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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Är. 5 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 75 die religiösen Bewegungen, aus denen nach langem und schwerem Ringen das Christentum zur Geltung gelangte, ihren Ausgang aus dem pharisäischen Judentum genommen,- während sie im Gegenteil von Anbeginn abseits von diesem und wenig beachtet von seinen Gesetzeslehrern, denen überdies die Abwehr ketzerischer Anstürme in der eigenen Mitte, wovon der Talmud viel zu berichten weiß, mehr als genug zu schaffen machte, entstanden und nur wenig mit den immer tiefer ins Lehrhaus sich einschlietzenden und der Pflege der Traditionslehre völlig hingegebenen pharisäischen Eesetzeslehrern in Berührung kamen. Grätz und seine Anhänger glaubten also in den von den Gesetzeslehrern in dentiefsten Pfuhl der Gehenna verdammten, von der Synagoge mit Fluch belegten M i n ä e r n, von denen im Talmud viel die Rede ist, das junge Jüdische Christentum erblicken zu sollen! Diese Annahme aber ist grundfalsch; und schon die einmütige Zustimmung der christlichen Theologen hätte die Rabbiner stutzig machen müssen. Nichts spricht für das Christentum der Minäer und alles dagegen. Eine Sekte, die die Thora leugnete. Tempelkultus und Auferstehungslehre verwarf, also die Grundpfeiler des nazaräischen Christentums ebenso wie die des Pharisäismus niederritz, hatte mit dem jüdischen Christentums nichts zu schaffen, und sie ist tatsächlich als antinomistische Sekte ebenso von der Kirche, wie von der Synagoge verdammt worden. Ich darf darauf Hinweisen, datz einsichtsvolle christliche Theologen von Bedeutung durch meine Nachweise, datz unter den in den talmudischen, aus dem erften Jahrhundert und der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts reichenden Quellen besprochenen Minäern nicht christliche, sondern jüdische schon in vorchristlicher Zeit bestandene Sekten verstanden sind, und datz dieselben aus der Synagoge schon verketzert wurden, bevor sie noch die Bekanntschaft mit dem Christentum gemacht hatten, sich überzeugen und die hergebrachte Hypothese: Minim seien Judenchristen, fallen ließen. Was aber Grätz bestimmte, in den Minäern des Talmud die Judenchristen zu sehen, war eine Mitteilung (aus dem Ende des vierten christlichen Jahrhunderts) des Hieronymus, nach welcher es noch damals in den Synagogen des Orients eine jüdische Sekte gab, die der Minäer, die von den Pharisäern allgemein Nazaräer genannt worden sei. Aus diesem Bericht nun gehe es doch ganz klar hervor, datz die Minäer identisch mit den Nazaräern,- also den Judenchristen. Ob nun die Nazaräer überhaupt Christen sein müssen, darnach wurde nicht gefragt. Das Dogma aber: Minim sind Judenchristen, war fertig. Allein Hieronymus bestätigt dies doch nur für seine Zeit, wo die Minäer möglicherweise bereits ins christlichnazaräische Lager einzuschwenken angefangen, nicht aber für das erste Jahrhundert, in dessen Verlaufe die Verwünschungsformel gegen die Minäer in das Schmone- Esregebet eingeschaltet wurde! Fehlte diese Notiz bei Hieronymus, es wäre niemandem in den Sinn gekommen, die talmudischen Minäer des ersten und der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts zu Christen zu machen. Christentum und Minäismus schließen einander aus, sie passen zu einander, wie die Faust aufs Auge. Merkwürdig ist es immerhin, datz man der mitzverstandenen Notiz bei Hieronymus mehr Beweiskraft zumatz als der markanten Minäerzeichnung des Talmud, aus welcher zur Evidenz hervorgeht, datz der Minäismus ebenso, ja noch mehr antichristlich als antipharisWch war. Noch merkwürdiger bleibt es, datz man die eben zitierte flüchtige Bemerkung des Hieronymus nasch zur Hand hatte, wo es galt, die Minäer zu Christen zu machen, hingegen jenen ungleich wichtigeren und ausführlicheren Bericht des aus dem Judentum stammenden christlichen Häresiologen Epiphanius. welcher die Existenz einer vor christlichen jüdischen Sekte der Nazaräer in bestimmtester Form bezeugt, völlig übersah! Wie ist es zu erklären, datz man den Splitter bei Hieronymus so rasch erblickte und an dem Balken bei Epiphanius so achtlos vorbeiging? Epiphanius berichtet (Haer. XIX) von einer Sekte der Nazaräer, die vor Jesus entstanden „und von Christus nichts wußte" (f<v ytwv Na^apatwv ~oo Xp:c~ou x8: Xp:a:öv oüx rfiei). Sie sind, sagt er u. a., Juden von Geburt, halten Beschneidung und Sabbath wie die übrigen Juden, bekennen sich zu den Patriarchen von Adam bis Moses, aber die fünf Bücher Mosis nehmen sie dennoch nicht an, da sie nicht von Moses sondern erdichtet seien. Sie verwerfen ferner den Tempelkultus und enthalten sich der Fleischnahrung. „Diese Sekte — betont er Haer. 29 — war früher als Christus und wußte nichts von diesem." Aus der Nazaräerdarstellung des Epiphanius geht ferner hervor, datz diese vorchristliche jüdische Sekte ebenso wie die ihr verwandte jüngere Sekte der Kerinthianer die leibliche Auferstehung leugnete. Da haben wir nun die wirklichen Minäer des Talmud vor uns, die nach Hieronymus in späteren Jahrhunderten von den Pharisäern, will sagen, von den Juden, Nazaräer genannt wurden. Was die vorchristlichen Nazaräer bei Epiphanius zu jüdischen Häretikern stempelt, genau dasselbe wird den Minäern im Talmud zur Last gelegt. Da wird ihnen vorgeworfen, datz sie die göttliche Inspiration der Thora und die Auferstehung leugnen, sich von der Gemeinschaft lossagen, die Hände gegen den Tempel ausstrecken (den Tempelkultus verwerfen), weshalb sie der ewigen Strafe der Gehenna verfallen seien fTos. Sanhedr. XIII, 4, 5. b. Rosch-Haschana 17 a). Diese aus vorchristlicher Zeit stammenden, jüdischen — nicht die jüdisch-christlichen — Nazaräer wurden von den pharisäischen Schriftgelehrten ingrimmig gehaßt, weil sie die Thora und Auferstehungslehre verwarfen — was doch unmöglich von den gesetzesgläubigen christlichen Nazaräern behauptet werden kann —, weil sie ferner „die Fackel des Hasses und der Zwietracht zwischen Israel und ihrem Vater im Himmel warfen". (Tos. Sabbath XIII, 5. b. Sabb. 116 a.) Gegen diese jüdischen Nazaräer wurde die bekannte, viel gemarterte Verwünschungsformel in das Schmone-Esregebet eingefügt. Und diese selben jüdischen Minäer wurden später von dem jüdischen Christentum, das noch zum Gesetz hielt, ebenso ingrimmig gehaßt und verketzert, wie von den pharisäischen Schriftgelehrten. Das alles, sollte man meinen, liegt so klar zutage, daß es ganz unverständlich ist, wie man auf die Behauptung: Minim seien Judenchristen, geraten konnte. Was Wunder, datz die christlichen Theologen gierig nach diesem Kapitalfund griffen und mit dessen Hilfe dem Judentum einen grenzenlosen Hatz gegen das entstehende Christentum andichteten und alle Verfolgungen, die das letztere zu bestehen hatte, auf „jüdische Verfolgungssucht" zurückführten. Bestätige doch der Talmud selbst, als unanfechtbare historische Quelle, die in den neutestamentlichen Schriften gegen das Judentum erhobenen Beschuldigungen, gestehe er doch unverhohlen ein. datz die Christen täglich dreimal in den jüdischen Synagogen verflucht wurden. Und so wurden alle Drangsale, die dem Christentum bis ins zweite Jahrhundert hinein durch die in seiner Mitte entstandenen Sekten bereitet wurden, widerspruchslos dem denselben völlig fernstehenden pharisäischen Judentum aufs Kerbholz geschrieben. „Die Juden", sagt Hausrath (S. 250). „nannten die Anhänger Jesu nach dessen Heimat Nazara Nazaräer oder Abtrünnige, Minim, Minäer, wie aus

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