Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 6 (5.2.1909)
- Date
- 1909-02-05
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 6 Seite ÄO . Dr. Blocks Wochenschrift. Zurücksetzung der jüdischen Bevölkerung einer Provinz von staats- und regierungswegen wäre von verheerender Wirkung nicht nur für die- Gesamtmouarchie,. sondern für die ganze Welt. Jedes andere Volk würde, bei einer solchen Gelegenheit fieberhaft arbeiten. Aber , bei uns herrscht Ruhe an beiden Ufern der Leitha. Wir haben viele jüdische Parlamentarier uüd Annexionsausschüsse im österreichischen Reichsrat und im ungarischen Reichstag. Wir haben große Kultusgemeinden. Mr. haben politische Korporationen. Wenn nie, so müssen alle diese Faktoren einander jetzt die Hände reichen, wenn tatsächlich gegen die Juden im neuen Reichsland ein antisemitischer Hauptschlag geplant ist. Sie werden einen Helfer finden, der heute stärker ist, als alle judenfeindlichen Politiker zusammen. Das ist der Kaiser, dessen zugesagter Schutz und dessen Wohlwollen ein Fels ist. Aber es ist notwendig, überhaupt. fich zu rühren, etwas zu tun. Die bosnischen Provinzen darf man. nicht vom Antisemitismus annektieren lassen. Hoffentlich wird dieser unser Dringlichkeitsantrag an die Mische Oeffentlichkeit die Gewissen aufrütteln. Entweder gibt Burrian bindende Erklärungen oder wir Juden kämpfen aus Men Kräften. Stumpfsinnig zuzuwarten wäre ein moralisches Verbrechen an uns selbst. Polna ll? .; s. Prag, 2. Februar 1909. Es scheint, als ob Dr. Karl Baxa's „Ritual"-Mord-Carriere Schule machen wollte. Ein neuer „Hilsner"-Fall ist im ersten Stadium ' der Vorbereitung begriffen. Nur non der Wachsamkeit und Voraussicht ffffcr beteiligten Faktoren hangt es ab, um die klerikal-antisemitische Drachen-Saat-gleich im Beginne der verhetzenden Agitation zu zertreten »ud mit aller Strenge des Gesetzes zu behandeln. Ob die hohe Protektion, deren sich der beutelustige Klerikalismus gerade hier erfreut, seine Verfolgung mit allen gesetzlichen Mitteln schon beim Versuch einer .11. Polna-Jnszenierung nicht wieder vereiteln werde — das ist die große Frage her nächsten Zukunft. In Böhmen tobt gerade der rücksichtsloseste nationale Kampf zwischen Deutschen und Tschechen und die Klerikalen verrieten es schon während des vorweihnachtlichen Jüden-Boykottes durch unverhüllte Drohungen ihrer Sprecher in verschiedenen »Svüj k sv&mu«- Versammlungen ganz offen, daß ihnen jede neue Gelegenheit willkommen wäre, um sich durch einen populären Feldzug gegen die Juden ihre Herrschaft gegen alle Vorkommnisse der unsicheren Zukunft zu asst kurieren. Die berüchtigte Lex Axmaun erregt den größten nationalen Widerspruch der Tschechen und die tschechischen Klerikalen haben allen Grund, zu fürchten, daß ihnen die parlamentarische Bruderschaft mit den Wiener Christlich - Sozialen sehr teuer zu stehen käme — falls sie nicht rechtzeitig für einen bewährten probaten Blitzableiter der erregten Volksstimmung sorgen. — Der Zufall spielt der augenblicklichen politischen Notlage der tschechischen Klerikalen ein Ablenkungsmittel in ihre allezeit aoitationsrührigen Hände, wie sie es auf Bestellung nicht besser wünschen konnten. Wer je in Böhmen gelebt, der findet es nur allzu begreiflich, wie gierig die in der Axmänn- Klemme steckenden Klerikalen zugreifen, um sich bei ihren wegen der Lex Axmann sehr grollenden tschechischen Wählerschaften zu rehabilitieren, gar besonders, wenn dieser Blitzableiter so billig zu haben ist, nämlich zum Selbstkostenpreise einer Neuauflage der „rituellen" Judenhetzen. Aus diesem Milieu ist es dann schon verständlich, daß auch andere, an Kultur und Moral den Klerikalen ebenbürtige Parteien, . wie es die tschechischen National-Sozialen sind, hier gerne mittun wollten, um an einem kostenlosen Judenfeuer ihre Pärteisuppe zu kochen. Diese „Jungen" der „Narodni Listy", die unter Klofae' Kommando stehenden National-Sozialen, sind der reinste.Prager Abklatsch der Wiener christlich-sozialen Bierbank-Politiker, womöglich noch roher und charakterloser, als die Staatsmänner vom „Roten Luchsen". Mit der Baxa-Fraktion natürlich verbrüdert, hätten also die Klofac-Radikaleu keine geringe Freude vom Gewinne, der auch ihnen eine geschult geleitete zweite Hilsner-Kampagne verspricht. Wer demnach in Böhmen keine neuerliche und sehr Peinliche Ueberraschung erleben will, der darf Nichts unterschätzen, was Warnendes einer der besten Kenner der tschechischen Verhältnisse, der bekannte Schriftsteller Jos. Myskovsky, Redakteur der „Nase Hlasy" in Böhm.-Brod, über die neueste Judenhetze schreibt. „Drei Schreckenstage" ist der Titel einer ganzen Artikel- Serie, in welcher Redakteur Myskovsky die Ermordung von drei Mädchen durch den geständigen, notorisch perversen I. Skala in Radesovic bei Meau (Station der Franz Josefs-Bahn) zum Gegenstände seiner ebenso interessaisten, als überaus lehrreichen volkspsychologischen Analyse verwendet. Die Entstehung der sinnlosesten Gerüchte und unglaublichsten Schauermären im klerikal gedüngten Nährboden, selbst dort, wo sich der geständige Täter des Verbrechens bereits in gerichtlichem Gewahrsam befindet, beleuchtet die les.nsweite Analyse Mysktzvskys in folgenden interessanten Ausführungen, die den feinen Beobachter der Volksseele Und den genauen Kenner unzähliger Sensationsprozesse in Böhmen verraten. „Es ist überhaupt höchst interessant, nach großen und plötzlichen unerwarteten Ereignissen das Volk, seine Reden und seine Gesinnung zu beobachten, denn eben darin — in seinem Urteil — spiegelt sich seine kulturelle Reife wie im reinsten Spiegel wieder. Sobald in die Volksschichten etwas Unerwartetes hineinfällt, was entweder durch seine Größe oder Gespensterhaftigkeit und Entsetzlichkeit' die Volksseele aller Rücksichten entkleidet, dann ist es, dünkt mir, wohl sehr an der Zeit, sich diese Volksseele ein wenig vor Augen zu halten und sie zu untersuchen', bevor sie sich nicht in ihre gesellschaftlichen Gewohnheiten wieder zurückzieht." „Es wird also davon gefaselt, daß der geständige, sexual perverse Mädchenmörder Skala überhaupt nicht fähig war. etwas Derartiges anzustellen und za vollbringen. Es gibt viele seiner Verteidiger, welche dies mit aller Bestimmtheit behaupten. Ihnen genügt weder, sein Geständnis. noch seine ganze Lebensführung und sein Charakter, ja nicht einmal der eigentümliche und auffallende Umstand, daß alle drei Mädchen die Schnittwunden auf der rechten Halsseite hatten, was nur dann möglich wäre, wennder Mörder vonrückwärts schneiden würde, was undenkbar ist, oder wenn er linkshändig wäre. Und das ist Skala. Ich erwähne dieses Detail nicht bloß wegen seines Interesses, sondern auch deshalb, weil es schließlich selbst solche Leute gibt, die den Mord aus das rituale Gebiet schieben wolle» und die immer mehr und mehr Gehör bei dem unwissende» Volke zu finden beginnen. Dieses vermag eine so schreckliche Verkommenheit bei einem 14jährigen Knaben nicht zu begreifen nnd erklärt fich bequem diese Verbrechen auf solch unsinnige und lächerliche Art. „Es scheint, als würden diese Gerüchte, welche tatsächlich einen ernsten Charakter anzunehmen beginnen, absichtlich von jemandem Fremden genährt, dem man 'nicht auf die Spur kommen kann. Soviel steht fest, daß dieser Verdacht ans sehr fruchtbaren Boden fiel und trotz allen Versicherungen und Belehrungen vernünftiger Mensche« stärk - unter der Asche glimmt nnd plötzlich in einer verderblichen Flamme emporschlugen nnd aufflammen kann. „Gerüchte'von einem Juden, der die Gemeinde mit einem geheimnisvollen Handkoffer durchzogen haben sollte, von Geräten zum Auftauaen des. Blutes, von der Ärt des Schnittes und viel anderer Unsinn werden schon ganz öffentlich herumerzählt und es wäre im Interesse des Friedens, wenn bestimmte Nachrichten über die Untersuchung Skalas an die Oeffentlichkeit gelangten. So aber wird die Verbreitung widersinniger und gefährlicher Gerüchte nur unterstützt." Es ist das alte, mehrhundertjährige, mittelalterliche „Ritualmord"-Rezept aus derselben Schule, die noch unlängst Hexen verbrennen ließ und allen gewiegten Kriminalisten längst bekannt ist. Nicht anders wurde im Jahre 1898/9 der Anfang der Hilsner- Affaire inszeniert. Alle beteiligten Kreise werden gewiß ihre Pflicht tun, um nach den beherzigenswerten Warnungen des tschechischen Publizisten Myskovsky keine Duplizität des unseligen Hilsner-Falles aufkommen zu lassen. — krineipiis odsta! Energischeste Vorbeugung ist die beste Heilung! __ K. Hausraths neueste antisemitische Kunststücke. (Fortsetzung.) Hätte es kein Diasporajudentum gegeben, das wie allgemein und selbst von Hausrath zugestanden wird — in jeder Gemeinde heidnische Proselytenmassen zu ihren Synagogen zählte, Paulus unh feine Mitarbeiter hätten mit ihrer religiösen Propaganda nicht Pas mindeste in der heidnischen Welt ausßurichten vermocht. Einzig und allein die bekehrungseifrigen Diasporasynägogen wären es, welche die griechische Wält für die Botschaft des „Heidenapostels" empfänglich gemacht hatten. Dieser brauchte nur den Diasporasynagogen die Nachricht zu bringen: der erwartete Messias sei bereits in Judäa erschienen, und eine reiche Ernte war ihm sicher. Das alles gibt Hausrath zu. Äber durch welche Mittel machte das Diasporajudentum so erstaunliche Eroberungen in der griechischen Welt? Etwa lediglich durch die werbende Kraft seiner den Hellenen mundgerecht gemachten Thora? durch die Erhabenheit seiner Ethik und seines philosophisch