Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-22 · 4 (22.1.1909) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
4 (22.1.1909)
Date
1909-01-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021818-3021823--18008-3042913
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 58 De. Blochs Wochenschrift. Nr. 4 stets vereinigt, um die löblichsten Absichten der westlichen Juden zunichte zu machen. Und nun gehen sie auch daran, die geplante Ralliierung der jüdischen Gemeinden Oesterreichs zu zerstören. Ob die einflußreicheren Elemente, die diesmal mit den Chassidim Hand in Hand gehen, sich der großen Verantwortlichkeit bewußt sind, die sie durch ein solches Beginnen auf sich laden? Ich bezweifle es. Denn sonst müßten sie es wissen, daß sie durch ihren Widerstand die westlichen Juden in die Zwangslage drängen, sich selbständig zu organisieren und sich mit dem Gedanken abfinden zu müssen, daß die galizischen Juden sich selbst überlassen bleiben wollen. Die westlichen Juden hätten natürlich nichts dagegen einzuwenden und würden es nur mit Freuden begrüßen, wenn die galizischen Juden aus eigener Kraft ihre Lage menschlicher gestalten könnten, weil sie dann auch reif für eine Gesamtorgauisation der Juden Oesterreichs würden. Die westlichen Juden können und wollen aber nicht bis zu diesem, leider noch allzu ferne liegenden Zeitpunkte warten. Sie werden gezwungen sein, ihre eigenen Wege zu gehen. Einer aus dem Westen. Der Zehn-Millionen Skandal. Was sich die Christlich-Sozialen erlauben dürfen, ohne daß. sie der Unwille der Wähler in dem Schlamm zurückspült, aus dem sie gekommen sind, ist ein Armutszeugnis für Oesterreich. In jedem anderen Staate würden bereits Regierungskommissäre die Verwaltung übernommen haben, um die Bevölkerung vor zukünftigen Räubereien zu schützen und Untersuchungsrichter würden sich mit den bereits begangenen beschäftige». Auf viele Jahrzehnte hinaus wurden von den Rettern des christlichen Volkes, deren Führer zu Dutzenden über Jahreseinkünfte von 20- bis 40.000 Kronen verfügen, eine unerträgliche Steuerlast aus die gerettete und ungerettete Bevölkerung gewälzt. Die Schulden der Stadt Wien wurden um das Achtfache, auf fast 900 Millionen Kronen erhöht, die Landesumlagen wachsen unheimlich von Jahr zu Jahr. Was wurde dafür geleistet? Die Stadt Wien vermag ihre laufenden Ausgaben aus den laufenden Einnahmen nicht zu decken, die sozialdemokratische Opposition hat den Beweis erbracht, daß aus dem letzten Anlehen Bedürfnisse bestritten wurden, die sonst immer nn ordentlichen Budget vorgesehen sind. Unternehmungen werden angekauft, die entweder mit einem Defizit arbeiten, wie das städtische Brauhaus, oder mit einem Nutzen, der in gar keinem Verhältnis steht zum Millionenprofit der ursprünglichen Besitzer, wie zum Beispiel die Tramway. Die Straßen ersticken in Schmutz, die Verkehrsmisere will nicht aufhören, in harten Wintern erfrieren Dutzende armer Teufel aus Mangel an Asylen, die Wasserleitung wird so langsam gebaut, daß Wassernot eintritt, die Preise von Wohnungen, Werkstätten und Lebensmittel aber fliegen in die Höhe und der Bürger muß für die Zinsen der fabelhaften Anleihen bluten, als würde man ihm ein Leben voll Luxus bieten. Genau dasselbe im niederösterreichischen Landtag, der seiner Zusammensetzung nach eine vergrößerte Wiener Gemeindestube ist. Der ungeheuere Verbrauch einer Lotterwirtschaft, die Millionen verschlingt und als Gegenleistung nur die Nullen wiedergibt. Die Steuerzahler werden bestenfalls bedient wie von den Liberalen und der ganze Unterschied zwischen einst und jetzt liegt bloß in den fabelhaft vermehrten Kosten. Woher das kommt, ist leicht erklärlich. Die christlichsoziale Partei ist nichts anderes als eine ungeheuere Versorgungsanstalt. Jeder ihrer Würdenträger versorgt nicht imr seine Verwandten bis ins zehnte Geschlecht, sondern auch seine politischen Anhänger und Freunde. Wer immer bei den Wahlen Dienste geleistet hat, präsentiert nachträglich seine Rechnung und sie wird ihm auch bezahlt nach dem Grundsatz, daß das Wichtigste für eine Partei zufriedene Agitatoren sind, die für ihr Brot arbeiten. Aus eigener Tasche kostet ja die Abspeisung der Helfer nichts. Auf Kosten der Steuerträger werden die bestehenden Aemter mit Freunder!« und Nepoten vollgestopft, werden Unternehnumgen für sie erworben, in denen sie untergebracht werden, wird bei Lieferungen emsig auf sie Bedacht genommen. Mit solcher Sicherheit rechnen christlich soziale Parteigänger auf ihre Entlohnung, daß vor einiger Zeit erzählt werden konnte, ein Pflasterermeister habe ohne Auftrag ganz gutes Pflaster ausgebesfert und habe im Rathaus Bezahlung dafür bekommen. Wir wissen nicht, ob diese Geschichte wahr ist, Tatsache aber ist es, daß bei jeder geschäftlichen, christlichsozialen Unternehmung Histörchen aufflattern, wer wieder dick daran verdient, daß die Führer der Partei mit wenigen Ausnahmen sich die Taschen vollgestopft haben und daß bei einer Reihe von Gerichtsverhandlungen festgestellt wurde, daß man die Beamten der christlichsozialen Unternehmungen ohne Rücksicht auf ihre Notwendigkeit und Fähigkeiten bloß nach ihren agitatorischen Fähigkeiten ausgenommen hat. Daß dadurch eine kostspielige Verwaltung entsteht, die ihren Aufgaben in keiner Weise gewachsen ist, ist wohl klar. Es ist eine kolossale Krippe, welche die Steuerzahler mit dem Ergebnis ihrer schweren Arbeit füllen, und es wird gierig daraus gefressen. Was aber jetzt in der niederösterreichischen Landesverwaltung geschehen ist, ist selbst in der Geschichte der christlichsozialen Korruption ganz unerhört. Beim Bau der Irrenanstalt Steinhof wurde eine Ueberschreitung der Baukosten um zehn Millionen Kronen begangen. Bei einer einzigen Anstalt ein Fehlbetrag, ein Rechnungsirrtum, der das Zehntel vom Jahresbudget eines Balkanstaates beträgt. Wohlgemerkt, das sind noch nicht die Kosten, sondern nur deren Ueberschreitung! Zehn Millionen Kronen, deren Verzinsung eine halbe Milllon beträgt, wurden „irrtümlich" oder eigenmächtig bei einem sonst nicht gerade hervorragenden Posten, für einen kleinen Bruchteil der öffentlichen Krankenpflege ausgegeben. Dieselbe Kostenüberschreitung bei den anderen Posten und wir haben das halbe Budget der diesseitigen Reichshälfte im Lande Niederösterreich. Lebten wir in halbwegs normalen politischen Zeiten, so würden die Schuldtragenden dem ordentlichen Gericht oder wenigsten dem Gericht der öffentlichen Meinung anheimfallen, würden nie mehr wagen, den Kopf zu erheben. Was aber kann man von einer Partei erwarten, au deren Wiege Fälscher und Defraudanten gestanden sind? Mit einer Frechheit, welche das Bewußtsein des Einflusses bei Hof und Regierung eingibt, stehen die Christlich-Sozialen im Landtage auf und suchen die ganze Sache als Lappalie hinzustellen. Sie reden hin, sie reden her, aber eine geordnete und begründete Rechnung vermögen sie so wenig zu geben, daß allgemein von großen Diebstählen gesprochen wird, welche auch die einzige hinreichende Erklärung geben. Noch niemals haben übrigens der-Liberalismus und die Wiener Sozialdemokratie solche Zeichen ihrer Schwäche gegeben, wie anläßlich des großen Landtagsskandales und der ungeheuren Schlamperei in der Gemeindestube. Was hätte nicht seinerzeit Lueger und Genossen darum gegeben, wenn ihm die Liberalen so ungeheuere Ziffern der Korruption und Verschwendung als Agitationsmaterial geboten hätten! Aus jedem Stadtratsneffen in städtischen Diensten, hätten sie eine Broschüre gemacht, aus jedem leichtsinnig verausgabten Steuergulden eine Versammlung, aus dem Gemeindeanlehen und dem Landtagsskandal vernichtende Feldzüge. Heute aber sehen wir in den christlichsozialen Vertretungskörpern nur eine laue, ungeschickte und mit halbem Herzen geführte Opposition, es wird keinerlei Versuch gemacht, die Oeffentlichkeit aufzuklären und aufzurütteln, obwohl das jetzt nicht schwer fallen könnte, da doch die wichtigsten Interessen der Bürgerschaft auf dem Spiele stehen. Aber anstatt daß die bewährten Männer der Freisinnigen aus dem Parlamente ausrücken, um die christlichsoziale Korruption in ihrem

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.