Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 94 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 6 verachtenden christlichen Sekten. Das weiß Hausrath ganz wohl: ja er behauptet selber, daß die Johannesapokalypse unter den von ihr als Lügner stigmatisierten falschen Aposteln Paulus und seinesgleichen meine. Er kommentiert die Worte der Apokal. 2, 6: ,>Aber das hast du, dah du die Werke der Nikolaiten hassest, welche auch, ich hasse", in folgender Weise: „Nikolaos ist die Uebersetzung von Bileam, der die Kinder Israel lehrte Götzenopfer essen. Da Paulus gleichfalls den Genuß von Opferfleisch erlaubte und ganz so, wie die hier erwähnten falschen Apostel, von Ephesus abgetrieben wurde, liegt es am nächsten, unter diesem Bileam-Nikolaos den Gegenapostel Paulus zu verstehen" (603 f.). Das hindert ihn jedoch nicht, ein und das andere Mal die Behauptung zu wagen, der Apokalyptiker nenne die Synagoge der Juden des Satans Schule! (S. 571): oder die folgenden Worte dem Apokalyptiker in den Mund zu legen: „Die Juden sind des Satans Schule, und wenn sie sich für das wahre Israel ausgeben, so lügen sie" (S. 618). So schreibt man im zweiten Jahrtausend neutestamentliche Zeitgeschichte für protestantische Pfarrer, Religionslehrer und die Heranwachsende Jugend! Es mag hiermit der Proben gehässiger und widerspruchsvoller Geschichtsschreibung, die noch ins Ungemessene gegeben werden könnten, genug sein. Eine solche Darstellung, die wohl die urteilslosen Massen zu erhitzen vermag, richtet sich in den Augen der Einsichtsvollen von selbst. M. Friedländer. Vom Aabrmarkt des Lebens. Der Karäergeneral Schapral über die Juden in Persien. Der persische General Schapral, ein Karäer, bekanntlich bis vor kurzer Zeit ein intimer Berater des Schah von Persien, weilt jetzt in Petersburg, wo der Redakteur des „Fraind" mit ihm eine längere Unterredung hatte. Ueber seine Beziehungen zum Schah äußerte sich Schapral wie folgt: „Ich stehe zum Schah in sehr nahen Beziehungen. Ich sehe ihn jeden Tag, ohne jede Hofzeremonie. Ich selbst habe einen gewissen Anteil an dem Drama, das sich gegenwärtig in Persien abspielt und die ganze zivilisierte Welt in Atem hält." Ueber den Charakter des Schah äußert sich Schapral nicht sehr günstig und respektvoll: im übrigen ist er der Ansicht, daß das persische Volk seine Forderungen schon längst durchgesetzt hätte, wenn nicht Rußland und England sich ganz überflüssigerweise hineingemischt hätten. Was die Lage der Juden in Persien, betrifft, meinte General Schapral: Die Perser sind den Juden nicht gut gesinnt. Teils wurde der Haß gegen sie im Volke geschürt, zum Teile aber sind sie auch selbst an ihrer traurigen Lage schuld. Sie leben zu sehr abgesondert von ihrer Umgebung. Wird die Freiheitsbewegung siegen, und sie wird schließlich siegen, so wird es auch den Juden besser gehen. Es sei nur selbstverständlich, daß unter den Freiheitshelden viele Juden sind. Zur Geschichte des sephardischen Synagogalgesanges. Der qelehrte Rabbiner der New - Aorker Sch'erith Israel- Synagoge Dr. D. de Sola Pool hielt vor Kurzem in einem jüdischliterarischen Vereine von Philadelphia einen Vortrag über „Alte sephardische Musik". Dr. Pool sprach in seinem historischen Rückblick auf die Geschichte des synagogalen Gesanges überhaupt seinen Zweifel darüber aus, daß, mit Ausnahme von vielleicht des einen oder anderen Grünttones, auch nur eine einzige im Tempel zu Jerusalem gesungene Melodie auf uns überkommen sei. Die ersten Synagogen nach unseren heutigen Begriffen haben ihre Melodien griechischen Motiven nachgebildet, genau so, wie auch die synagogale Architektur in jener Zeit die griechische zum Vorbilde. hatte. Die älteste jüdische Musik aus der spanischen Schule war durch alte Gesänge vertreten, die bei Jntonierung der verschiedenen Bücher der Bibel angewendet wurden. Von besonderer Schönheit sind die Gesänge, die beim Vorträge des „Liedes der Lieder" und des Buches „Rush" gesungen wurden. Die alte sephardische Musik unterscheidet sich von der aschkenasischen, besonders modernen hauptsächlich durch ihre fast fatalistische und klingt dem modernen musikalischen Ohre überaus fremdartig, sie ist auch auf unseren modernen Musikinstrumenten nur sehr schwer wiederzugeben. Zwischen dem 7. und 11. Jahrhundert beginnt der sephardische Synagogalgesana eigentlich recht originell zu werden. Aus dieser Zeit stammen die schönsten Gebetmelodien, die sich besonders durch tiefes Gefühl und peinliches AnschmiegeN an den Text und an die Natur und Bedeutung des Festes, an. dem sie gesungen wurden, auszeichnen. Von hier an begannen sich die sephardischen Gesänge sozusagen zu krystallisteren, wenngleich, wie überall auch hier, lokale Abfärbungen und individuelle Abweichungen vorgekommen sind. Da diese Gesänge in jener Zeit nicht in Noten gesetzt wurden, so wird man auch heute in den einzelnen sephardischen Synagogen selbst des Orients große Unter-, schiede in den Gesängen wahrnehmen. . Aber auch in den sephardischen Synagogen war man von der modernen Sitte oder Unsitte, fremde Gesänge sozusagen zu judaisieren, nicht ganz frei. Man kann auch hier eine auffallende Aehnlichkeit shnagogaler Gesänge mit alten mohammedanischen Gregorianischen Gesängen antreffen. In. neuerer Zeit hat diese Sucht, fremde liturgische Melodien nachzuahmen, leider sehr stark überhandgenommen. Aus allen möglichen fremden Liturgien und selbst ans Opern, die an orientalische Unsitte anklingen, wurden Melodien übernommen. Die spanisch-jüdischen Gesänge jedoch, die die Spaniolen aus ihrer spanischen Seimat mitgebracht haben, sind alle tiefempfundene, zu Herzen gehende Melodien, die ihre. Schönheit niemals einbüßen werden. Diese haben sich auch in den sephardischen Familien bis auf den heutigen Tag erhalten. Besonders die „Habdalah-Lieder" sind reizend, die noch heute in konservativen sephardischen Häusern am Sabbath-Ausgang von der ganzen Familie im Chor gesungen werden. Dem Vortrag des Rabbiners Dr. Pool verlieh der Umstand großes Interesse, daß alle die vom Vortragenden angeführten Beispiele von dem Musikschriststeller Dr. L. Button und von Frl. Katherine M. Cohen gespielt, bezw. gesungen wurden. Der interessante Abend wurde durch Vorführung altspaniolischer Familientänze abgeschlossen. Tolstoi über die Juden. Im russischen Verlage G. Murawkin in Berlin ist eben eine Schrift erschienen, „G r a f L e o T o l st o i über die Juden", in der sich der Philosoph von Jasnaja Poljana über die Juden eingehend ausspricht und sogar jüdische Legenden nachdichtet. Das Buch ist nicht von Tolstoi selbst verfaßt. Nach Art der Eckermannschen Gespräche mit Goethe hat der Dumaabgeordnete O. P e r g a m e n t mehrere bedeutsame Auslassungen Tolstois und die von ihm mündlich vorgetragenen Legenden zu Papier gebracht und mit einem Vorwort herausgegeben. Die Niederschrift ist jedoch so lebendig, stellenweise so voll Plastik und Poesie, daß man den Geist des Dichters in ihr spürt. Ein Besuch Suworins, des Herausgebers der „Nowoje Wremja", gab Tolstoi Anlaß, sich gegen religiöse Verfolgung auszusprechen. Religiöser Haß zwischen den Bewohnern eines Landes bedeutet nach seiner Ansicht eine Gefahr nicht nur für die verfolgte Minorität, sondern auch für die herrschende Majorität. Für Tolstoi gibt es nur eine Lösung der Judenfrage: die Zerstreuung der Juden auf dem flachen Lande, wo sie sich dem Ackerbau, einem Leben der reinen physischen Arbeit, widmen könnten. Er ist überzeugt, daß die jüdischen Massen selbst nach dem Dorfleben sich schon sehnen. Dieser Gesichtspunkt beftinuit auch Tolstois Stellung zum Zionismus, dem er eine längere, interessante Betrachtung widmet. Sehr heftig wendet sich Tolstoi gegen den sogenannten politischen Zionismus, dessen leitende Idee die Errichtung eines Judenstaates auf dem Wege diplomatischer Unterhandlungen ist. Als Gegner des Staates erklärt er, diese Bewegung sei keine „Regeneration", sondern eine „Degeneration". Staat bedeute im Grunde genommen Militarismus. Statt also nach einer neuen, höheren, geistig-moralischen Kultur zu streben, knüpfe der Zionismus dieser Art an die „kaskadenhaft dem Abgrund zueilcnde alte Kultur an". ..Absichtlich, vorbedacht von neuem mit stolzer Bravour und atemloser Aufregung den Aufbau des alten Schreckens zu beginnen — das nenne ich schrecklich, hier versagt meine Sprache!" Ganz anders aber denkt Tolstoi über die wirtschaftliche Kolonisationsbewegung. „Jene' gesunde Saat der Emigrationsbewegung, die die Anhäufung der Juden in einem Lande vermeiden und sie zur längst vergessenen Bodenarbeit zurückführen möchte — diese zweifellos reine und herrliche Bewegung gehört durchaus nicht dem Zionismus. Das Streben nach Kolonisation bestand schon früher. Der Zionismus nahm es nur für sich in Besitz und gab ihm eine ihm fremde, politische Färbung."