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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 8)
Language
German
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«eite 64 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 4 jüngster Zeit ist die Frage der Besiedlung Mesopotamiens wurden. Sie haben keine erklusivistischen Prätentionen durch Juden in den Kreisen der im Vorjahre in Berlin und unterhalten keine politischen Beziehungen jenseits der gegründeten „Allgemeinen jüdischen Kolonisationsorga- Grenze desjenigen Landes, in welchem sie leben. Schon nisation" aufgetaucht. Zu den eifrigsten Verfechtern dieser infolge ihres nationalen Charakters sind sie vollständig Idee zählt Dr. Hermann Landau in London, der frei von Chauvinismus und haben nur ideale Aspiravor kurzem in einer gut besuchten Versammlung in London seine Idee mit viel Wärme verteidigte. Es ist also nicht unwichtig zu erfahren, wie sich die türkischen Kreise zu einem solchen Projekte stellen würden. Wir sind nun in der Lage, hier die Anschauungen maßgebender ottomanischer Kreise über diese Frage aus allerjüngster Zeit zu reproduzieren. Das jungtürkische Organ „Jeni Assr" in Salonichi beschäftigte sich vor einigen Tagen an leitender Stelle mit der Zukunft Mesopotamiens und führt aus: „Die Optimisten wiegen sich jetzt in süßen Träumen. Sie sehen unser Land bereits in ein Paradies auf Erden umgewandelt. Es ist allerdings wahr, unser Gebiet ist riesengroß und unser Boden enthält unermeßliche Schätze. Wir brauchen nur eine energische und gewissenhafte Regierung, um die natürlichen Reichtümet unseres Bodens zum Nutzen des Landes auszubreiten. Heute könnte nur die Regierung hindern, einen Volksreichtum zu schaffen. Es genügt, die Arbeit zu wollen und das Resultat wäre unausbleiblich. Leider wird der schöne Traum, unser Land in ein irdisches Paradies umgewandelt zu sehen, noch lange unerfüllt, unsere ausgedehnten Gebiete werden noch lange Zeit in ihrem gegenwärtigen erbärmlichen Zustande bleiben müssen. Und al? dies aus dem einfachen Grunde, weil es uns an Bewohnern fehlt. Es fehlt uns an kräftigen Händen und Armen, die uns die Erde schon so lange eifersüchtig verborgen hält, zu heben. Vergleichen wir einmal unser Land mit anderen Ländern und wir werden bald zur Ueberzeugung gelangen müssen, daß wir unendlich arm an Bevölkerung sind. Unsere Bevölkerung ist zehnmal weniger dicht als diejenige Frankreichs, wo über all zu große Dichtigkeit der Bevölkerung geklagt wird. Frankreich zählt 40 Millionen Einwohner auf einem Flächenmaße von 526.408 Quadratkilometer, während wir 25 Millionen Einwohner auf 3V2 Tausend Quadratkilometer zählen. Unser Land ist demnach fast leer und wüst, und wir bedürfen noch eines Zuflusses von Millionen und Millionen Menschen, um alle unsere Schätze, um die uns Europa beneidet, entsprechend ausbeuten zu können. Nehmen wir z. V. an, wir wollen daran gehen, unser berühmtes herrliches und einst so fruchtbares Mesopotamien zu restaurieren, woher sollen wir die Millionen Bewohner nehmen, die dazu unerläßlich sind, woher sie ausnisten? Es liegt nahe, daß wir gezwungen sein werden, Emigranten aus der Fremde heranzuziehen, was kann aber eine Regierung unternehmen, deren Finanzen ruiniert sind? Kann man in einer solchen Situation die Kosten der entsprechenden Installierung der Einwanderung auf sich nehmen? Und ferner, welcher Nationalität sollen diese Einwanderer angehören? Unser Land gleicht heute schon dem Turm von Babel, wir beherbergen heute schon Angehörige von 21 verschiedenen Nationalitäten. Und haben wir denn nicht schon genug nationale Streitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten unter den Rassen ja, oft sogar blutige Kämpfe, die dem nationalen Chauvinismus entspringen? Unserer Ansicht nach gibt es nur ein Element, das dieses Land bevölkern könnte, ohne dem Staate bedeutende Kosten aufzuerlckgen und ohne die nationalen Schwierigkeiten zu vermehren, und das sind die Juden. Zehn Millionen Juden leben zerstreut in den verschiedenen Zivilisationszentren. Alle sind sie mit Leib und Seele der Scholle Mgetan, auf welcher sie geboren rationen. Es gibt in Europa mehrere jüdische Gesellschaften, deren Zweck es ist, die vielen Tausende von Juden aus Rußland, Marokko, Persien. Galizien usw., wo sie fanatischen Verfolgungen ausgesetzt sind, herauszuholen. Besonders erinnern wir uns an die Jca, die in Argentinien bereits große, mit allen modernen Einrichtungen versehene Kolonien ins Leben gerufen hat. Diese Gesellschaft, die viele Millionen zur Verfügung hat, wäre, unterstützt durch die übrigen jüdischen Gesellschaften, in der Lage, in unserem fruchtbaren Lande sehr große und vorzüglich organisierte Kolonien zu gründen. Vor ungefähr vier Jahren sind die Führer dieser Organisationen mit der despotischen Regierung in dieser Angelegenheit in Unterhandlungen getreten und haben günstige Zusagen und sehr wichtige Konzessionen erhalten. Der Anblick des Despotismus scheint ihnen jedoch einen Schrecken vor unserem Lande eingejagt zu haben. Sie wagten es nicht, ihre Brüder einer despotischen Regierung anzuvertrauen. Heute aber besitzen wir eine Konstitution, und wir halten sie recht fest. Der Despotismus ist für einige Zeilen verschwunden. Gibt es nun noch irgend einen plausiblen Grund, der die Tausende von Juden, die nach fernen Gebieten auswandern, zurückhalten könnte, hierher zu kommen und ihre fruchtbare Arbeit, ihre unermüdliche Agilität, Intelligenz, Ausdauer und physische Kraft, die ihnen überall den Erfolg sichert, hier zu verwerten? Sollten die unerschöpflichen Schätze, die unser Boden in sich birgt, und die sprichwörtliche Toleranz der Türkei ihnen nicht Gewähr genug bieten, um sich hier angezogen zu fühlen? Wir sehen wahrhaftig keine Mißhelligkeit und kein Hindernis, das diese braven, wackeren Leute noch abhalten könnte, ihren Wanderweg zu uns zu nehmen. Unsere neue Regierung, welcher die moralische und materielle Hebung aller Teile unseres Landes am Herzen liegt, könnte ein Versuch in dieser Richtung zu einem guten Ende führen. Auch unsere jüdischen Mitbürger könnten anfangen, ihren westlichen Brüdern den einzig guten und richtigen Weg vorzuzeichnen." . . . So weit „Jeni Assr". Der von ihm ausgesprochene Gedanke hat auch in anderen türkischen Kreisen lebhaften Widerhall gefunden. Zwei Konstantinopler Blätter „Stambul" und „Moniteur Oriental", die durchaus nicht im Rufe überschwänglicher Iudenfreundlichkeit stehen, haben den Artikel des „Jeni Assr" vollinhaltlich abgedruckt und die in demselben ausgesprochene Idee als eine äußerst beachtenswerte bezeichnet. Die Wehrpflicht der Juden iu der Türkei. Saloniki. Unter den hiesigen Juden, die den Hauptbestandteil der Bevölkerung Salonikis bilden, hat es unliebsames Aufsehen erregt,, daß in dem Expose des Großwesiers Kiamil Pascha nur von der Zulassung der türkischen Christen in die Militärschulen die Rede ist und nicht auch von der Zulassung der Israeliten, Die hiesigen Spaniolen werden infolgedessen eine große Volksversammlung einberufen, in der die israelitischen Deputierten Emanuel C a r a s s 0 (Saloniki), Nissim M a s l i a ch (Smyrna) und F a r a g g i (Konstantinopel) aufgefordert werden sollen, in dieser Angelegenheit beim Großwesier vorstellig zu werden. Saloniki. Die jüdischen Lastträger und Bootsleute, welche fast die gesamte Hafenarbeiterschaft ausmachen, verweigern ihre Mithilfe zur beabsichtigten Verhängung

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