Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-02-05 · 6 (5.2.1909) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
6 (5.2.1909)
Date
1909-02-05
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021825--18043-3042950
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 6 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 91 geläuterten Monotheismus? Lassen wir Hausrath selber darüber sprechen. Er gedenkt der Abneigung griechischrömischer Dichter und Historiker gegen das Judentum und fährt dann fort: „Trotzdem übte die Synagoge gerade auf die religiös empfänglichen kreise in Rom und Hellas eine große Anziehungskraft. Die Juden brachten statt des verbrauchten Polytheismus etwas neues, und daß dieses neue uralt war, daß es aus grauem Osten, der Heimat aller Geheimnisse und rätselhaften Symbole stammte, vermehrte den von abergläubischen Schauern gesteigerten Respekt. — — Findig und klug von Natur, waren die Söhne Judäas ebenso eifrig als geschickt, die Heidenzu überreden und zu Proselyten zu machen" (S. 231). Also rein jüdische Findigkeit und Geschicklichkeit bewirkten die erstaunlichen Erfolge der „im großartigen Maßstabe betriebenen jüdischen Mission" (das.). Diesen Geschäftsgeist, diese Findigkeit, wie überhaupt alle an den Juden ebenso gerühmten als getadelten Fähigkeiten besaß aber nach Hausrath, und zwar im erhöhten Maße, auch der Apoftel Paulus. Wenn Paulus von sich sagt: er sei allen alles geworden, um alle für den Glauben zu gewinnen, so kommentiert Hausrath diese Selbstzeichnung des Apostels mit den Worten: „Die eigentümliche jüdische Fähigkeit, allen Kunden etwas zu bieten, und jedem alles zu sein, wird in dieser Selbstcharakteristik niemand verkennen" (S. 282 f.). „Ihm eignet die rastlose Initiative, die rasche Menschenkenntnis, die Fähigkeit, sich in alle Formen zu gießen, im jüdischen Hause Jude, im heidnischen Heide zu sein, und auch zu den Schwachen liebevoll sich hinabzuneigen, die zum Geschäft des „Grundlegens" vor allem nötig ist" (S. 294). Paulus hat das „jüdische Temperament" (das.), ist „der jüdisch aufgeregte und krankhaft reizbare Rabbi", der „aufbegehrende Jude" (S. 284). „Er hat von der pharisäischen Schule mehr herübergebracht ins Christentum, als man nach seiner Abwendung vom Gesetz glauben könnte. Aber auch der Charakter des Mannes ist gleich geblieben" (Seite 286); „er blieb doch immer der Rabbi" (S. 288). So und ähnlich beurteilt Hausrath den von ihm bewunderten „Begründer" des Heidenchristentumes, der ihm immer und überall Jude ist und bleibt. Wir lassen mit Paulus willig HauLraths Lob und Tadel, Begeisterung und Spott über uns ergehen. Voreingenommen, wie er ist, wittert er überall „jüdische Christenverfolgung", sieht er in jedem, innerhalb der urchristlichen Bewegung entstandenen Aufruhr, jüdische Hände, jüdische Aufwiegler. Stephanus, der gesetzesfreie jüdische Hellenist und Diakon in der urchristlichen Gemeinde wird als Verkünder antinomistischer Lehren in einem Volksauflauf gesteinigt. Die Erreger dieses Aufruhrs sind nicht etwa pharisäische, sondern gesetzestreue chri st gläubige Juden. Denn sie kommen, wie die Apostelgeschichte ausdrücklich hervorhebt, aus der Synagoge, „die da heißt der Libertiner und der Kyrener, und der Alexandriner und derer, die aus Kilikien und Asien waren,, (Apg. 6, 9). Nicht Christgläubige sondern Gesetzesleugner werden hier angeklagt. Das spricht sich ganz unzweideutig darin aus, daß nach der Steinigung des Stephanus seine engeren Gesinnungsgenossen, die Gesetzesverächter. Jerusalem verlassen mußten, während die Apostel Iesu, die zum Gesetz hielten, nach wie vor unangefochten bleiben und ihre religiöse Propaganda Weiter betreiben durften. Hätte diese „Verfolgung" den Christen als solchen gegolten, so Apostel zuerst von ihr betroffen werden müssen; diese aber blieben von derselben nach der ausdrücklichen Meldung der 'Apostelgeschichte (8, 1) völlig verschont: kein Haar wurde ihnen gekrümmt. Hier standen eben gesetzestreue wider gesetzesgegneryche Christen. And die ersteren standen dem pharisäischen Judentum ungleich näher als dem gesetzestreuen hellenischen Christentum. Das weiß Hausrath nur zu gut. Nennt er doch diese jüdischen Christen, deren Oberhaupt Jacobus war: „Pharisäer, die sich für Christen ausgaben" (S. 170); sind ihm doch diese selben Christen, die gegen Paulus auftraten, in seine Gemeinden eindrangen und diese gesetzestreu machten: „echte Pharisäer" (S. 330). — Das hindert ihn jedoch nicht, aus der Steinigung des Stephanus eine regelrechte „jüdische Christenverfolgung" zu konstruieren und bei dieser Gelegenheit noch überdies die Behauptung zu wagen: „Seit diesem ersten Konflikt zu Jerusalem . . . kamen nun stoßweise jüdische Christenverfolgungen vor" (S. 1491.). Er meint nämlich jene, die überall durch das Auftreten des Heidenapostels hervorgerufen wurden. Diese aber wurden, wie unwiderleglich nachweisbar, durch Christen selbst veranlaßt: von nationalgesinnten gesetzestreuen Christen gegen universalistisch gerichtete gesetzesfreie Christen. Und horcht man bei Hausrath ein wenig auf, so findet man, daß diese Erkenntnis sich auch ihm erschlossen (2. 222 u. a. St.). Aber um dem Indentum eins auf dem Zeug flicken zu können, ist ihm jede Gelegenbeit willkommen, mag sie auch bald darauf das Gegenteil beweisen. Um eine neue „jüdische Christenverfolgung" verzeichnen zu können, gibt er eine ganz entstellte und widerspruchsvolle Darstellung der Steinigung des Iacobus des „Bruders des Herrn". Es verlohnt sich, derselben näherzutreten, um eine Vorstellung von Hausraths fragwürdiger Geschichtsbetrachtung zu gewinnen. Er schildert den Vorgang folgendermaßen: „Während Paulus inCäs irea gefangen lag, begannen, vielleicht durch jeuie KonfUkte mit dem Synhedrium veranlaßt, in Jerusalem Christenverfolgungen von Neuem, denen schließlich der Vorsteher Jacobus zum Opfer fiel. Da der Prokurator den Paulus ihren Händen entzogen hatte, hielt sich der Haß der Juden durch Steinigung des Jacobus schadlos" (S. 545). Nach dieser Darstellung würde man glauben, daß hier eine veritable jüdische Christenverfolgung ausgebrochen. Das ist aber eine vollständige Verdrehung der Tatsache. Hören wir, was der zeitgenössische jüdische Geschichtsschreiber Iosephus mit historischer Treue, die selbst von Hausrath nicht angefochten werden kann, den Sachverhalt wiedergibt: Der Hohepriester, so lautet sein Bericht, „der jüngere Ananus, war von heftiger und höchst verwegener Gemütsart, dabei gehörte er zur Sekte der Sadduzäer, die im Gerichte liebloser als alle anderen Juden verfahren. Zur Befriedigung seiner Hartherzigkeit glaubte Ananus auch jetzt, da der Landpfleger Festus gestorben, Albinus aber noch nicht angekommen war, eine günstige Gelegenheit gefunden zu haben. Er versammelte daher den hohen Rat zum Gerichte und stellte vor denselben Jakobus nebst einigen anderen, klagte sie der Uebertretung des Gesetzes an und ließ sie zur Steinigung verurteilen. Darüber wurden selbst die eifrig st enund dem Gesetz ergebensten Bürger auf das chW. tiefste entrüstet. Sie schickten daher heimlich Ab-"'^'W gesandte an den König und baten ihn, Ananus schriftlich zu bedeuten, sich in Zukunft ähnlicherGewalttätigkeiten zu enthalten, denn er sei auch jetzt durchaus im Unrecht gewesen. Einige von ihnen gingen sogar Albinus entgegen und erinnerten ihn und wiesen darauf hin, daß Ananus ohne seine Genehmigung den hohen Rat gar nicht habe zum Gericht berufen dürfen. Auf diese Vorstellung hin schrieb Albinus an Ananus im höchsten Zorne einen Brief, worin er ihm die gebührende Strafe androhte" (Ant. XX. 9, 1).

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.