschechen. Die tschechische Jesuiten-Literatur ist voll blutiger Seiten der härtesten. Anklagen gegen das grausame Wüten . der