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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-02-05 · 6 (5.2.1909) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
– (sequence 17)
Language
German
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9ir. 6 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 105 Wappen Cyperns aufhängen mit der Umschrift: Josef, König von Cypern. Als Soliman der Grobe vor den Mauern des von Zriny heldenmütig verteidigten Sigeth gestorben war und Selim den Thron bestig, vergab er seinen alten Vertrauten nicht. Er verlieh dem jetzt zum Islam mit seinem Bruder übergetretenen Josef den Rang eines Defterdars, ihn damit unter die „vier Säulen" einreihend, die das türkische Staatsgebäude trugen. Auf der Rückkehr von Belgrad ging Josef seinem alten Gönner entgegen, ihm durch Fuhfatl huldigend. Selim II. hob ihn freundlich auf und machte ihn zum Herzog von Naros und der zwölf Cykladen. Als Tribut hatte der neue Herzog nur 14.000 Dukaten zu entrichten und für den Weinzehnt, den ihm Selim II. dazu verlieh, gar nur 2000. So ist es kein Wunder, daß Josef, jetzt Herzog von Naros, ungeheure Reichtümer sammeln konnte, Cypern indes, das Selim eroberte, wurde Josef trotz alten Versprechens nicht zum Lehen übergeben. Die Einkünfte dieser neuen Besitzung erhielt die jeweilige Sultanin-Valide (-Mutter). Die Großen des Reiches murrten über die Stellung dieses Juden und die unerhörten Vergünstigungen. Selim verschanzte sich hinter der Ausrede, sein grober Vater habe alles so gewünscht und er führe nur dessen Befehle aus. So war und blieb Josef der mächtigste Mann im Staate nächst dem Sultan. Alle Versuche, ihn zu stürzen, schlugen fehl,- selbst der gröhte Wesir, den die osmanische Geschichte kennt, Sokolli, der eine Machtfülle besab, wie sie in unserer Zeit Bismarck und in vergangener vielleicht Richelieu unter Ludwig XIII. gehabt haben, vermochte nichts gegen den Emporkömmling auszurichten. Wie gewaltig des Grobjuden Einflub war, möge man daran erkennen, dab der Kaiserliche Gesandte Oesterreichs, v. Minkwitz, ein eigenhändiges Schreiben seines Souveräns an Josef überbrachte. Sokolli konnte sich deswegen nicht enthalten, die bissige und hämische Bemerkung zu machen, er wundere sich, dah ein Kaiser an Juden schreiben könne, die doch mit den Venetianern auf einer Stufe ständen, einem Volke, das doch nur aus „Fischern und Händlern" bestehe. Dieses „nur aus Fischern und Händlern" bestehende Volk zählte zu der Zeit einen Tizian, Sansovino, Veronese, Robusti und Bragadino unter seinen Kindern. Wem fiele dabei nicht der Leutnant ein. dem die Chefs von Wellhandelshäusern „Krämer" und Kanonenkönige „Klempner" sind? So grob war Josefs Ansehen, daß selbst nach seines Beschützers Tode niemand ihn anzutasten wagte. Der letzte Herzog von Naros starb 1579 eines natürlichen Todes. Allerdings wurde nach seinem Ableben sein ganzes Vermögen von Sokolli eingezogen. Doch geschah dies weniger aus Hab, als auf Grund eines verderblichen, im Laufe der Zeit entstandenen Gewohnheitsrechtes, nach welchem die Sultane, bzw. der Fiskus sich einfach Erbrechte über die Besitztümer der reichsten Untertanen anmahten, besonders über diejenigen reicher, Hingerichteter, hoher Würdenträger, wie Grobwesir und Statthalter. Josef Nassy ist eine der glänzendsten und eigenartigsten Erscheinungen nicht nur des osmanischen, sondern des Judentums überhaupt. Man kann ruhig behaupten, dab er unter Selim IX. indirekt ein auf der Höhe seiner Macht stehendes Weltreich beherrscht hat. Umso greller sticht gegen diese einzigartige Stellung ein Vorgang von einer Furchtbarkeit ab, wie ihn die türkische Geschichte weder vorher noch nachher, soweit osmanische Juden in Betracht kommen, erlebt hat. Es war 1569, als im Iudenquartier von Konstantinopel ein Brand entstand, der, rasend um sich fressend, 36,000 Häuser in Asche gelegt haben soll und den türkischen Geschichtsschreibern als der gröbte gilt. Die zum Löschen abkommandierten Ianitscharen beschuldigten die Juden der Brandlegung und warfen sich plötzlich, statt zu löschen, auf die Wehrlosen, sie in Massen adschlachtend oder in in die brennenden Häuser werfend. Es ist der schwarze Tag der Konstantinopolitanischen Iudenschaft, der einzige türkische Progrom, um mich eines modernen Ausdrucks zu bedienen. Bemerkenswert aber ist die Angabe der Geschichtsschreiber, dah nach diesem Massakre zahlreiche Juden und Christen, die sich zum Islam gemeldet hätten, den Ianitscharenkorps einverleibt seien, um der zuchtlosen Rotte neues Blut zuzuführen. Gerade für die Juden ist der Vorgang eigentlich unverständlich, wenn man in Betracht zieht, dah der Familiensinn bei ihnen besonders stark ausgeprägt war, abgesehen von ihrer religiösen Ueberzeugungstreue. Und da sollten sie ohne weiteres sich unter die Mörder ihrer Eltern und Verwandten haben einreihen lassen? Man muh für den seltsamen Vorgang eine andere Erklärung suchen. Bekanntlich ergänzte sich damals vor seiner gänzlichen Entartung die Elite-Truppe der Ianitscharen aus christlichen Knaben (dem Knabenzehnt oder Gefangenen aus Raubzügen nach Ungarn, der Moldau, Steiermark und Polen), die jung ihren Ellern genommen und im Islam erzogen wurden. So verloren sie Glauben und Heimat nebst Familie und waren für immer an das Los des jeweiligen Machthabers gekettet. Wahrscheinlich sind die jungen Juden und Christen, die sich nach dem Brande und Gemetzel zum Islam meldeten, Knaben, die der Eltern und Heimat durch das Massakre beraubt waren. Einige Jahre nach Iosefs Tode taucht das dritte Gestirn des osmanischen Judentums auf. Es ist Chierra oder „Kirra die Jüdin", wie türkische Geschichtsschreiber sie nennen iS. v. Hammer). Hatte Iosefs Einfluh offen auf dem Welltheater gespielt, so war Chierra berufen, mehr hinter den Kulissen ihren Einfluh auszuüben und von 1582 bis 1600 eine auhergewöhnlich mächtige Stellung am osmanischen Hofe einzunehmen. Es beginnt nach dem Trunkenbold Selim II. unter seinem schwachen Sohne Murad III. jenes berüchtigte Weiberregiment, das von 1580 bis etwa 1660 mit Unterbrechungen andauecte und den Staat vollständig zerrüttete, bis 1650 die Ermordung der gröhten und auhergewöhnlichen Sultanin- Mutter und Griechin von Geburt Kösem, durch ihre Schwiegertochter, die rothaarige Russin und Sultanin Tarchan den ersten Rückschlag brachte. Der blutige und wild-grausame Grohwesir Köprülü dämmte dann 1660 vollends die Haremswirtschaft ein. Murad III. hatte einen Harem von fünfhundert Weibern, die ihm im Laufe der Zeit 102 Kinder gebaren. Und das unumschränkte Haupt dieses Weiberheeres war Baffa, die Sultanin-Chasseki, d. h. Innigste. .Ihr Leben war selbst ein Roman. Als Tochter des venetianischen Gouverneurs von Corfu, des Grafen Baffi, von Seeräubern erbeutet und in den Harem Murads verkauft, wühle sie diesen trotz seiner Unbeständigkeit vollständig und dauernd zu beherrschen. Auch neben der Sultanin-Mutter behauptete sie ihren Einfluh. Es zeugt von der auhergewöhnlichen Klugheit und Gewandtheit der Chierra, dah sie mit diesen beiden Frauen sich auf den besten Fuh zu stellen wuhte. Die hösartige und habgierige Baffa benutzte sie zu den vertrautesten Sendungen auch in der Politik. Ms z. B. Katharina von Medici ihr einen Brief schrieb, lieh sie Baffa heimlich dem venetianischen Bailo Giovanni Correr den ganzen Inhalt des Schreibens durch die Chierra milteilen. Ihre eigentliche Machtstellung aber gewann did Chierra als Vermittlerin aller Ankäufe für den gewaltigen Harem mit seinem Heer von Bedienten usw. Das wurde die Hauptquelle ihres Reichtums. Bald gingen auch viele Staatsstellungen nur noch durch Chierras Hand, die mit ihrer Gönnerin die Beute aus Bestechungsgeldern zu teilen pflegte. Alles murrte, aber gegen die Baffa war nicht aufzukommen. Ia, als Murad III starb, wurde der Einfluh der Baffa nur noch größer.

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