Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 8 (19.2.1909)
- Date
- 1909-02-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 8 Dr. Bloch’s Jahrgang XXVI Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. -n--- -n- Wien, 19. Fcbrnar 1909 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien,!X/i. Hahngasse 15. Telegramm-Adresse: Bloches Wochenschrift, Wien. OG" ■= =' "=DO? Bexugspreis für Vestrrrrich: Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gefpal- O lene Petitzeile 24 Heller. C, OQ- ..-0 0(p o ~~ -.C B. k. Postfxarkaffenamt C elearing-Verk ebr Mr. 810.076. Redattiön und Administration: Viru IX/i, Hahngasse Nr. 15. l) Telefon Nr. 14.847. c QP -O c Jnyatrr iSetiarnfei: Sie bosnischen Juden. — Wie „Rimalmold"-Gcschichten fabrizier: werden. — Zur Frage eines jüdischen Studentenheims. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Mesopotamien. Ein neues Werk von Moriz Lazarus über das Judentum. Die Verdienste eines jüdischen Hauptmannes. Auszeichnung des Bildhauers Moses Ezekiel. — Der alte Orient und die Anfänge deS zweiten jüdischen Staates. — Korrespondenzen: Verband der israelitischen Religionslehrer an den österreichischen Mittelschulen. Unter den kultivierten Salzburger Deutschnationalen. Sarajewo. Enthüllung des Mendelssohn-Denkmals. Jüdische Gelehrte in der Schweiz. — Vermischtes: Kcanzablösungsspenden:c. Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Wien. Jüdische Toynbeehalle Wien XV. Bethaus „Montefiore". Verein der Sabbathfreunde »Schomre Schabbos". Austritte aus dem Judentum. Pceßburg. Klattau. Eisenstadt. Prag. Zur Statistik der Juden in Bödmen. Virovitica. Budapest. Jubiläum eines Oberrabbmers. Berlin. Eine jüdische Kunstgewerbe-Z itung. Eine neue Baron Hirschsche Kolonie. Minister Oscar S. Straus' Studienreise. Jüdische Kaufleute erster Gilde in Moskau. — Feuilleton: Das geschändete Heiligtum. — Briefkasten. — Inserate. Die bosnische« Inden. Ein geschätztes Mitglied der jüdischen Gesellschaft, das erst kürzlich seine Ansicht in Sachen der galizischen Opposition gegen den Gemeindebund bei uns veröffentlichte, stellt uns heute folgende Ausführungen über die Judenfrage in Bosnien zur Verfügung: Löbliche Redaktion! Es ist ein sehr übles Zeichen der politischen Verflachung im Judentum, daß die Angelegenheiten unserer bosnischen Brüder mit so großer Gleichgültigkeit hingenommen werden. Ob der oder die Vertreter der Juden im Parlament des Annexionsgebietes viel oder wenig ausrichten werden, erscheint mir da minder wichtig, als die prinzipielle Frage: Welchen Eindruck soll es denn auf die Bevölkerung machen, wenn die Regierung den Juden offiziell in einem Staatsakt auch nur das geringste Unrecht tut? Das hieße doch dem Antisemitismus Türen und Tore öffnen, das könnte ihn bis zu Gewalttätigkeiten ermuntern. Darum ist es ein Skandal, eine Feigheit, daß man nicht einmal sicher weiß, was den Juden in dieser Sache bevorsteht. Zwei Regierungen sind in dieser Frage zuständig, je eine diesseits und jenseits der Leitha, da die Annexion bis jetzt eine dualistische Angelegenheit ist; aber keiner von den beiden Ministerpräsidenten hatte bis jetzt Gelegenheit, ein im Parlament, oder von jüdischen Deputationen gestelltes Verlangen um Aufklärung zu befriedigen. Für die kompetenten Faktoren in Oesterreich gibt es allerdings dafür einige Ausreden, oder wenn man einen freundlicheren Ausdruck will, Entschuldigungen. Die Juden sind an die Wand gedrückt und fürchten sich, Aufsehen zu machen, der Reichsrat tagt nicht, und wenn er tagt, gebricht es ihm sogar an Zeit für die Staatsnotwendigkeiten, die Regierung lebt und lebt nicht. Aber in Ungarn liegen die Verhältnisse ungleich günstiger und zwingender. Die Juden Ungarns haben Redefreiheit, das Kabinett Wekerles schillert liberal, die Verhältnisse zwischen den Katholiken, Lutheranern und Kalviuern schon zwingen dazu, daß man interkonfessionelle Gerechtigkeit wenigstens in den wichtigsten Punkten übe. Dann noch ein Umstand, der wohl der natürlichste Ansporn in der ganzen Angelegenheit sein müßte. So viel bis jetzt bekannt ist, wird das Annexionsgebiet Ungarn angegliedert werden. Die ungarischen Juden scheinen es aber dulden zu wollen, daß in ihrem Staatsgebiet offizieller Antisemitismus betrieben wird. Hoffentlich scheint ihnen das wichtig genug, daß sie nicht m einem verhängnisvollen Augenblick den absoluten Magyaren spielen, dem alles Jüdische fremd ist. Sie sollen nur über die Leitha schauen, um zu sehen, wie wenig das nützt und wie große, schwer gerächte Unterlassungssünden begangen wurden, weil man ven antisemitischen Dingen nicht rechtzeitig den Garaus machte, da man die Geschäfte der Deutschen zu betreiben hatte. Also, wo bleibt der jüdische Interpellant, der Mann ohne Maske im ungarischen Reichstage? Und warum nehmen die ungarischen Juden nicht Fühlung mit den österreichischen, was geht der Krieg der Reichshälften den gemeinsamen Kampf gegen den Antisemitismus an? Darüber ein andermal ausführlicher. Jetzt wäre nur dringendst zu hoffen, daß sich ungarische Neologen und Orthodoxe miteinander und mit den Juden deutscher und slavischer Zunge verbinden, um eine Lebensbedingung der bosnischen herbeizuschaffen. Der ursprüngliche Verdacht auf eine Unfreundlichkeit Burians wird dadurch nur bestätigt, daß zu den Vorverhandlungen über die Verfassung vom gemeinsamen Finanzminister ein, sage ein ganzer Paradejude beigezogen wurde. Das soll den Zahlenverhältmffen entsprechen? Aber was haben denn Ziffern bei einer Enquete, bei einem Fragt - und Antwortspiel zu tun? Wenn der eine Vertreter plötzlich erkrankt, haben die Juden bei den Verhandlungen nicht einen einzigen Vertrauensmann. Schon die Pflicht der Höflichkeit hätte verlangt, für einen Stellvertreter Sorge zu tragen. Den serbischen Radikalen, welche die Enquete nicht beschicken, läuft man nach und schmeichelt man. Tie loyalen Juden läßt man laufen. Das ist wieder einmal echt österreichisch, aber auch echt jüdisch, wenn wir uns das gefallen lassen. Die Gefahr ist groß. Tenn da man Wahlkreise von etwa 25.000 Wählern schaffen will, die Zahl der Juden aber nur 16.000 beträgt, nach anderen Schätzungen gar nur die Hälfte, so will man, wie es.heißt, sie einem der anderen Kataster anhängen. Das heißte sie mitten in den serbo-kroatischen Nationalitätenftreit werfen, obwohl sie bis jetzt mit der Bevölkerung friedlich aus-