Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 5 (29.1.1909)
- Date
- 1909-01-29
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021824--18027-3042933- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 76 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 5 der Fluchformel der Synagoge über die Christen feststeht." Und ein andermal: „Während die Jünger Jesu noch des guten Glaubens lebten, Juden zu sein und Juden bleiben zu können, riefen die Schriftgelehrten: „Minäer seid ihr, Abtrünnige" (S. 150). 'Hausrath ist einer der vielen christlichen Theologen, die sich an die unter Beleuchtung'der modernen jüdischen Theologie dargereichten, von den „Minim" handelnden talmudischen Stellen festankern. Welcher Mißbrauch mit dieser gründlichen verfehlten Auffassung der talmudischen Minimberichte getrieben wurde, lehrt am deutlichsten Hausraths neuestes Buch: „Jesus und die neutestamentlichen Schriftsteller". Hausrath ist übervoll von 'bitterem Groll gegen das Judentum. Und warum? Aus demselben Grunde, aus welchem auch sonst christliche Theologen, welche tiefere Blicke in die Zusammenhänge zwischen Chri st entum und Judentum geworfen, dem letzteren so unversöhnlich grollen, weil sie auf Schritt und Tritt die unlösbare Abhängigkeit des Christentums vom Judentum zu verspüren bekommen, an das sie sich mit eisernen Fesseln gebunden fühlen. Bei jeder Bewegung rasseln diese Bande und sie stöhnen auf: und jeder Aufschrei ist: Judenhaß! Das Bewußtsein dieser Abhängigkeit und das fruchtlose Ankämpfen gegen dieselbe erzeugt Verbitterung; und in ihr ist auch die Quelle der zahllosen und krassen Widersprüche zu suchen, die sich Hausrath auch in seinem jüngsten Buche zuschulden kommen läßt. Er hat erstaunlich tiefe Blicke in den Entwicklungsgang, den das Christentum aus dem Judentum genommen, getan, weiß den hohen Wert des letzteren zu würdigen, und man steht oft ganz verblüfft da, wenn er urplötzlich, ganz unvermittelt umschlägt, wenn man seine Bewunderung in bitteren Haß sich umwandeln sieht. Durfte man je von einem Menschen sagen: er habe viel geliebt, darum sei ihm auch viel vergeben: so gilt dies von Hausrath. Das Evangelium ist ihm lediglich „der Abschluß jener Geschichte, deren Träger Propheten und Psalmisten gewesen" (S. 6). „Der Glaube der Apostel ist der hebräische, auf Ezechiel und den Apokalypsen fußendedaß Gott zum Tage des Gerichtes und des großen Sieges Israels über die Heiden, die Gerechten, die für das Gesetz gelitten, auferwecken werde, um sie zu entschädigen. Jesus selbst hatte in den eschatologischen Reden sich durchaus an die überlieferte jüdische Lehre von den letzten Dingen angeschlossen" (S. 128). „Das Christentum", so bemerkt er zutreffend, „ward nun die Form, in der das Judentum Weltreligion werden konnte, wie es erstrebte, weil es im Christentum die groben nationalen Bestandteile abwarf, die den Heiden anstößig waren, aber den ko st baren Schatz bewahrte, den das jüdische Volk besaß, seine heilige Schrift" iS. 236). „Das, was das Urchristentum lehrte, war in den äußeren Umrissen nichts anderes, als was es selbst aus dem Judentum überkommen hatte" (S. 238). Unumwunden anerkennt er die dem jüdischen Stamme vor allen anderen angeborene Begabung. Von Paulus sprechend, sagt er: „Daß er die jüdische Ueberlegenheit über Menschen anderer Rasse im vollsten Maße besaß, beweist sein ganzes Leben" (S. 279). Und wo lebt ein. Jude, der sich nicht von edlem Stolze gehoben fühlte, wenn er bei Hausrath liest: „Er (Paulus) charakterisiert sein reizbares Temperament mit den Worten: „Wer wird geärgert und ich brenne nicht?" „Das war", so fügt Hausrath erläuternd hinzu, „das jüdische Blut, das in Paulus kochte" (S. 280). Rühmender ist wohl selten das jüdische, bei jeder dem Nebenmenschen widerfahrenen Kränkung förmlich aufslöhnende Mitgefühl hervorgehoben worden, wie Hausrath es hier mit lapidaren Worten zeichnet. Und dennoch liefert dieser selbe Hausrath wieder ein verzerrtes, mit vergiftetem Stifte gemaltes und oft von banalsten Farben übersättigtes Bild des Judentums. Der innere Groll, der ihn gegen das Judentum erfüllt, bricht überall durch, und selbst dort, wo ihm unwillkürlich Bewunderung für dasselbe überkommt, läuft sie in eine häßliche Grimasse aus. Ein moderner Bileam, leidet er Tantalusqualen, da er fluchen will und segnen muß. Hier einige Beispiele: Er schildert die jüdischen Gemeinden in der Diaspora, denen allein und ausschließlich das paulinische Christentum seine ungeahnt rasche Ausbreitung im Heidentum verdankte: er spricht von ihren regelmäßigen Zusammenkünften, die nicht etwa behufs Entrierung von Börsengeschäften, sondern zu gemeinsamen religiösen Hebungen und -gegenseitiger Belehrung eingeführt waren. Er kann es nicht genug bewundern, daß diese von Heidenmassen förmlich erdrückten Gemeinden der Diaspora dennoch ihre jüdische Eigenart zu bewahren wußten, und drückt dies alles folgendermaßen aus: „Ein so geordnetes Judenviertel unter einem Volksältesten oder Synagogenvorsteher hatte jede große Stadt. Hier saßen sie in engen Gassen, dicht aufeinandergedrängt wie die Blattläuse und erzählten sich vom Messias und wie er demnächst erscheinen und die Heiden massakrieren werde. Es wird immer eine wunderbare Erscheinung bleiben, wie diese kleinen Judengemeinden, umgeben von einer vornehmen griechischen Kultur, ihre Eigenart zu bewahren mußten. Schon Josephus hat mit Nachdruck hervorgehoben, daß es Israels Gesetz war, das den Bestand seines Volkstums verbürge" (S. 226 k). 'Wieviel Lob und wieviel Aergernis zugleich liegt in dieser Schilderung! Und wie unwürdig ist eine solche Darstellungsweise eines Theologieprofessors, der nicht nur ernst genommen werden, sondern auch eine leitende Rolle spielen will! (Fortsetzung "folgt.) Vom Aabrmarkt des Lebens. Die Juden in Afghanistan. Die älteste Gemeinde des Landes, vielleicht der ganzen Welt ist die unter dem Namen „Kehilat Bne Jaakob“ bestehende jüdische Gemeinde in Balkh (Afghanistan). Nach der ältesten vorhandenen persischen Urkunde von Jbn Gasweni aus dem zweiten Jahrtausend der Hegira, also dem 7. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung, soll die Gemeinde aus der Zeit von Bal-Assar (Tiglat-Pilesar) datieren, der hier an der äußersten Grenze seines Reiches als Bollwerk gegen die nomadischen Horden vom jenseitigen Ufer des Amu-Darja eine starke Festung mit Namen Balech anlegen ließ. Um die Stadt zu bevölkern, versetzte er eine Anzahl der durch ihn aus ihrem Vaterlande vertriebenen Juden nach derselben und wies ihnen den südlichen Teil der Stadt als ihr Quartier an. Sie lieferten später dem El- Karnajim (dem „Doppeltgehörnten", d. i. Alexander dem Großen nach Daniel 8, 21) auf seinem Zuge nach Indien eine Anzahl Fahrzeuge, um verschiedene jenseits des Stromes wohnende Völkerschaften seiner Botmäßigkeit zu unterwerfen. Mündlichen Ueberlieferungen zufolge begaben sich von hier in der Blütezeit des zweiten Tempels mehrmals Gesandtschaften mit reichen Geschenken nach Jerusalem, um dort zu opfern und zum Unterhalt des Heiligtums beizutragen, da eine allgemeine Pilgerfahrt nach der heiligen Stadt unmöglich war. Die Straße „Llsbalsebt vl-Luäa" (Straße nach der heiligen Stadt) hält die Erinnerung hieran bis auf den heutigen Tag lebendig. Nach dem Tode Muhammed's trat in der bisher günstigen Lage der hier wohnenden Juden eine sehr ungünstige Veränderung ein. In jener Epoche waren nicht weniger als 12.000 Juden, welche sich im Besitz von 16 Bethäusern befanden, in Balkh ansässig, und als die Araber über Herat und Kabul bis Indien vordrangen, war es Emir Walid, der nicht allein den Israeliten in den genannten beiden Städten, sondern auch denen in Balkh ein bedeutendes Kopfgeld auferlegte, eine drückende Maßnahme, welche ihrem Wesen nach bis heute nicht abgeschafft ist. Noch trauriger gestaltete sich ihr Los, als die Perser in Afghanistan zur Herrschaft gelangten. Es begann eine Zeit der Leiden und Verfolgung, welche die Juden veranlaßte, die Stadt zu verlassen und eine gastlichere Heimat zu suchen. Doch wohnen beute noch etwa 500 m Balkh, die sich hauptsächlich eines persischen Idioms bedienen, das mit einer Anzahl von Worten hebräischen, chaldäischen und assyrischen Ursprunges verquickt ist; in diesem Idiom werden auch die