Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Beite F4 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 5 Offenbach a. M. In der Stadtverordnetenversammlung kam es zu einer Debatte gegen den Zuzug russischer und galizischer jüdischer Arbeiter. Es wurde von den Rednern aller Parteien eine Verhinderung weiteren Zuzugs verlangt. — Wenn die Herren sich bei den Meldeämtern erkundigt hätten, dann hätten sie auf diese Debatte verzichtet, denn seit Wochen ist kein Zuzug, sondern eher eine Abwanderung — und zwar besonders russischer Juden, die nach Rußland zurückkehren — zu konstatieren. Die Juden in Russisch-Polen. Nach den Angaben des Warschauer statistischen Komitees betrug die Zahl der Juden in Polen am 1. Januar 1908: 1,716.064, und zwar in der Stadt Warschau 277.787, im Gouvernement Warschau 189.597, Gouvernement Kalisch 100.080, Gouvernement Kielce 104.515, Gouvernement Lomza 103.394, Gouvernement Lublin 205.894, Gouvernement Petrikau 282.075, Gouvernement Plock 69.781, Gouvernement Radom 150.133, Gouvernement Suwalki 80.599 und Gouvernement Siedlce 149.317. Die Gesamtzahl der Juden beläuft sich auf 45 Prozent der Bevölkerung Russisch-Polens. Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten in Finnland. Wie uns nus Budapest berichtet wird, wurde der dortige jüdische Professor Dr. Ignaz Goldziher von der Delsingforser Finn-ugrischen Gesellschaft zum Ehrcnmitgliede ernannt. Der ausgezeichnete Gelehrte würde sicherlich in eine schiefe Situation geraten, wenn er von der ihm gewordenen Auszeichnung Gebrauch machen und nach Helsingfors reisen wollte, wo bekanntlich Juden der Aufentbalt nicht gestattet ist. Professor Dr. Goldziher hat sich gleich seinem Glaubensgniossen und Gelehrtenkollegen Dr. Bernhard Kunkacsi auf dem Gebiete der finn-ugrischen Sprachforschung und der Erforschung der Vergangenheit des finnischen Volkes unvergängliche Verdienste erworben. Boykott der Juden in Hebron. In Hebron, wo sich unter einer Bevölkerung von 16,000 Seelen zirka 2000 Juden befinden, vereinigten sich die Araber, um die jüdischen Einwohner in geschäftlicher Beziehung zu boykottieren. Die Araber verbieten ihren Frauen, im jüdischen Viertel Waren zu kaufen und zu verkaufen. Dieser Boykott rief unter der jüdischen Bevölkerung große Bestürzung hervor, denn die Ursache desselben ist von fanatischen Moslims ausgegangen. Jene Fanatiker sehen die Einführung der Konstitution als ein nationales Unglück an: sie reizen die Mohammedaner gegen die Juden auf, da sie die Konstitution als ein Werk der Juden betrachten. Die hohen Beamten von Jerusalem tun alles, um die Araber aufzuklären und zu beschwichtigen. Koustantiuopel. Die jüdischen Gemeindenotablen haben mit sehr großer Mehrheit den seitherigen Kaimakam Chacham Baschi N a h o u m, Professor am hiesigen Rabbiner- Seminar der „Alliance", zum wirklichen Chacham Baschi gewählt. Brüssel, 17. Jänner. Die Belaifche Akademie der Wissenschaften hat Herrn Geh. Medizinalrat Prof. Dr. Senator in Berlin zu ihrem Ehrenmitglied ernannt. London, 8. Jänner. Der König hat Herrn Jacob E. Sassoon in Bombay zum Barouet ernannt. — Der Lordmayor hat sein Erscheinen zu dem aus Anlaß des fünfzigjährigen Bestehens des Loard of Guardians am 17. Februar stattfindenden Festessen zugesagt. Moskau, 9. Jänner. Von neun hiesigen Glaubensgenossen sind 38.000 Rubel zum Ankauf von Ländereien in Palästina gespendet worden. New-Hork, II. Jänner. Das vor einigen Tagen eröffnete Testament des Bankiers Hinsheimer, Seniorchefs der Firma Kuhn, Loeb u. Co, enthält eine Verfügung, die nicht verfehlen wird, lebhaftes Interesse zu erregen. Der hochherzige Verblichene hat eineinhalb Millionen Dollars (sechs Millionen Mark) mit der Bestimmung testiert, daß die Summe den großen jüdischen Hilfsorganisationen znfallen soll, die sich zu gemeinsamer Tätigkeit zufammengeschlossen haben. Feuilleton. Der erste Jude in Schmede«. Die Geschichte der jüdischen Siedlungen in Schweden, so schreibt der Stockholmer Korrespondent des Petersburger „Fraind" weist zwei interessante Momente auf. Auf der einen Seite sehen wir, wie in Schweden, wenn auch kein Judenhaß, so doch eine Furcht vor Juden, schon zu einer Zeit bestanden hat, als es im ganzen Lande noch keinen einzigen Juden gegeben hatte. In Schweden gab es schon Gesetze gegen die Juden viele Jahre, bevor noch Juden im Lande gewohnt hatten. Auf der anderen Seite wieder drängt sich die interessante Beobachtung auf, daß Juden trotz dieser ihnen feindlichen Stimmung sich alle Mühe geben, um in Schweden sich niederlassen zu können. Der erste Jude, der sich in Schweden niedergelassen hat und als Begründer der schwedisch-jüdischen Gemeinde anzusehen ist, war Rabbi Ahron I s a k. Ahron Jsak ist ein geborener Brandenburger. Seine Kinderjahre verbrachte er in seiner Geburtsstadt Treunbritzen, neben Berlin. Schon als Kind zeigte Ahron Jsak besondere Vorliebe für das Gravieren in Steine, und als er älter wurde, widmete er sich dem Graveurfache. Er zog von Stadt zu Stadt und zählte bald zu den berühmtesten und gesuchtesten Graveuren in Preußen. Als die Schweden während des siebenjährigen Krieges nach Mecklenburg kamen, befand sich dort auch Ahron Jsak. Dieser kam oft mit den Schweden in Berührung und hier reifte in ihm der Gedanke, nach dem Schwesterlan.de auszuwandern. Seine Glaubensgenossen rieten ihm von einer so gefahrvollen Wanderung ab, machten ihn auf die judenfeindlichen Gesetze des Landes aufmerksam und daß er als der einzige Jude sich nicht werde behaupten können, aber Ahron Jsak schien gerade durch diese Schwierigkeiten nur noch mehr zur Reise angestachelt. Er wollte dem schwedischen Volke die Achtung vor dem jüdischen Volke beibringen und fühlte sich sogar gewissermaßen zur Mission berufen, in dem fremden, den Juden übelgesinnten Lande eine jüdische Gemeinde zu gründen. Die erste schwedische Stadt, in welcher Jsak gelandet ist, war Ustor. Der Kapitän des Schiffes, auf welchem er seine Reise gemacht hatte, verstand gut deutsch und interessierte sich lebhaft für den seltsamen jüdischen Passagier, der mit sehr guten Empfehlungsschreiben preußischer Aristokraten, denen er verschiedene Arbeiten geliefert hatte, versehen war. Er besaß sogar ein sehr warmes Schreiben an den König von Schweden. Der Schiffskapitän empfahl ihm. in Ustor zu bleiben. Am Tage seiner Ankunft begab sich Jsak zum Bürgermeister von Ustor. der ihm eine unerstreckbare Aufenthaltsbewilligung auf 28 Tage ausstellte. Rach Ablauf dieser Frist mußte Ahron Jsak die Stadt verlassen. Er ging nach Malmö. Hier fand sich jedoch niemand, der die deutsche Sprache verstanden hätte, und da Jsak nicht schwedisch konnte, war es ihm unmöglich, sich mit dem Bürgermeister zu verständigen. Während er betrübt seinen Weg zur Herberge nahm, beoegnete er einem fremden Manne, der ihn unablässig filierte und ihn schließlich mit dem jüdischen Gruße ..Schalem Aleichem" begrüßte. Man kann sich die freudige Ueberraschung Jsaks denken, der glaubte, einen Glaubensgenossen gefunden zu haben. Er blieb nicht lange im Jrrtume. Der Fremde erzählte bald seine Geschichte. Er stamme auch aus Deutschland, wo er als Jude geboren und erzogen wurde: später wanderte er nach Schweben aus. wo er unter dem Zwange der Verhältnisse die Taufe nahm. Als er nun den Juden auf der Straße erblickte, sei er so. er-