Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 52 Dr. Blochs Wochenschrift. Nr. 3 Doch Rüben fand auch darauf eine Antwort. „Du bist ein Esel!" sagte er. „Heißt das reiten? Das ist ein Spiel!" Der Samstag kam, und als zur gewohnten Stunde das ganze Städtchen, und natürlich auch Kasryl und seine Frau sich schlafen gelegt hatten, schlich unser kleines Lumpengesindel sich leise in den Flur, wo Methusalem stand, und Rüben begann ihn nach Möglichkeit herauszuputzen. Vor allem flocht er seine Mähne in Zöpfe, in die er zahlreiche Strohhalme steckte, dann setzte er ihm eine papierene Narrenkappe auf, die er am Halse mit Bändern festknüpfte, und zuletzt band er ihm einen alten Besen an den Schwanz, damit derselbe hübscher aussehe und länger sei. Nachdem die Kinder den Gaul derart herausgeputzt, beganuen sie alle zusammen auf ihn hinaufzuklettern; wer zuerst auf Methusalems Rücken gelangte, der saß fest; die übrigen werden später Nachkommen; mittlerweile liefen sie hinter dem Pferde her, spornten es an zu rascherem Trabe und sangen: . „Also geschieht dem Pferde, welchem Rüben Ehre erweisen will!" Methusalem jedoch hatte Har keine Lust zum Galoppieren, sondern ging langsam vorwärts, Schritt nach Schritt. Warum sollte er sich übrigens beeilen? War denn heute nicht ein Ruhetag? Aber der kleine Rüben hörte nicht auf, ihn zu stoßen, zu treiben und zu zerren und dabei aus Leibeskräften auf sein Gefolge zu schreien: „Daß euch der . . . seid ihr stumm geworden?!" Und Methusalem ging langsam weiter und dachte im Stillen: „Die amüsieren sich mal, die Hallunken! — Nun, ich gönne ihnen das Vergnügen! ..." Als jedoch das übermütige Lumpengesindel ihn stärker zu peinigen anfing, entschloß er sich endlich zu einer rascheren Gangart. Nun aber begann der Besen an seine Beine zu schlagen. Er lief rascher, der Besen peitschte stärker; er fing an zu springen, worüber seine Quälgeister hoch erfreut waren. Rüben rief: „Hopp — hopp — hopp!" und zuletzt stürzten alle vom Rücken -es Pferdes auf die Erde nieder. Methusalem aber, von seiner Bürde befreit, fing jetzt erst wirklich wie wahnsinnig zu galoppieren an und jagte und jagte in großen Sätzen — die Mühlen hinter sich lassend — bis weit, weit, über Felder und Wiesen. Als die Hirten den rasenden, so sonderbar aufgeputzten Gaul erblickten, liefen sie lachend hinter ihm her, warfen ihm Steine und Stöcke nach und hetzten die Hunde auf ihn. Die ließen sich nicht lange bitten; es gelang ihnen bald, den armen Methusalem zu erreichen; sie zerrten und bissen ihn, die einen packten ihn an den Waden, die anderen würgten ihn am Halse. Schwer atmend wehrte sich Methusalem. Nicht lauge jedoch . . . nach kurzem Kampfe wurde seinem irdischen Dasein ein Ziel gesetzt. X. Tagsdarauf erhielten die Knaben ihre wohlverdiente Strafe. Beim Sturz vom Pferde hatten sie sich selbstverständlich Nasen und Köpfe verwundet, nichtsdestoweniger jedoch erhielten sie ihre Prügel erst zuhause und dann in der Talmud-Thora vom Melamed Chaim-Chune. Die reichlichsten Prügel erhielt wie gewöhnlich Rüben, da die übrigen Schüler, wenigstens während der Vollziehung der Strafe, weinten, indes Rüben — im Gegenteil — herzlich dabei lachte. Man schlug ihn stärker, er lachte umsomehr, und je mehr er lachte, desto stärker schlug man ihn. Das Lachen hörte nicht auf, und Chaim-Chune, von demselben angesteckt, begann mitzulachen und zugleich mit ihm lachten alle Schüler. Man lachte so laut, daß alle Nachbarn zusammenliefen. „Was ist das? Was für ein Lärm? . . . Warum lacht ihr so?" Da niemand vor Lachen antworten konnte, fingen die belustigten Nachbarn ebenfalls zu lachen an, und das Lachen teilte sich allen mit, wurde immer allgemeiner und immer lauter und zuletzt lagen die Leute auf der Erde und hielten sich die Seiten vor Lachen.-— — — — — Zwei Menschen nur lachten nicht. Der Fuhrmann Kasryl und seine Frau. Wenn jemandem — Gott behüte — ein Kind stirbt, kann er nicht mehr weinen, wie Kasryl und seine Frau über ihren unersetzlichen Verlust weinten, über den Verlust ihres armen Pferdchens, ihres lieben Arbeitsgefährten — Methusalem. Ende. Literatur. Heinrich Heines Memoiren! Verlag von Karl Curtius, Berlin. Diese Memoiren zeigen uns den Dichter in seiner vollen Größe, den werdenden, den fich emporarbeitenden, zeigen uns Heine, den kindlichen, liebenden, träumenden, Leben und Liebe aufbauenden, zeigen uns Heine, den witzigen und satirischen Heine, den ironischen, Götter zertrümmernden Heine, den innerlich guten Menschen . . . Das Werk teilt fich in fünf Bücher: „Kindheit und Jugend", „Studienjahre", „Wanderjahre", „Im Exil", „Die Matratzengrust". Der Band, dessen Preis bei so starkem Umfang 4 Mark, gebunden 5, resp. 6 Mark sehr gering zu nennen ist, ist und wird bleiben eines der interessantesten Memoirenwerke der deutschen Literatur und darf in keinem Hause fehlen, in dem Heines Werke zur Hausbibliothek gehören, in dem Sinn und Liebe zur deutschen Kultur und Literatur geweckt, genährt und gepflegt wird. Talmud und Neues Testament. Das Studium der Geschichte des jüdischen Volkes zur Zeit des Begründers der christlichen Religion hat im letzten Jahrzehnt das Interesse der jüdischen Gelehrten in größerem Maße erweckt als je zuvor. Die Angriffe, die von protestantisch-theologischer Seite auf das jüdische Schrifttum gemacht wurden, haben aus Selbsthilfe den Wunsch nach Klarlegung der jüdischen Zustände jener Zeit rege gemacht und die Werke von Güdemann, Eschelbacher, Büchler, Elbogen, Ziegler und vieler Anderer sind Produkte dieses Bestrebens. Der Begründer der christlichen Religion war ein Jude. Hat er sein Judentum ganz abgestreift und eine originell neue Religion geschaffen, oder aber hat er aus jüdischem Leben und dessen Quellen geschöpft und nur modernisiert? Kurz, ist die christliche Religion ganz verschieden von der jüdischen, sind die als »christlich" gepriesenen Eigenschaften, die Gottes-, Nächstenliebe und Selbstlosigkeit, wirklich rein christlich — oder aber hat sie das Christentum einfach aus der jüdischen Lehre geholt und sie nur in andere Worte gekleidet? Das sind die Zeitfragen der Gelehrtenwelt und diese Fragen behandeln unter obigem Titel zwei Broschüren, . je eine von christlicher und jüdischer Seite.*) Prof. König—Bonn will vom Talmud den Beweis erbringen, daß das Judentum gar nichts Christliches an sich habe, daß im Talmud die Gesetze der „Liebe" gar nicht oder nur unvollständig vorzufinden sind. Dr. Marmorstein, ein junger, aber schon als hervorragend bekannter Gelehrter, erwidert ihm in gelehrter und kraftvoller Weise. König will beweisen, daß bestimmte Einzelsprüche der Tanaiten dem Neuen Testamente entnommen sind. Marmorstein beweist ihm au der Hand vieler Midrasch- und Mischna-Zitate, daß ein großer, wenn nicht der größte Teil der Mischna schon vor der Tempelzerstörung redigiert worden ist und der Kern der Tradition natürlich noch um vieles älter ist (Marmorstein unterließ es, hier auf Frankels Hode- - getik hinzuweisen). Er geht sogar noch weiter und sagt, daß „selbst wenn der Tradent angegeben ist und einem späteren als dem I. Jahrhundert angehört, könuen wir viele Sprüche neben die Lehren Jesu stellen." (S. 12.) *) Talmud und Neues Testament von Eduard König, Dr. phil. et theol,, ordentl. Professor an der Universität Bonn, Breslau 1967. 56 S. Preis 60 Pfg. Talmud und Neues Testament von Dr. Arthur Marmorstein. Rabbiner der israelitischen Kultusgemeinde Jamnitz (Mähren). 1968. Selbstverlag des Verfassers. Adresse: Dr. Marmorstein, Bezirksrabbiner in Vinkovce (Slavonien).