Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 104 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 6 wurden, als in den christlichen Staaten, das päpstliche Gebiet von Avignon ausgenommen,- hier schützte päpstlicher Machtspruch sie vor jeder Verfolgung. Bei der Eroberung Konstantinopels (1453) unter dem gewaltigen Reichezertrümmerer Mohammed II. bestand dort eine ziemlich bedeutende, internationale Judenaemeinde. Denn wir wissen aus der Geschichte des Judentums. dah an ihrer Spitze Mose Kapsoli stand, der in heftigem Kampfe mit dem Rabbi Juda aus Mainz und Vorsteher der deutschen Judengemeinde zu Konstantinopel und dem Rabbiner Me'i'r aus Katzenellenbogen lebte. Mohammed II., der Eroberer genannt, hatte unter sieben Leibärzten vier Perser, einen Türken, einen Araber und einen Juden. Dieser galt als der bei weitem geschickteste. Und die Türken sagen, dah Mohammed II. mit seinen fünfzig Jahren (1483) nicht gestorben wäre, hätte er die Vorschriften seines jüdischer: Leibarztes allein befolgt, anstatt nebenher noch die Medizin von vier persischen Leibärzten zu nehmen. So aber stritten sich die Aerzte im Zelte des Sultans um die Medizinen in seinem Leibe, der diesem Kampfe dann erlag, wie sie sarkastisch bemerken. Um diese Zeit (1492 bis 1498) beginnen auf der vyrenäischen Halbinsel die heftigsten Judenverfolgungen, d,ie wir mit kennen. Es setzt die Periode der spanischen Geschichte ein, in welcher das Nationalgefühl der Spanier durch Vernichtung der letzten Maurenherrsckait (1492) zur Siedehitze stieg gegen alles nicht spezifisch National- Spanische, wozu in erster Linie die Religion der Sieger gerechnet wurde. Die Juden waren den Spaniern als alte Freunde der Mauren besonders verhaht, obendrein hatten sie den Handel und das bare Geld zum größten Teil in den Händen. Tausende von spanischen Juden lasFen sich unter dem Drucke tanken. Tausende verlieren ihr Leben, der standhafte Rest wird aus dem Lande gejagt. Und da sind es die türkischen Sultane, die den Flüchtlingen nickt nur die Grenzen des Reiches weit öffnen, sondern die Heimatlosen durch ihre Glaubensgenossen in der Türkei einladen lassen. So entstanden die grohen Judengemeinden von Salonik, Konstantinopel und Smyrna. Die Flüchtlinge aus Portugal und Spanien erhalten den Namen Sefardim. Ihnen gestatteten die Sultane als ersten in der Türkei sogar, Druckereien anzulegen. Diesen spanischen Juden, deren Nachkommen noch heute im Orient Spaniolen genannt werden, verdankt es das Judentum, wenn es damals geistig nicht zu Grunde ging. Die Sefardim kamen in Nachzüglern noch im achtzehnten Jahrhundert nach der Türkei. Denn trotz der erzwungenen Tauke blieben viele Juden dem Glauben der Väter bis ins dritte und vierte Glied heimlich treu. Man nannte die Judenchristen in Spanien Moränen, und selbst dem jetzigen spanischen Ministerpräsidenten Maura warfen seine politischen Gegner noch vor. dah er ein Moräne sei. Die Moränen bekleideten nach ihrem Uebertritt in Spanien oft die höchsten Aemter im Reiche und hatten vielfach die Lehrstühle der Universitäten inne. Viele heirateten in die vornehmsten Adelskamilien des Landes. Gegen sie wandte sich die Inquisition besonders scharf. So kam es, dah häufig aus Spanien und Portugal äuherlich im Christentum arohgewordene Juden von hervorragender Stellung und Bildung aus Furcht vor der Jnauisition nach der Türkei auswanderten und dort zum Glauben der Vorfahren zurückkehrten. Diese Sefardim hielten sich dort streng kür fick und bildeten vermöge ihrer Bilduna und Herkunft die Aristokratie unter der türkischen Judenschaft. Große Gemeinden in Salonik und Konstantinopel sprechen heute noch das „Spaniolische", ein altertümliches Spanisch, etwa aus der Zeit Ferdinands und Jsabellas, der „reyes catolicos". Zu den Sefardim gehörte eine Familie Hamon, die aus Andalusien stammte. Ein Hamon taucht zuerst.als Leibarzt des harten Selim I. (1513 bis 1520) auf und ist der Stammvater einer förmlichen Dynastie jüdischer Leibärzte der Sultane. Sein Sohn Mose z. V. wird Leibarzt bei Soliman „dem Grohen" (1520 bis 1566), wie die christlichen Geschichtsschreiber ihn mit Recht nennen: denn er ist der glänzendste und größte im Hause Osmans. Der Geschichtsschreiber v. Hammer sagt in seinem monumentalen Werke über die Türkei, dah Soliman „den Juden spinnefeind" gewesen sei. Ich konnte indes keine besonders judenfeindlichen Handlungen des grohen Sultans entdecken und bin der Meinung, dah man sein Leben und seine Gesundheit doch nicht den Angehörigen eines Volkes anvertraut, das man haht. Im Gegenteil als der Statthalter Ahmed von Aegypten einen Aufruhr anzettelte und die ägyptischen Juden durch Auflagen furchtbar bedrückte, begab sich der jüdische Münzmeister Aegyptens mit dem portugiesisch -spanischen Namen Castro (also offenbar auch ein Sefardim) im Namen der Verfolgten nach Konstantinopel (1524), wurde von Soliman ehrenvoll aufgenommkn, re'ch beschenkt und erhielt einen Schutz-Ferman des Sultans. Später kam dessen Günstling und Schwager, der „Grohwesier-Sultan", wie er sich schließlich übermütig kurz vor seinem grauen- und geheimnisvollen Sturz und Mord nannte, Jbrahim- Vascha, nach Aegypten und stellte die Ordnung wieder her. Was die Sefardim und die türkischen Juden überhaupt auszeichnet und sie unserer Ächtung im Gegensätze zu Albanesen, Serben, Bulgaren und Griechen wert macht, ist die Tatsache, dah die zu hohen Vertrauensstellungen berufenen Juden dem Glauben ihrer Väter durchweg treu bleiben. Das sechzehnte Jabrlmndert kann man als das Zeitalter des Glanzes für die Juden in der Türkei bezeichnen; es zeitigt das Dreiqestirn der Hamon. des berühmten Grohjuden Don Miquez und der Jüdin Cbierra. auch Kirra genannt. Die Sultane und türkischen Staatsmänner schätzten die Sprachkenntnisse der Juden, deren Vertrautheit mit der Lage, den Einrichtungen und Zuständen in fremden Ländern, über die sie zufolge der Verbindungen mit ausländischen Judengemeinden aufs trefflichste unterrichtet waren, ganz besonders. Dazu kam. dah die Sefardim sich als sehr zuverlässig und geschickt in allem erwiesen. Unter Selims Sohn und großem Nachfolger taucht in Konstantinopel ein Moräne Don Miguez aus Svanien auf. Er war vor der Inquisition zunächst nach Antwerven entflohen. Dort entführte er eine sehr reiche Jüdin, der zuliebe er zum Glauben seiner Nätjer zurückkehrte. Da Venedig ihm ein Gesuch zur Niederlassung abschlug. begab er sich in die Türkei. Durch seine Bildung. seine Klugheit und sein schönes Aeuhere zog er die Aufmerksamkeit des Thronfolgers auf sich, des späteren Selim II. Bei diesen stieg er so in der Gunst, daß er sämtliche Nebenbuhler bald aus dem Felde schlua. Seinen spanischen Namen legte er ab und nannte sich Joief Nasiy und unter dem Namen des „Grohjuden Josef" lebt er in der türkischen Geschichte fort. Dem Thronfolger wurde er einfach unentbehrlich, da er ihm nicht nur Darlehen qewöbrte und Juwelen verkaufte, sondern vor allem edlen Cnperwein besorgte. den Selim bald leidenschaftlich lieble, obwohl der Koran den Weingenuh streng verpönt. Diese Schwäche für den Cyperwein benutzend, drängt» Josef beständig zur Eroberung der Insel Avhroditens. Im Rausche war es. als Selim einst den drängenden Josef umarmte mit dem Ausrufe: ..Fürwahr, werde ich Sultan und erobere ich Covern, so sollst Du König von Cypern werden!" Doll Glück ging Josef heim und lieh in seinem Hause das gemalte