Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 92 Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift. Also nicht bloß haben selbst die gesetzeseifrigsten Juden und ihre Schriftgelehrten keinen Anteil an dem Tode des Iacobus, sie waren vielmehr über diese Gewalttat aufs tiefste empört und verlangten von den Machthabern dringend, für die Zukunft solchen Ungerechtigkeiten vorzubeugen. Wie kann man da von einem ingrimmigen Hatz des pharisäischen Judentums und seiner Schriftgelehrten gegen das entstehende Christentum sprechen! Aehnlich berichtet ja bekanntlich Josephus über die Hinrichtung des Täufers Johannes, die er, der Pharisäer, tief beklagte, hinzufügend: „Der Tod dieses gerechten Mannes, der die Juden anhielt, der Tugend nachzuftreben, gegen den'Menschen ^Gerechtigkeit, gegenGott Frömmigkeit zu üben, und so geläutert zum Reinigungsbäde zu kommen, war nach der Ueberzeugung der Juden die Ursache, warum das Heer des Herodes (im Kriege gegen die Araber) dem Zorne Gottes zum Opfer fiel" (Ant. XVIII, 5, 1, 2). Hätte Josephus auch über Jesu Leben und Kreuzigung etwas zu berichten gewußt, seine Darstellung hätte sicherlich historisch treu und ganz anders gelautet, als jene, die blinder Judenhaß aus dem zweiten Jahrhundert überliefert. So viel ist gewiß: Ebensowenig wie der Täufer von den Juden hingerichtet wurde, ebensowenig wurde Jakobus von ihnen gesteinigt. Ganz im Gegenteil: das offizielle Judentum und seine Schriftgelehrten entrüsteten sich über diese Gewalttaten und verlangten Sühne für dieselben. Sowie aber das „Leben Jesu" im zweiten Jahrhundert von Judenhaß entstellt wurde, so wurde auch in dieser Zeit die Steinigung des Iacobus unter dieselbe Beleuchtung gestellt. Um die Mitte des zweiten Jahrhunderts nämlich gibt der aus dem Judentums stammende Hegesipp eine romanhafte Schilderung von der Steinigung des Iacobus und schiebt, im krassen Widerspruch mit der authentischen Nachricht des Josephus, alle Schuld «mf die Pharisäer! Im selben Geiste, wie die aus dem zweiten Jahrhundert uns erhaltenen Urkunden die Kreuzigung Jesu darstellen. Nun wird man mit Recht fragen, hatte Hausrath, als er die oben zitierten Sätze von der bei der Steinigung des Iacobus ausgebrochenen „jüdischen Christenverfolgung" niederschrieb, denn keine Kenntnis von dem einzigen zeitgenössischen und authentischen Bericht des Josephus? Gewiß, er kannte ihn. Denn 38 Seiten später, wo er wieder auf diesen Gegenstand zu sprechen kommt, erwähnt er ihn und erzählt, daß die Pharisäer tief entrüstet über die Steinigung des Iacobus waren. Da sagt er wörtlich: „Aber die Pharisäer sind unschuldig an dem Blute des Iacobus, wie Josephus zeigt" (S. 583). Welche Darstellung Hausraths nun ist die richtige? Und welches Judentum hat hier die „Christenverfolgung" in Szene gesetzt? Denn pharisäisch war, wie Josephus ausdrücklich betont, fast das ganze offizielle Judentum damals. Oder repräsentierte der verschwindende Bruchteil der Sadduzäer das Judentum? Widerspruch auf Widerspruch. Paßte diese Art Geschichtsauffassung nicht genau in den Rahmen der Hausrathschen Methode, man wäre versucht, zu glauben, er habe auf Seite 583 bereits vergessen, was er von derselben Sache auf Seite 545 gesagt. Auch in diesem Falle kommt Hausrath zwischen zwei Stühlen zu sitzen: zwischen Josephus und Hegesipp, und fällt mit der historischen Wahrheit mitten durch. Es ist geradezu eine Mottomanie bei Hausrath, alle Leiden, welche die urchristliche Kirche, sei es aus ihrer eigenen Mitte, sei es von aüßenher, zu erdulden hatte, auf die Initiative der Juden zurückzuführen. Aber nicht bloß das, auch die widernatürlichen Schandtaten, die derselben von heidnischer Seite zugemutet wurden, sie sind ihm Einflüsterungen der Juden. „In Rom", so kalkuliert er, „hatte der Streit über den Christ schweres Unheil auf die Judenschaft herabgezogen. Natürlich vergalt sie das den Christen mit doppeltem Hasse. Bon ihr belehrt, traute auch der heidnische Pöbel den Christen jede Schandtat zu. Popäa, die Freundin Neros, war in den Händen der Juden?) E s i st nicht unmöglich, daß auch auf diesem Wege Nero zur Christenverfolgung angeleitet wurde" (S. 549). „So erhielt sich mit einer gewissen Hartnäckigkeit das Gerücht, daß die Christen bei ihren Versammlungen Thyestesmahlzeiten hielten, zu denen sie heidnische Kinder schlachteten. Die Juden, über die Apion ursprünglich diese Märchen ausgebreitet hatte, blieben unbehelligt. Sie schützte Popäas Gunst. Unmöglich ist es aber nicht, daß die Judenschaft, um den Verdacht von sich abzulenken, durch ihre Freundin Popäa Nero auf diese Fährte geleitet hat. Wenn der Apokalyptiker vier Jahre später (?) die Synagoge der Juden des Satans Schule nennt, (!) — wenn die Passionsgeschichte ganz besonders die Gehässigkeiten der Juden hervorhebt und Apostelgeschichte und Johannesevangelium die Juden als die geschworenen Feinde der Jünger schildern, so ist nicht unwahrscheinlich, daß die Quelle des bösen Leumunds der Christen im Ghetto zu suchen ist" (S. 570 f.)* *) Welch eine Fülle von Verkehrtheiten, gehässigsten „Wahrscheinlichkeiten" und „Möglichkeiten"! Prüfen wir ein wenig die famose Hausrathsche „Wahrscheinlichkeit", nach welcher die Juden das Schauermärchen von den Thyestesmahlzeiten der Christen erfunden und ihrer Freundin Popäa und dem heidnischen Pöbel eingeflüstert haben; untersuchen wir, ob in Wirklichkeit die Quelle dieses giftigen Leumundes aus dem Ghetto geflossen. Nichts ist leichter, als die Absurdität dieser so leichtfertig hingeworfenen Vermutung nachzuweisen. Wir brauchen nur bei einem ungleich mächtigeren aber zugleich überzeugteren Judenbestreiter des Altertums anzufragen: bei Justin Martyr, der noch aus der apostolischen Zeit hereinragt und es besser wissen muß, als Hausrath, bei Justin, der in seinem glühenden Eifer für das Christentum und in seinem brennenden Schmerze über den Unglauben der Juden, wahrlich keine Veranlassung hatte, diese zu schonen und sie auch tatsächlich nirgends schonte. In seinem um die Mitte des zweiten Jahrhunderts verfaßten „Dialog mit dem Juden Tryphon" und seinen Genossen, in welchem alles, was nur an Gegnerschaft wider das „ungläubige und verhärtete Judentum" in Justins Brust aufgespeichert lag, zum elementaren Ausbruch gelangt, kommt er auch auf dieses Märchen zu sprechen, und da sagt er zu Tryphon und dessen Genossen wörtlich: „Ihr werft uns nichts anderes vor, als daß wir unseren Lebenswandel nicht nach dem Gesetz einrichten, daß wir weder, wie eure Voreltern, unser Fleisch beschneiden, noch wie ihr den Sabbath halten. Vielleicht werden auch unsere Lebensweise und unsere Gebräuche getadelt. Ich will nämlich damit nicht sagen, daß vielleicht auch ihr von uns *) S. 654 wiederholt Hausrath die Fabel: „Die Juden halten keine Ursache, Nero zu hassen und seine Rückkehr zu fürchten. E r w a r ihr Freund (!) und Popäa war ihre Proselytin gewesen". — Hienach ist es sicherlich jüdische Undankbarkeit, wenn Josephus diese Popäa die „gottlos e" nennt. Wie wenig die Juden die Freundschaft Neros zu würdigen wußten, zeigt uns Josephus. Ant. XX, 11, 1 sagt er: Was Gesims Florus betrifft, den Nero als Nachfolger des Albinus gesandt hatte, so brachte er unsäglichesLeid über die Juden. Er führte seine Gattin Kleopatra mit, welche als Freundin und würdige Genosiin von Neros gottloserGemahlin Popäa ihm die Landpflegerstelle verschafft hatte." *) Auf S. 572 versteigt sich Hausrath so weit, ohne einen Schatten von einem Beweise beizubringen, zu behaupten, die Juden hätten Nero eingegeben, den Brand Roms den Christen zuzuschreiben: „Jüdischer Fanatismus und jüdische Pfiffigkeit," sagt er, „hatten der „Synagoge des Satan" diese Ablenkungsmaßregel eingegeben." — Höher kann sich die Gehässigkeit wahrlich nicht versteigen!