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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-29 · 5 (29.1.1909) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
5 (29.1.1909)
Date
1909-01-29
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite ’ 74 Dr. Vlochs Wochenschrift. Nr. 5 sind als die für Zwietracht arbeitenden Agitatoren. Sachen wir uns in letzter Minute mit ihnen zu verständigen. Das Judentum ist heute in großer Gefahr. Liechtensteins Parole wird bald Regierungsprogramm werden, wie jedes Kind schon weiß, und wir werden der schwersten Bedrängnis staudzuhalten haben. Heute sind die großen Staatsfragen unser einziger Schutz. Aber wenn sie nur für Momente zurücktreten, wird die Behandlung oder Mißhandlung der Juden, werden Sturm und Schneider zu Worte kommen. Wer soll die übermächtigen Christlich-Sozialen daran hindern, Ansnahmsgesetze zu beschließen, wenn es ihnen so beliebt? Die ganze Kraft, die geeinte Kraft des Judentums müßte ihnen entgegenwirken. Der Gemeiudedund wäre der beste und geeignetste Schild unserer armen Gemeinschaft. Die Galizianer wollen ihn nicht schmieden helfen, erklären in einem verhängnisvollen Augenblick die Zwietracht für eine heilige Sache. Das wird zu einer historischen Anklage gegen sie werden. Aber wir wollen, wir dürfen daran noch gar nicht glauben. Es muß und es wird gelingen, Politikern der Schwächung rasch und radikal den Garaus zu machen. Wir rufen das jüdische Galizien gegen sie auf. Nicht gegen den Westen, gegen die Ghettogedanken muß protestiert werden — das ist die wirklich heilige Sache, und wir hoffen, aus vielen stürmischen Versammlungen der Wähler- ,chaft umgehend zu erfahren, daß Galizieu unseren, seinne Feinden keine Freudenfeste bereitet. Einer, der ans Judentum noch glaubt, weil er es im Herzen hat. Hausraths neueste antisemitische Kunststücke. Sie fragen mich, wie ich über Hausraths eben erschienenes Buch: „Jesus und die neutestamentlichen Schriftsteller", denke, was ich zu diesen neusten Proben gehässiger Judenfeindlichkeit sage? Aufrichtig gestanden, hat mich die Lektüre dieses 700 Seiten starken Buches ganz kalt gelassen, und ich habe es nur mit dem Aufwand äußerster Willenskraft zu Ende gelesen. — Da war keine Spur von jener zitternden Erregung, in die mich vor einem Menschenalter desselben Verfassers, im Jahre 1879, in dritter Auflage erschienene vierbändige „Neutestamentliche Zeitgeschichte" versetzt hatte. Das Gift des wissenschaftlichen Antisemitismus war da in goldener Schale dargereicht: eine stark erhitzte Phantasie, getragen von einer berückenden Darstellungsgabe. Das wirkte ungemein schädlich. Hausrath verfügt überhaupt über einen für einen Gelehrten oft verhängnisvollen Ueberschuß von Phantasie. Das fühlte er denn auch selber frühzeitig, und darum versuchte er sich zu wiederholten Malen im Roman. Allein, für dieses Fach reichte die dichterische Begabung doch nicht aus: dafür wirkte sie auf dem Gebiete der Theologie Wunder. — Sein letztes Buch aber läßt diesen Schmelz völlig vermissen. Der Wille, auf breite Massen zu wirken, ist wohl noch der alte, aber die Kraft versagt ganz. Hausrath wird an diesem Buche nicht viel Freude erleben. Es besitzt alle Schwächen seiner früheren Arbeiten, aber keinen einzigen Vorzug derselben. — Wenn man alt geworden und der Welt nichts mehr zu sagen hat, dann soll man eben schweigen. Was uns Hausrath diesmal bietet, ist eine populäre Bearbeitung von Vorlesungen aus den Jahren 1862 bis 1906, gehalten an der Universität Heidelberg. Und es ist wahrlich kein Wuicher, daß die modernen, aus solcher Schule hervorgegangenen Theologen keine Friedensapostel geworden. — Aber nicht bloß die Theologen, auch die gebildeten Laien will er jetzt für seine Geschichtsauffassung erobern: er will mit Hilfe der Religionslehrer und Prediger auf die Schule, auf die Heranwachsende Jugend wirken. „Mit den Religionslehrern", sagt er in der Vorrede, „den Stoff für den Unterricht, mit den Predigern den geschichtlichen Hintergrund ihrer Terte erwägen, war meine Absicht, vor allem aber möchte dieses Buch gebildete Laien einführen in die Probleme der ältesten Kirchengeschichte." — Und darin liegt die Gefahr dieses Buches! Den fachkundigen Gelehrten wird es nicht zu überzeugen vermögen: wohl affer kann es in dem Halbgebildeten, mit dien Quellen Unvertrauten schädliche Vorurteile erwecken. Und es ist heilige Pflicht, diese aufzuklären. Es ist ein unaustilgbares, bis zur Manie gesteigertes Vorurteil, von welchem Hausrath und seinesgleichen beherrscht sind, daß das Judentum als solches von ingrimmigem Hasse gegen das entstehende Christentum, das doch „um das Gesetz eiferte", erfüllt war. Und so lassen sie alle Verfolgungen, die das junge Christentum auszustehen hatte und die historisch nachweisbar fast ausschließlich aus seiner eigenen Mitte erregt wurden, da es gleich in Sekten zerklüftet in die Welt trat, von Juden ausgehen. Und welches sind die Beweise für eine so verkehrte Darstellung? Die evangelische und die Apostel-Geschichte. Andere Quellen gibt es nicht. Was nun die erstere anbelangt, so weiß heute jeder nur halbwegs Eingeweihte, daß sie Umarbeitungen des von der nazaräischen Gemeinde Jesu überlieferten Urevangeliums bietet, deren letzte Redaktion ins zweite Jahrhundert, also in eine Zeit fällt, wo das Christentum bereits aus dem Judentum heraus und tief ins Heidentum hineingewachsen war, wo es, um das letztere zu gewinnen, dieses mit aller Liebe umfing und allen Haß und alle Erbitterung gegen das ungläubige Judentum kehrte: wo der blutige Pilatus in eine sanfte, lammfromMe Seele umgestaltet wurde, die ihre Hand in Unschuld wusch: die Juden aber und ihre Schriftgelehrten zu blutgierigen Henkern gemacht wurden. Und diese tendenziösen Berichte sollen als authentische historische Darstellungen gelten! Und die Apostelgeschichte, deren Tendenz offenkundig dahin geht, die zwischen dem jüdischen und heidnischen Christentum gähnende Kluft zu überbrücken, den Paulus petrinisch und Petrus paulinisch sein zu lassen, so daß nach ihrer Darstellung es einen tieferen Gegensatz im Christentum nicht mehr gab, sondern nur einen solchen zum Judentum, von welchem alle Verfolgung ausging, ist wohl auch kein völlig unverdächtiger Zeuge. Und doch muß sie selbst zugeben, daß die Gesinnung der führenden jüdischen Schriftgelehrten gegen das im Entstehen begriffene Christentum keineswegs eine gehässige gewesen. Sie zeichnet diese Stimmung wahrheitsgetreu in dem beschwichtigenden Auftreten des Schuloberhauptes R. Gamaliel gegenüber der gegen die Apostel erbitterten Menge, der er in sanftmütiger Rede zurief: „Dassel ab von diesen Menschen und laßt sie fahren. Ist der Rat oder das Werk aus den Menschen, so wird es untergehen: ist's aber aus Gott, so könnt ihr's nicht dämpfen, auf daß ihr nicht erfunden werdet als die wider Gott streiten wollen." Wer die echten pharisäischen Schriftgelehrten aller Zeiten kennt, der weiß, daß ihre Gesinnung gegen das Christentum hier naturgetreu gezeichnet ist. Aber die zeitgenössischen talmudischen Quellen enthüllten doch wohl die gehässigsten Angriffe auf Jesus und das Christentum? Und da wären wir denn an einen Punkt gelangt, wo wir bekennen müssen, daß auch jüdische Theologen vieles verschuldet haben. Diese konnten es nämlich nicht begreifen, daß der Talmud, aus welchem Gesetzeslehrer aus der Zeit Jesu zu uns sprechen, von diesem und dem entstehenden Christentum nichts sollte berichtet haben! Sie gingen von der irrtümlichen Voraussetzung aus, daß

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