Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 4 (22.1.1909)
- Date
- 1909-01-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 4. DfV Bloch’s Jahrgang XXVI Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums. o G~-.- =-o o? K. ft. Postsparftassrnamk Llearing-Verkrebr Nr. 810.976. Redaktion und Administration: ü> i c n IX/i, Hahngaffe 9lr. 15. l) Telefon Nr. 14.847. oQ-- ■ -Q o Wir», 22. Jiinnkr 1909 LrstLeLntjeden Freitag. Brief-Adresse: Wien. IX/i, Hahngaffe 15. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift. Wien. OG- -~0° p Verngsprris für Srflrrrrich: Halbjährig 8 Kronen: Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeigen: Die 4mal aespallene Petitzeile 24 Heller. O P— ■ -- -.—D O Inhalt: Leitartikel: Die Gegner der Gesamtorganisatiou. — Der Zehn-Millionen-Skandal. — Territorialismus und Nationalismus. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Das Erdbeben-Gebet für Saron. Stöcker als — Spekulant. Inden als Vorkämpfer der Sklavenbefreiung. Der Siegeszug eines galizisch-jüdischen Dramendichters. Ein altjüdischer Münzfund in Südafrika. Auttion wertvoller Bibelausgaben. Der alte Orient und die Anfänge des zweiten jüdischen Staates. — Korrespondenzen: Türkische Urteile über die Besiedelung Mesopotamiens durch Juden. Die Wehrpflicht der Juden in der Türkei. Saloniki. Hochzeit im Hause Rothschild. Glasgow. Zürich. Jüdische Staatsmitglieder in Frankreich. Moderne Jnqusition in Spanien. Die englisch-jüdischen Finanziers gegen die finnländische und russische Anleihe. „Echtrussisches". Ausrufe zu Judenverfolgungen. Roosevelt und die Makkabäer. Auszeichnung eines jüdischen Gelehrten. — Vermischtes: Die Kranzablösungsspenden. Vortragszyklus aus jüdischer Geschichte, Literatur und Kultur. Jüdische Toynbeehalle im XIV. Bezirke. Wien. „Chewra-Beth-Hatsilah". Beth-Hamidrasch „Montefiore". Israelitischer Bethaus-Verein . Am Volkerl". Verein „Jüdische Bühne". Austritte aus dem Judentum. Preßburg. Proßnitz. Budapest. Agram. Abbazia. Wahlen in der israelitischen Kultusgemeinde Bodenbach. Die Tauftoilette. Ein Rabbiner als Gemeinderat. Schwindel mit Jsraelsbildern. — Feuilleton: Der geheilte Patient. — Literatur. — Nene Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Me Gegner einer Gesamlorganisalion. Seit einigen Wochen ist in den galizifch-jüdischen Städten eine merkwürdige Erregung wahrzunehmen, die noch immer mehr um sich greift und immer weitere Kreise erfaßt. Wer die Mitteilungen der galizischen Blätter lieft und die Berichte von Ohren- und Augenzeugen hört, wird an die wildesten Epochen der Kulturkämpfe gemahnt, die. dem Judeutume der Diaspora schon so viele schwere Wunden geschlagen haben. In der Hitze des geschriebenen und gesprochenen Wortgefechtes fallen Worte, wie „Heiliger Krieg!" „Kampf gegen das sündige Wien, das uns verschlingen will" und andere ähnliche Woctgeschütze, die den Uneingeweihten glauben machen müssen, die Wiener, recte westösterreichischen Juden hätten tatsächlich den finsteren Plan gefaßt, das galizische Ghetto mit seinen Wunderrabbis und jüdischen Allpolen zu erobern oder gar — um einen aktuellen Ausdruck zu gebrauchen — samt und sonders zu annektieren. Und das Merkwürdige an der Sache ist, daß die Kriegsposaune nicht nur vom Rabbi aus Belz und seinem natürlichen Anhänge, sondern auch von den Vertretern der galizischen Großstädte, die kulturell und sozial vom Chassidismus so weit entfernt sind, wie Paris von Lemberg, gegen „Wien" geblasen wird. Was hat eigentlich dieses ..sündige Wien" wieder angestellt, daß unsere galizischen Brüder so sehr , in Harnisch geraten sind. Als am 27. April 1908 der vom „Allgemeinen Oesterreichischen Israelitischen Gemeindebund" einberufene Gemeindetag nebst vielen wichtigen Beschlüssen auch den einhelligen Beschluß gefaßt hatte, mit aller Energie au die Schaffung einer autoritativen Gesamtorgauisation der Juden Oesterreichs zu schreiten, da fand dieser Beschluß in der gesamten Oeffentlichkeit Oesterreichs und des Auslandes lebhaftesten Widerhall. Nicht nur die jüdische, sondern auch die allgemeine Tagespresse — selbst derjenige Teil, der sonst für jüdische Angelegenheiten nicht viel Interesse übrig zu haben pflegt — anerkannte die große Wichtigkeit eines solchen Schrittes für die Juden sowohl, wie für den Staat selbst. Vom - speziell jüdischen Standpunkte gewann die Aktion auch deshalb an besonderer Wichtigkeit, weil sie auf die gemeinsame Initiative der „Bundes" und der „B'nei-B'cith", d. h. der zwei bedeutendsten und einflußreichsten jüdischen Organisationen des Reiches zurückzuführen war. Auch die zwei wichtigsten Grundprinzipien, die dem vom Gemeindetage eingesetzten Spezialkomitee zur Richtschnur gegeben wurden, waren kaum dazu angetan, der geplanten Aktion von irgend einer Seite mit Mißtrauen zu begegnen. Es wurde nämlich ausdrücklich betont, daß die zu schaffende Reichsorganisation die Autonomie der Kultusgemeinden nicht tangieren dürfe und daß aus ihren Agenden die Behandlung religiöser und ritueller Fragen ausgeschlossen bleiben müsse. Hierdurch würde — so sollte man meinen — eine Platform geschaffen, auf welcher sämtliche Kultusgrmeinden Oesterreichs zu einem gemeinsamen gesetzlich anerkannten Repräsentationskörper nach außen sich vereinigen könnten. Auch dem eventuellen Einwande, daß die Juden Oesterreichs mit Rücksicht auf die hier herrschenden politischen Verhältnisse nicht einheitlich organisiert werden könnten, wurde Rechnung getragen, indem der Organisationsentwurf die Schaffung von einzelnen Landesverbänden vorsieht, denen entsprechende Machtbefugnisse eingeräumt werden. Schon ans diesen knappen Umrissen geht es deutlich genug hervor, daß die Initiatoren der Gefamtorganisation hauptsächlich und vor allem an dem gesetzlichen Zusammenschluß und durch ihn an die Hebung des Ansehens der Judenschaft Oesterreichs dachten und daß ihnen die Beeinflussung der einzelnen religiösen Richtungen a priori fernlag. Und dennoch kam der Widerstand gegen ein solches Vorhaben gerade aus Galizien, deren Juden den Mangel einer solchen Organisation bisher am stärksten empfanden und sie eigentlich schon längst hätten erzwingen sollen. Seit Jahr und Tag ist Galizien ein Schmerzenskind der „sündigen" westlichen Juden. Zahllos sind die Pläne, die im Westen Europas und nicht zuletzt gerade in Wien entworfen wurden, um die Lage der Juden in Galizien zu verbessern, und in Galizien selbst zum Scheitern gebracht wurden. Ungezählte Summen wurden bereits aufgewendet, um die Zahl der Luftmenschen in Galizien zu verringern und ihnen eine menschenwürdige, selbstbewußte Existenz zu sichern, ohne einen nennenswerten Erfolg aufzuweisen. Kultureller Tiefstand, Geschäfts-Chassidismus auf der einen Seite. Schwäche und Mutlosigkeit auf Seite der sogenannten Führer haben sich