Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 7 (12.2.1909)
- Date
- 1909-02-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Jahrgang XXTI Dr. Bloch’s Zentralorgan für die gesamten Unteressen des Zudentums. - ob p D. ft. Postfxarftaffenamt C 2learing-Verk ebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: - Wien IX/1. Hahngaffe Nr. 15. 5 Telefon Nr. 14.847. <1 Qp ■■ - ■ -Qo -□ -- Wien, 12. Februar 1909 Erscheint jeden Freitag. Brief-Adresse: Wien, IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. Q 0~ -——O Q p Bezugspreis für Oesterreich: C Halbjährig 8 Kronen; Einzelexemplare 50 Heller. Für s Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 Kronen. Anzeigen: Die 4mal gespal- O tene Petitzeile 24 Heller. C. nP- .. - ■— —-O j Inhalt: Leitartikel: Die jüdischen Abgeordneten im Reichsrate. — Die Taufbewegung. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der erste jüdische Farmerkongreß. Wie König Eduard von England schuldenfrei wurde. Wichtige Erfindung eines jüdischen Offiziers. Der jüdische Kriegslteferant Napoleons I. Eine Preisschrift über die Tuberkulose. Tie Juden am osmanifchen Hofe. — Der alte Orient und die Anfänge des zweiten jüdischen Staates. — Korrespondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 7. Februar. Von den Wiener Territorialisten. Ein Besuch des Erzherzogs Josef Ferdinand im Rothschild-Spitale der israelitischen Kultusgemeinde. Geheimrat Prof. Geiger in Wien. Generalversammlung des Israelitischen Bethausvereines Am Volkert. Israelitischer Tempelverein für Wieden und Margarethen. Israelitischer Frauenverein im XVIII. Bezirke. Ignaz Bernstein. Falkowicz- Ker-enkfeier. Berlin. — V e r m i s ch t e s: Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Wien. Jüdische Toynbeehalle, XV., Herklotzgasse 21. Verein „Jüdische Bühne" Wien Beth-Hamidrasch „Montefiore". Jüdisch-Akademischer Juristenverein. Lese- und Redehalle jüdischer Hochschüler. Kaiser Franz Josephs-Ferienheim. Austritte aus dem Judentum. Antisemitismus in Palästina. Lundenburg. Eisenstadt Pakrac. Turnau. — Feuilleton: Im poga hoch menuwel seh. — Briefkasten. — Literatur. Inserate. Die jüdischen Abgeordneten im Keichsrate. So lange es nur irgendwie anging, hat die Regierung auf Wunsch des Kaisers das Volksparlament bei der Arbeit lassen wollen. Als jedoch die radikalen Tschechen jede gesetzliche Regelung der deutsch-böhmischen Sprachensrage mit Gewalt hintertrieben, weil sie für eine zukünftige Ausbreitung der Tschechen in Böhmen keine Grenze und Vorschrift haben wollen, gab der Ministerpräsident den Herren Reichsräten eine Pause zur Ueberlegung, ob das Staatsinteresse höher stehe oder die Gerichtssprache in Eger. Dieser innerpolitische Kampf hat nun für uns Juden bloß ein Interesse zweiten Grades. Wir haben oft genug begründet und durch Beispiele bewiesen, daß wir bei einer Parteinahme für Deutsche oder Tschechen immer nur die Hebbelsche Anekdote unangenehm erleben: „Haust du meinen Juden, hau ich deinen Juden." Unser Interesse an der gegenwärtigen Lage richtet sich auf eine andere politische Erscheinung, auf eine Tatsache mehr technischer Natur. Sieben Leute haben die Regierung und ganz Oesterreich nach ihrem Belieben in eine Zwangslage versetzt, sieben Tschechisch-Radikale, von deren besonderen Fähigkeiten bis jetzt nichts bekannt geworden ist. Sie haben sich zum Mittelpunkt der Lage gemacht, zu einer gesuchten Partei, die den Kaufpreis für ihre Ruhe nur zu nennen brauchte. Wir Juden haben doppelt so viele Leute im Parlamente und wir können fast gar nichts ausrichten. Das ist eine Frage, die der genauen Erörterung und Aufklärung bedarf. Der Stand der jüdischen Abgeordneten setzt sich zusammen aus vier Mitgliedern des jüdischen, vier des Polenklubs, zwei Freisinnigen, zwei Sozialdemokraten, einem unabhängigen Juden (Groß aus Krakau) — wenn man Herrn Beer von den Sozialdemokraten hinzurechnet, dessen Religion nicht zu eruieren und gerade deswegen sehr verdächtig ist, gerade vierzehn Mann. Von diesen Herren sind die Jüdischnationalen wohl zu jeder jüdischen Aktion und Einigkeit entschlossen. Die anderen aber haben zum großen Teil vergessen, daß sie eigentlich in jüdischen Wahlkreisen politisch auf die Welt gekommen sind und mit lautne Versprechungen den stummen Wünschen ihrer Wähler entgegengekommen sind, vornehmlich jüdische Interessen zu wahren. Es ist unverständlich, warum sie letzteres nicht tun. Sie würden wohl nur Begeisterung in ihren Wahlkreisen erwecken, wenn sie sich zu einer energischen jüdischen Aktion gegen die Regierung aufraffeu wollten. Wir haben während der jetzt geschlossenen Session des Reichsrates gesehen, daß das Kabinett oft von nur zwei bis drei Stimmen abhängig war. Da würde mau sich wohl hüten, vierzehn Gegner gegen sich heraufzubeschwören, die wohl auch die Unterstützung größerer Parteien finden würden, aus Papierkorb-Jnterpellationen gefürchtete Dringlichkeitsanträge machen könnten, wenn sie jüdische Forderungen durchsetzen wollen, unter denen wir die Einsetzung des Kultusrefereuten, den Staatszuschuß für jüdische Kultusbedürfnisse und die Hilsner-Affäre im Vordergründe nennen. Heute ist nun eben einmal das Recht nur mit dem Faustrecht zu holen. Damit müßten die jüdischen Abgeordneten einsetzen, umsomehr als sie kein Risiko tragen, weil wir nichts mehr zu verlieren haben. Von Ausnahmsgesetzen, die auf die jüdische Energie antworten könnten, ist wohl vorderhand nichts zu fürchten. Wenn die Christlich- Sozialen jetzt schon dazu die Macht hätten, wäre wohl der Antrag Sturm durchgegangen. Aber es ist wohl möglich, daß ihr Einfluß in Zukunft soweit wächst und daher umso notwendiger, für das Judentum das Bestmöglichste baldmöglichst zu retten. Es ist vielleicht gar nicht notwendig, in offener Feldschlacht zu kämpfen. Wenn die Regierung Kraft und Widerstand bemerkt, wird sie wohl aufhören, sich um ein bischen Gerechtigkeit betteln zu lassen. Dazu ist vor allem eine Verständigung zwischen den jüdischen Abgeordneten der einzelnen Parteien nötig. Sie können ja immerhin einer Nebenüberzeugung den weitesten Spielraum lassen. In der Hauptsache müssen sie sich dessen bewußt sein, daß sie von der jüdischen Bevölkerung ins Parlament entsendet wurden, um jüdische Angelegenheiten zu betreiben. Denn von Christen sind sie doch wohl überhaupt nicht gewählt worden. Es wäre nur ein bischen guter Wille ihrerseits notwendig, um eine — wir wollen einen geläufigen Ausdruck kühn gebrauchen — jüdische Obmännerkonferenz im Reichsrat zusammenzubringen, mit einem ausschließlich jüdischen Arbeitsprogramm, das von keinem Parteiprogramm