Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 110 Nr. 7 Dr. Bloch gestört wüo. Aufgaben wird diese freie Vereinigung der jüdischen Parlamentarier m Menge finden. Es sind nichr nur bereits chconfich gewordene jüoliche Forderungen von früher her genug voryuuden, jvuöern es gmg auch aus Ton und Tempo der letzten Weener Ersatzwahlen in den Landtag mir erschreckender Deuluchkell hervor, daß der antisemitische Vtadckausmus durchaus nicht emgeschlaftN ist, wie viele Juden me^-r hoffen als glauben. Der Druck nun, den die jüoischeu Avgeordueten aus die Regierung ausübeu können, i]t genau )o jlarf als die Größe oes Gewichtes. Aus der in die Augen fpriugeuoeu ^Nützlichkeit der Einigung eine Talsache zu mawen, darf mau wohl von Politikern erwarten. Ihre prinzipnUe Bereitwilli^keil haoeu viele von ihnen auch schon ausgesprochen. Jetzt warten die Juden uugeouldig, von der Logik und Rotwenoigkeir gepreßt, auf die praktische Ausführung. Zu dieser wäre eS nur nötig, die Worte aus der Lrayltampague euiznlöseu uuo stali unbedaukler fremdualtonaler und sozialer Seelenrettung einfach jüdische Politik zu betreiben. Die Taufbewegrmg. Ueber dieses leider mit jedem Tage aktueller werdende Thema hielt.am 10. d. M. in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" vor dicht gedrängtem Saale Herr Reichsratsaogeordneter Dr. Artur Mahler einen Bortrag, öer sich ebenso sehr durch sachliche Klarheit, wie durch vornehme akademische Form auszeichnete. Der Vortragende vezeichneie die Taufvewegung im Wesentlichen als eine Erscheinung des 19. Jahrhunderts. Speziell in Wien sei es ganz deutlich, daß die so hohe Zayl der lleberrritte zum großen Teile dadurch bewirkt werde, daß die betreffenden Konvertiten ihre Heimat eigens verlassen, um in der Millionenstadt unausfällig die Konversion vollziehen zu können. Andererseits sei es die Taufe-der Neugeborenen, die das Zahlenverhältnis vollkommen verschiebe. Wenn Heine einmal den Taufschein als das Eintrittsbillet zur europäischen Kultur bezeichnte, so könne dieser Grund heute wenigstens für Westeuropa nicht mehr als Entschuldigung gelten. Mit dem wirtschaftlichen und sozialen Leben haoen sich auch die Gründe der Tauf-? bewegung kompliziert. Redner bespricht nun die Taufe aus religiöser lleberzeugung, die ja wohl in vereinzelten Fällen vorkomme. An der Grenze zwischen inneren und äußeren Motiven für den llebertritt stehe die sog. Liebestau fe. Da die eigentliche Mischehe in Oesterreich nicht zulässig ist, so haben wir Juden es als selbstverständliches Fatum hinzunehmen uns gewöhnt, daß bei einer Juden-Christenehe der Jude Übertritt und im Westen wenigstens hiefür mildernde Umstände zugebilligt werden. Es genügt die nackte Hinstellung der Tatsache, daß in den meisten Fällen der Mann seine Konfession opfert, um der Frau eine bedeutende Rangerhöhung zu verschaffen, um die ganze Absurdität zu zeigen, die in der Entschuldigung solcher Liebestaufen liegt. Jedes Submiltieren des Mannes vor der Frau stellt die Ehe von vornherein auf eine falsche Basis. Die dritte Kategorie der Judentaufen sind jene zur Erlangung eines äußeren Vorteiles, welche Redner in die reine Karrierelaufe und in die gesellschaftliche Taufe scheidet. Der Vortragende erörtert die Zurückdrängung der Juden auf allen Gebieten des wirtschaftlichen und sozialen Lebens, insbesondere ihre Ausschließung von allen kommunalen und staatlichen Beamtenstellen. An materiellen Voraussetzungen für die Taufe fehle es asso nicht, zur 'Ehre des Judentums müsse aber betont werden, daß manch Einer vielleicht den Schritt, den auch er als würdelos empfindet, doch nur nach schwerem inneren Kampfe vollzogen hat. In die gleiche Kategorie seien die Kindertaufen zu setzen, durch Wochenschrift. welche die Eltern ihren Kindern von vornherein die Möglichkeit einer Karriere offen halten wollen. „Ich mutz gestehen", sagt Redner, „daß diese Form der Taufe mir vielleicht als die verächtlichste erscheint. Es liegt darin Feigheit und verächtliche Komödie, für einen Schritt, den man nicht o,fen zu tun die Kourage Hatz Unmündige vorzuschieben, die sich dagegen nicht wehren können." Der Vortragende erörtert sodann die soziologischen Gründe des geradezu fanatischen Ausschlusses der Juden aus der Beamtenschaft. Der Mangel eines wirklich ausgebildeten Bürgerstandes bei den meisten Völkern Oesterreichs führte dazu, daß der Deutsche und der Jude die Lücken ausfüllten. Seit aber die nichtdeutschen Völkerschaften in ihrer sozialen Schichtung sich ausgestalteten und ihre eigenen Bürgersöhne in den Beamtenstellen unterbringen wollen, wird der deutsche und der jüdische Beamte verdrängt. Und besonders die Deutschen sind nun doppelt darauf bedacht, den Juden als einen.unbequemen Konkurrenten auszuschließen, den sie jahrzehntelang zur Aufrechterhaltung ihrer Position ausgenützt haben. Die letzte Form der Taufe ist die soziologische, der Uebertritt als Mittel der gesellschaftlichen Rangerhöhung. Sie ist in den höchsten Gesellschaftsschichten zu beobachten, stets ist es die Geldaristokratie, die wenn nicht in der ersten, so doch in der zweiten Generation abfällt, so daß ein geistreicher Wiener Bankier treffend sagen könnte: „Die großen jüdischen Vermögen werden nur für die Christen verdient." Was wollen diese Juden mit der Taufe? Wir Juden sind ein ausgesprochenes Bourgeoisvolk, nach oben wie nach unten sozial unentwickelt, bei keinem Volke aber ist der soziale Auftrieb so groß wie bei den Jpden. Das Verlangen, in die nächst höhere Gesellschaftsschichte aufzurücken, ist ausnahmslos vorhanden. Bei unsersm sozial höchststehenden Mürger^ tum bildet aber das Judentum eine Schranke und so sucht der Jude durch die Konversion die . Schranke aus dem Wege zu räümen. Aber wenn sonst der Taufschein genügte, um dem Konvertiten eine fette Pfründe zu sichern, so bietet es heute keinen Vorteil mehr, aus einem schlechten Juden ein schlechter Christ zu werden. Heute wird aus den Juden nicht mehr der gesellschaftlich gleichberechtigte Christ, sondern aus dem Juden wird nur der getaufte Jude, der mit Recht von Juden und Christen g leich gemieden wird." (Lebhafter Beifall.) Der Vortragende bespricht des Weiteren die Anschauung jener vereinzelten kosmopolitischen Schwärmer, welche das Verschwinden des Judentums als notwendig zur Verbrüderung der Menschheit betrachten. Alle diese Meinungen haben zur Voraussetzung, daß die Erhaltung des Judentums gar keinen Wert habe im Vergleiche zu den eventuell zu erlangenden Vorteilen. Hat das Judentum Wirklich in allen seinen verschiedenen Funktionen seinen Daseinszweck erfüllt? Betrachten wir diese Frage zunächst vom. religions-philosophischen Standpunkte, so ist doch gewiß die Erkenntnis eine widerspruchslose, daß von allen positiven Religionen d i e mosaische vielleicht allein imstande ist, neben den gewaltigsten Fortschritten der Wissenschaft zu bestehen, ohne mit ihnen in Konflikt zu kommen. Gerade der Jude also, der für eine freie Entwicklung des menschlichen Geistes eintritt, muß in erster Linie am Judentum als Konfession festhalten. Aber diese religiöse Seite tritt für den modernen Menschen vielfach in den Hintergrund . Die religiöse Propaganda war ja von jeher unserem Wesen fremd. Wohl kann man aber von einer Mission des Judentums in anderem Sinne sprechen. Der moderne Staat hat in Europa immer mehr die Tendenz der Klerikalisierung, besser gesagt, der Unifi-