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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 81 und zum „Verräter" degradiert. Insbesondere gerade Dr. Kahn ward den Leuten verhaßt, da sie Gelegenheit hatten, wahrzunehmen, daß das innere Empfinden dieses Mannes es ihm in wichtigen Momenten nicht gestattet, die großen allgemeinen jüdischen Interessen zugunsten der Partei und ihrer neu aufgetauchten „Führer" zu verleugnen. Als im März 1907 bei Gelegenheit der allgemeinen Reichsratswahlen der Nestor der zionistischen Bewegung Dr. K. Lippe in Jassy seine Stimme zugunsten einer Kandidatur Dr. Blochs in der Leopoldstadt erhob und seine Parteigenossen ermahnte, diese Kandidatur nicht zu hindern, sondern zu fördern, schrieb ihm der verewigte Dr. Kahn: „Ich habe persönlich nie eine Differenz mit Herrn Doktor Bloch gehabt und wenngleich mir sein seinerzeitiger Kampf gegen unseren verewigten Führer und den politischen Zionismus durchaus nicht sympathisch war, so bin ich objektiv genug, Ihnen zuzugestehen, dass sein Auftreten gegen Rohling allein schon eine um das Judentum hochverdiente Tat war. A.uch sein wiederholtes Eingreifen in Momenten, als ein Schneider und Gregorig, von getauften gottverlassenen Juden inspiriert, Verdrehungen von Talmud- und Midraschstellen "erbrachten, dass er ihnen immer sofort das Falsche und Lügenhafte nachwies, waren Handlungen, wofür wir ihm umsomehr Dank und Anerkennung schuldig sind, als die anderen jüdischen Abgeordneten aus Mangel an Kenntnis ihres nationalen Schrifttums sich in die Ecke verkrochen und nicht den Mund aufm achten, In unserem Parlamente ist es geradezu eine Notwendigkeit, dass wenigstens ein jüdischer Abgeordneter da sei, der die hebräische Sprache beherrscht, und, mit unserer mehrtausendjährigen Literatur vollständig vertraut, mit dem Rüstzeug aus diesem Arsenale der Offenbarung der Menschenliebe und der höchsten Morallehre ausgestattet, den Lügnern und Verleumdern des jüdischen Volkes entgegentreten bann. Ich halte Herrn Dr. Bloch für diesen Mann und habe es wiederholt Freunden und massgebenden Wählern gegenüber betont, da ich in Fragen von so weittragender Bedeutung nicht nach meinem eigenen Empfinden, sondern nach dem Interesse des Judentums mich richte. Salus Pupuli summa lex.1 Dieses mutige Wort Hat Dr. Leopold Kahn unsägliche Verfolgungen von Seiten seiner Wiener „Parteigenossen" zugezogen, er wurde förmlich vor ein Ketzergericht gestellt und seitdem aus der Partei nahezu ausgestoßen. Junge Menschen, ohne die geringste Kenntnis der jüdischen Religion, der jüdischen Geschichte und Literatur, warfen sich zu seinen Richtern auf und aburteilten über ihn nach Maßgabe ihrer Einsicht und Kenntnis. Gekränkt und verwundet über den erfahrenen maßlosen Undank zog er sich von öffentlicher Tätigkeit zurück, nun hat ein plötzlicher Schlaganfall am 22. d. M. seinem Leben ein Ende bereitet. Das Leichenbegängnis fand Sonntag den 24. d. M. vom Trauerhause, Neubaugasse, unter zahlreicher Beteiligung weiter Kreise der jüdischen Bevölkerung statt. Unter den Anwesenden bemerkte man die Kultusvorsteher Baurat Oskar Marmorek und Sal. Steiner, den Obmann des Tempelvereines für die westlichen Bezirke Wiens Dr. Jakob Engel, den Vereinsvorsteher Hermann König, den Obmann des Vereines „Nachlath Jeschurun" Dr. Karl L ö w y, den Reichsratsabgeordneten Dozent Dr. Mahler, ferner die Freunde des Verblichenen Johann Kremenetzky, Direktor Dr. S. K r e n b e r g e r, Dr. Schnürer, Schriftsteller Heinrich Jork-Steiner. Von den studentischen Verbindungen erschien „Bar-Kochba" in corpore, während die anderen jüdischen Verbindungen nur durch einzelne Mitglieder vertreten waren. In der Zeremonienhalle des Zentralfriedhofes würdigte Herr Rabbiner Dr. T a g l i ch t in einer außerordentlich feinempfundenen und taktvollen Rede das Leben und Wirken des Heimgegangenen, sodann widmete Kultusvorsteher Baurat Oskar Marmorek seinem Freunde und Gesinnungsgenossen einen ergreifenden Nachruf und beide Redner hinterließen in der großen Trauerversammlung einen tiefen nachhaltigen Eindruck. Von den Uebrigen an der Bahre gehaltenen Reden verdient der von Dr. R o t h b l u m in schöner hebräischer Sprache dem Verewigten gewidmete Nachruf besondere Erwähnung. An der Bahre Dr. Leopold Kahns trauert eine tiefgebeugte Gattin, die ihm mehr war als eine treue Lebensgefährtin, die auch an seinen idealen Bestrebungen im Dienste der jüdischen Gesamtheit lebhaften Anteil nahm und seine Jnteniionen mit ungewöhnlicher Intelligenz stets zu fördern wußte. Der Regenerator des ungarischen Telegraphendienstes. Aus Budapest wird gemeldet: Der Post- und Telegraphen.inspektor Moriz Tauber feierte dieser Tage sein vierzigjähriges Dienftjubiläum, aus welchem Anlasse ihm zahlreiche Ehrungen zuteil wurden. Eine fünfzehngliederige Deputation des Zentraltelegraphenamtes sprach heim Jubilar vor, deren Führer den unermüdlichen Pflichteifer und die Verdienste Taubers in beredten Worten feierte. In erster Reihe ist es ihm zu verdanken, daß zwischen Budapest und London eine direkte Verbindung existiert und sein Verdienst ist es, daß die östlichen Staaten in das ungarische Telegraphenneh mit einbezogen wurden. Anläßlich des Jubiläums Taubers sind ihm zahlreiche Begrüßungsschreiben, darunter auch von der Post- und Telegraphendirektion zugekommen. Ist die Enterbung wegen Religionswechsels gestattet? Diese Frage bat. wie uns aus Budapest berichtet wird, dieser Tage das dortige Oberste Gericht beschäftigt. Im Jänner 1893 trat die Tochter des Budapester orthodoxen Juden Philipp K. zur christlichen Religion über und wurde die Gattin des zur christlichen Religion sich bekennenden Daniel H. Elf Jahre später errichtete Philipp K. ein Testament, in welchem er seine getaufte Tochter vollständig enterbte. Frau Daniel H. focht diese letztwillige Verfügung an, doch wurde sie von den beiden ersten Instanzen mit ihrem Begehren abgewiesen. Die königliche Kurie änderte dieser Tage dcs Urteil dieser beiden unteren Instanzen ab und erklärte die aus Frau Daniel H. bezügliche Verfügung des Testamentes für rechtsungültig In der Begründung dieses Urteiles wird hervorgehoben, daß der Uebertritt der Klägerin von der orthodox jüdischen zur christlichen Religion und ihre Eheschließung mit dem zur christlichen Religion sich bekennenden Daniel H. nach den geltenden gesetzlichen Bestimmungen und nach der gerichtlichen Praxis nicht als rechtmäßiger Grund zur Enterbung angenommen werden könne, da ja Niemandem das Recht zur Eheschließung verwehrt werden dürfe. Ueberdies bildete im Jabre 1893 der Religionsunterschied zwischen Inden und Christen ein gesetzliches Hindernis, so daß der Uebertritt eine Grundbedingung für das Zustandekommen einer gesetzlichen Ehe war. Prag. (Festabend des Vereines „Bar ,Kochb a".) Der Verein jüdischer Hochschüler „Bar Kochba" hatte am 20. d. M. zwei hervorragende Lkte-aten zu Gaste geladen: Felix Salten und Martin B i! b e r. Außerdem trugen die jugendliche Burgschauspielerin Lia Rosen und der geniale Sprecher Dr. Philipp M a n n i n g dazu bei, dem zahlreichen, eleganten Auditorium, das sich im Prunksaale des „Hotel Zentral" eingefunden hatte, einige genußreiche Stunden zu bereiten. Felix Salten sprach über den „Abfall vom Judentum". Zu seiner geistreichen, durch seine zahlreichen Feuilletons genügend bekannt gewordenen Art wußte er dem Thema viel neue und interessante Seiten abzugewinnen. Er führte u. a. aus, daß das Bedürfnis, vom Judentum abzufallen, seit dem Tage datiere, da das jüdische Volk nach Jahrtausende währender Unterdrückung sich zu emanzipieren begann. Dieses Bedürfnis entspringe dem Edelmute, die Unterdrücker ihre eigene Schuld und Schmach nicht fühlen zu lassen. Aber es sei aus falschen Empfindungen entstanden,' die Juden danken ihre Kultur nicht den Unterdrückern, sondern die Kultur gerade jener Länder, in denen die Juden am meisten zu dulden hatten, sei griechisch-römisch-jüdischen Ursprungs und durch die Einwanderer hervorgerufen. Zum Schlüsse stellte der Redner fest, daß die junge jüdische Generation selbstbewußt auf den Herzlichen Pfaden wandte. Martin B u b e r, der Herausgeber der „Gesellschaft", sprach über „den Sinn des Judentums". Verrät schon sein ganzes Wesen die unverfälschte Eigenart des Rassejuden, den Hang zum Sinnen und Grübeln, so kam in seinen Darlegungen die Sentimentalität und der Zweifel erst recht zum Ausdruck. Er bestreitet die Möglichkeit einer äuße-

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