Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 62 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 4 Die Angelegenheiten der Verwaltung werden von ihnen geleitet, die öffentliche Moral von ihnen normiert. Selbst die Wirksamkeit der Propheten und ihr Auftreten ist von ihnen abhängig. Infolge dessen gerät die ganze Gerichtsbarkeit in ihre Gewalt, wodurch eine allgemeine Korruption unausbleiblich ist. Das Königtum sinkt zur Ohnmacht herab, der Herrscher ist nur ein Schattenkönig. Der Regent ist ein Spielball in den Händen der Fürsten und Heerführer. Die mündliche Ueberlieferung erzählt folgende Episode aus dem Leben des Königs Jehojakim, welche ein historischer Reflex jener Zeit ist". Es wird berichtet: Als Nebnkadnezar hinaufzog, Jerusalem zu zerstören, da schlug er sein Lager in Antiochien auf Da kamen zu ihm die Mitglieder des großen Sauhedrion und sprachen: Die Zeit des Unterganges dieses Heiligtums ist bereits gekommen. Er aber sprach zu ihnen: O, nein. Nur Jehojakim empörte sich gegen mich, liefert mir ihn aus, so werde ich von dannen ziehen. Da gingen sie zu Jehojakim und sprachen zu ihm, Nebnkadnezar fordert deine Auslieferung. Da erwiderte er ihnen: Ist das ein gerechtes Verfahren? Man will das Leben durch den Untergang eines Lebens retten? Ihr weihet mich dem Untergang, um euer eigenes Leben zu erhalten rc. Als er ihnen nicht gehorchen wollte, da bemächtigten sie sich seiner Person und übergaben ihn. (Wajikra Rabba 19. Vergl Schemot Rabba 94.) 2V'i nSy ns a'-.nnb ->^12125 nbyw ]V2 ne« y*yn iS neas ws"ipS nbna mv b& :,Tjn *2 *nc c’p'in» nes 22rri? nr n\2 'oer -es "}•? ^2 *1X3*12123 D'p'l.T^ if? pCXl l^X» \S2 iS -t«ä2 pe”pei pn'i is>B3 ^bq tPB3 pnn ywy *p pnS ♦vnStyWi imbe3i nev yets> p'2 p2 Das Staatsoberhaupt hat keine eigene Initiative mehr, traut sich nicht, eigene Entschließung zu fassen, ja wagt es nicht ein Mal, Propheten, die Verkünder der Wahrheit, zu empfangen, aus Furcht vor den andersdenkenden Großen. So läßt König Zidkijahu den Propheten Jeremias nicht in den Palast, sondern in die dritte Abteilung des Tempels geheim kommen, um sich mit ihm zu beraten, und beim Fortgehen sprach er zu ihm: „Niemand darf von unserer Unterredung etwas wissen. Und wenn die Fürsten hören werden, daß ich mit Dir gesprochen habe, und kommen und zu dir sagen werden, teile nns mit, was du mit dem König geredet Haft, leugne es nicht, so werden wir dich nicht töten. So sollst du ihnen sagen, ich habe den König angefleht, daß man mich nicht in das Haus Jonathans zurückbringe, damit ich nicht sterbe." (Jeremias 38, 24—27.) Die Aristokraten mißbrauchten ihr Recht nach allen Richtungen, indem sie sich auf Kosten des Volkes bereicherten. Sie rissen große Strecken der Ackerflächen an sich und schränkten den Besitz der Bauern und Winzer immer mehr ein, so daß das Eigentum an Grund und Boden der bäuerlichen Bevölkerung auf ein Minimum reduziert wurde. (Jesajas 5, 5.) Auch vergriffen sie sich an der persönlichen Freiheit der Bauern, indem sie sie zu Sklaven machten. (Jeremias 34.) Die Herrschaft der Aristokraten hat unhaltbare Zustände geschaffen, führte eine allgemeine Not und eine agrarische Katastrophe herbei und hat mit zum Untergange des Staates beigetragen. Die herrschenden Familien, welche mit einem Teile der Bevölkerung exiliert wurden, setzten in Babylonien, wo ihnen Nied rlassuugsdistrikte angewiesen wurden, ihr herrschsüchtiges und ausbeuterisches Treiben fort. Der König Jehojakim war jetzt wirklich nur ein Scheinköuig, der von der Gnade Emil Marduks sein fürstliches Dasein fristete. Die herrschenden Familien aber, welche über große Besitztümer verfügten, nahmen im öffentlichen Leben Babyloniens eine hervorragende Stellung ein. Und wenn von ihnen an eine Restauration des jndäischen Staates gedacht wurde, so haben sie sich denselben nicht anders als in der Gestalt vorgestellt, welche derselbe vor seinem Untergange hatte. Und als Serubabel an der Bildfläche erschien, so haben sie ihn ebenfalls nicht anders als eine Repräsentationsfigur, als ein bloß scheinbares Staatsoberhaupt angesehen, als einen König, der sich mit den Emblemen der Herrscherwürde, mit dem Thron des Königs Davids, mit Szepter und Diadem begnügen, der aber tatsächlich das Staatsregiment ihnen, wie in alter Zeit überlassen würde. Von solchen Intentionen erfüllt und von den Umständen begünstigt, konnten sie ihrer Selbstsucht und Herrschsucht ungescheut im Exil fröhnen. Aber der Charakter, die Gemütsbeschaffenheit, die Seelenstimmung des neuen Regenten waren unbekannt. Wohl wandelte er unter ihnen einher, wohl bewegte er sich in ihrer Mitte, wohl nahm er regen Anteil an den Angelegenheiten seines Volkes, wohl stand er auch im Vordergründe bei den geheimen Unterhandlungen mit Kyros. Aber sein ganzes Wesen war wie von einer Wolke umgeben, von einem undurchdringlichen Schleier eingehüllt, welchen erst die Zukunft lüften sollte. Man wußte nichts von seinen politischen Ansichten, von seinen Vorstellungen von dem jndäischen Zukunftsstaate. von seinen Plänen. Aber einige Andeutungen auf seine Staatsauffaffung sind in einer Strafrede des Exilspropheten Ezechiel doch enthalten, die er gegen das frevlerische Gebühren der herrschenden jndäischen Familien in Babylonien richtete. „Menschensohn", so lautet an ihn das Wort Gottes, „weissage über die Hirten Israels und sprich zu ihnen; so spricht der ewige Gott, wehe, Ihr Hirten Israels, die es weiden, fürwahr die Schafe müßten die Obhut über die Hirten haben ... Ich werde über sie einen Hirten setzen, der sie weiden wird, meinen Diener David, er wird sie weiden, er wird ihr Hirte sein." ..Ich, der Ewige, werde ihr Gott sein und mein Diener David wird Fürst in ihrer Mitte sein, ich, der Ewige habe es ausgesprochen. Ich werde mit . ihnen einen Bund des Heiles schließen. Sie sollen erkennen, daß ich, der Ewige, cs bin, der die Stangen ihres Joches zerbrochen und sie von denjenigen gerettet hat, die sie dienstbar machten." (Ezechiel 34, 1—11, 22, 25, 27.) In der Bezeichnung Hirte im Sinne Davids ist die geistige Richtung Serubabels angegeben. Nach der Rückkehr der Exulanten nach Judäa schickten sie sich an. ihr altes Verfahren fortzusetzen. Den Regenten wollten sie unter ihren bestimmenden Einfluß setzen, die niederen Volksschichten, die Bauernbevölkerung unter ihre Botmäßigkeit stellen. Bei dem Fehlen des Interesses der Chronik und der Bücher Esra und Nehemias am politischen Leben, indem sie vorzugsweise nur die jüdische Kirchengeschichte im Auge haben, bei dem völligen Mangel an historischen Nachrichten können nur durch eine Parallele mit den zwar fragmentarischen, aber verbürgten Ueberlieserungen aus der Zeit Nehemias die politischen und sozialen Zustände dieser Epoche annähernd erraten werden. Wenn während des Erscheinens Nehemias die Großen und Fürsten einen so großen Einfluß bereits erreicht haben, so werden dieselben zur Zeit Serubabels den Anlauf genommen haben, ihn zu erreichen. Und wenn unter der Statthalterschaft Tirschatas die Korruption der herrschenden Familien den Höhepunkt erreicht hat, daß Nehemias mit Staatsgewalt derselben entgegentreten muß, um einen allgemeinen agrarischen und ökonomischen Ruin zu verhüten, so sind die Anfänge dieses Ausbeutungssystems bereits unter der Regierung Serubabels vorhanden gewesen. Serubabel war aber nicht der Manu, der das eine oder das andere gleichgültig geschehen ließ. Im Gegenteil. Aus den Umrissen seines Charakters in den prophetischen Darstellungen erscheint er als ein Fürst, der die höchsten Vorstellungen von seiner ihm zuteil gewordenen Mission hatte. Er sah sich als den Regenerator seines Volkes, als den Wiederhersteller der alten, hohen Auffassung vom Staate, als den Erneuerer des alten,- sittlichen