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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 60 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 4 sich zuerst regelrecht in Jerusalem durch Aufenthalt naturalisiert hatte? Nein. Wenn Palästina je erivorben wird, so muß die Erwerbung nach den Zügen der Itoformel und nicht nach der nationalistischen Formel der Zionisten geschehen. Es muß für diejenigen Juden erworben werden, „die in den Ländern, in denen sie jetzt weilen, nicht bleiben können oder wollen", nicht aber „für das jüdische Volt", dessen größter Teil da nicht wohnen würde, wenn er es auch könnte, oder da nicht leben könnte, wenn er es auch wollte. Die weiteste politische Hoffnung für Juden — selbst wenn das Territorium Palästina sei — ist von Territorialismus begrenzt, und Zionismus wird entweder territorialistisch oder wird nichts sein. Vom Aabrmarlrt des Lebens. Das Erdbebeu-Gebet für Saron. Es ist bekannt, daß die alten Völker mancherlei Sagen hatten, die von Erdbeben und ihren Ursachen erzählten; weniger bekannt ist vielleicht, daß die Juden noch eine besondere üeberlieferung haben, die sich auf Schüttergebiete in Palästina bezieht, von denen man durch die Wissenschaft sonst nichts hört. Solange der Tempel in Jerusalem bestand, verrichtete der Hohrpriester am Versöhnungstage nach der allgemeinen Entsühnungsseier ein besonderes Gebet für die Bewohner der Tiefebene Saron; es lautete: „Mögen ihre Häuser nicht ihre Gräber werden!" Man kann daraus schließen, daß in der Ebene Saron, die sonst nur wegen ihres üppigen Reichtums poetisch verklärt wird, Katastrophen wie jetzt in Süditalien häufig waren. Das Gebet wird noch heute in allen Synagogen am Versöhnungstage im Mittags-Gebete nach der poetischen Betrachtung über den Tempeldienst und die Würde des Hohepriesters in einfacher Prosa erzählend wiederholt. Jedenfalls kann man dieses Geblt nicht kürzer und treffender fassen, wenn man bedenkt, daß irn Hebräischen „Mögen ihre Häuser nicht ihre Gräber werden", in nur vier Worten ausgedrückt wird. Stöcker als — Spekulant! 2m Wahlkampf, wenn die sonst so friedlichen antisemitischen Brüder verschiedener Richtung sich gegenübertreten, um sich gegenseitig Stimmen wegzufangen, entschlüpft ihnen manch wertvolles Geständnis, das sonst nicht in die Oeffentlichkeit dringen würde. 2n reichem Maße geschieht das jetzt in Deutschland. Die Christlichsozialen, die mit ihren Parteigrundsätzen keine Wähler werben können, begeben sich auf das persönliche Gebiet und reißen die gegnerischen Parteien und Kandidaten herunter. Der nationalliberale Kandidat wurde als Direktor des Schaffhausener Bankvereins ständig mit der Bohrgesellschaft Erklanz verquickt und für die 500 Prozent Dividenden verantwortlich gemacht. Darauf antwortete die nationalliberale Partei mit einem Flugblatt, das über Stöckers Spekulationsgeschäfte recht erbauliche Aufklärungen enthält: „An der 1899 gegründeten Kalibohrgesellschaft „Adolf-sGlück" hat sich Herr Hofprediger a. D. Stöcker 1900 mit 100 Anteilen beteiligt. Er hat die Anteile damals zu 100—120 Mark erworben. Um die Jahreswende 1904/05 verkaufte Herr Stöcker dann seine Anteile hintereinander für. 1200—1300 Mark, d. h. also die im Besitz des Herrn Hofpredigers a. D. Stöcker befindlichen Kaliwerke sind in jenen vier Iahren um rund 1100 Prozent im Werte gestiegen. Unter Berücksichtigung der Zubußen hat Herr Stöcker bei dieser großkapitalistischen Spekulation über 100.000 Mark persönlich eingestrichen. Daß aber Herr Stöcker auch bereit war, das spekulative Interesse der Bohrgesellschaft zu unterstützen, ergibt die Tatsache, daß, als im Jahre 1904 die Gemarkung „Vesbeck" angeschlossen werden sollte zum Zwecke der Kurstreiberei, Herr Stöcker die dazu erforderlichen Barmittel von 30.000 Mark allein geliehen hat. Der Wert der Anteile, für die Herr Stöcker 1200 bis 1300 Mark erzielte, ist heute so tief gesunken, daß kein Zweifel bestehen kann über die Uebertriebenheit der Kalispekulation „Adolf-Elück", an der Herr Stöcker über 100.000 Mark verdient hat, während die späteren Käufer und Besitzer aber naturgemäß hereingefallen sind. Man sieht, daß der Prediger gegen den gottlosen Mammon es recht gut verstanden hat, sich Schätze zu sammeln, und daß der Mann, der gegen die Genußsucht der Arbeiter donnerte, sich die Mittel beschaffte, seine eigenen Genüsse zu befriedigen. Juden als Vorkämpfer der Sklavenvefreiung. In einer Broschüre von Leon Hübner finden wir interessante Details über den Anteil europäischer Juden an dem Sklavenbefreiungskriege im Staate Kansas. Die Majorität der Bevölkerung war wohl gegen die Sklaverei, aber die Behörden unterhielten starke Truppen, um das Volk in Schrecken zu halten. Die „Vorder Ruffians" verübten die unglaublichsten Gewaltakte. 2n diesem kritischen Momente erschien der berühmte Feldherr John Brown mit seinen Freiwilligen vor Osawatomie. Unter seinen Offizieren befanden sich auch drei Juden: Theodor Wiener, ein Pole, Jakob Benjamin aus Böhmen und August B o n d i aus Wien. Bondi wurde im Jahre 1833 in Wien geboren, genoß eine gute Erziehung und schloß sich, kaum 15 Jahre alt, der akademischen Legion an. Bald darauf wanderte er mit seinen Eltern nach Amerika aus. Im Jahre 1855 siedelte sich die Familie in Kansas an. Wiener und Benjamin eröffneten in Kansas einen Geschäftsladen, und da sie von Anfang an sich der Bewegung gegen die Sklaverei angeschlossen hatten, waren sie den Behörden, die sich durch die Sklaverei bereichert hatten, ein Dorn im Auge. Als später John Bro'wn im offenen Kampfe gegen die Sklavenhalter trat, widmete sich August Bondi mit seinen Kameraden Wiener und Benjamin ausschließlich diesem edlen Befreiungswerke. In allen Feldzügen konnte man August Bondi in den ersten Kampfreihen sehen, und sein heldenmütiges Verhalten lebt auch heute noch im Gedächtnisse der Bevölkerung des freien Kansas. Der Siegeszug eines galizisch jüdischen Dramendichters. Nemo propheta iii p.itria sua! An niemanden bewahrheitet sich dieses alte Sprichwort so oft und so fühlbar wie an einem jüdischen Talent, besonders wenn es das Schicksal will, daß dieses jüdische Talent Galizien seine Heimat nenne. Ein junger Schriftsteller, Leopold Kampf, hat ein Drama geschrieben und sein Name ist heute, man kann sagen in der ganzen Welt bekannt. Kampf ist heute erst 27 Jahre alt, in der Literatur noch ein homo novus, aber er hat bereits alles erreicht, was ein Schriftsteller nur zu erträumen oermag: Ruhm, Anerkennung und — materiellen Erfolg. Sein Drama wird in einem der ersten Theater von Paris aufgeführt und erreicht in einer Saison 180 Vorstellungen. Zur selben Zeit wird das Theaterstück auch auf zahlreichen europäischen und amerikanischen Bühnen mit großem Erfolge gegeben: es geht in Deutschland, Italien, Frankreich, Spanien, Holland und Amerika in Szene. Das Drama erscheint in Buchform in deutscher Sprache und wird bald darauf ins Französische. Englische (sogar dreimal), Russische, Jüdische und sogar ins — Chinesische übersetzt. Und der Autor dieses Dramas ist Jude, und zwar ein galizischer Jude und wohnt — in Krakau. Leopold Kampf wurde in Krakau geboren und hat auch daselbst seine Erziehung genossen. Dort absolvierte er das Gymnasium und die Universität, wo er auch zum Doktor furia promoviert wurde. Unter dem Eindrücke der russischen Revolution verfaßte Kampf vor zwei

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