Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 3 Dr. Blocks Wochenschrift. Rabbiner Dr. Deutsch behandelte das jüdische Kalenderwesen, Religionslehrer H. Lieben hielt anstatr des abwesenden Professors Dr. Kisch ein Kolleg aus der Mischna. Rabbiner Dr. Klotz sprach über die wichtigsten Träuergebräuche, während Herr Rabbiner M. Freund die Methodik des Religionsunterrichtes behandelte. — Die Vorträge, die trotz wissenschaftlicher Gründlichkeit in leichtfaßlicher Weise dargeboten wurden, wirkten auf die Hörerschaft sehr anregend und fanden deren ungeteilten Beifall. Den Herren Vortragenden aber» die sich in solch selbstloser Weise dem Wähle des Lehrerstandes widmeten, gebührt volles Lob und unbeschränkte Anerkennung. Nikolsburg. Wie bereits berichtet veranstalteten die gedienten israelitischen Soldaten in Nikolsburg am 2. Dezember eine imposante Kaiserhuldigungsfeier mit Fackelzug am Vorabende und einer geselligen Zusammenkunft am Festabende. In der Vollversammlung der gedienten israelitischen Soldaten in Nikolsburg wurde nun beschlossen, von dem Reinerträgnisse dieser Veranstaltung eine Stiftung für arme würdige israelitische Soldaten oder deren Angehörigen zu machen, welche alljährlich am 2. Dezember durch einen zu gründenden Verein der israelitischen gedienten Soldaten in Nikolsburg zur Verteilung gebracht werden soll. Mit den Vorarbeiten zur Bildung dieses Vereines (Ausarbeitung der Statuten und Zuführung derselben der behördlichen Genehmigung und so weiter), wurde ein Komitee betraut, welchem die Herren: Krakauer Samuel, Dr. Steiner Viktor, Lehrer Zwicker Jakob, Graßl Ignatz angehören und welches sich durch die Herren Teltscher Wilhelm und Offizial Läwitz David kompletierte. Das Komitee hat bereits die Statuten dieses Vereines ausgearbeitet und ist im Begriffe, selbe der behördlichen Genehmigung zuzuführen. Im Sinne des Beschlusses der Vollversammlung bestimmt der Statutenentwurf als Zweck des zu gründenden Vereines der gedienten israelitischen Soldaten: Der Verein hat den Zweck, den patriotischen Geist, die Liebe zu Kaiser und Vaterland unter den Mitgliedern zu erhalten und zu kräftigen, das gesellige Zusammenleben, das materielle und geistige Wohl der Mitglieder zu fördern, das allgemeine und jüdische Bildungsniveau der Mitglieder durch Einführung von Vorträgen, Vorlesungen und Diskussionen über alles Wissenswerte, durch Einberufung von Versammlungen und Veranstaltungen von geselligen Zusammenkünften zu heben, verarmte Mitglieder, wie deren Angehörige zu unterstützen. Verstorbenen die letzte Ehre zu erweisen. Dem Verein können angehören als Wirkliche Mitglieder: gediente israelitische Soldaten,- als beitragende Mitglieder: alle anderen Israeliten. Zu Ehrenmitgliedern können solche Personen ernannt werden, welche sich um den Verein, die Wissenschaft, das Judentum oder um das Wohl der Mitbürger besonders verdient gemacht haben. Die Juden im türkischen Parlament. Ueber die Stellung der Juden im türkischen Parlament wird berichtet: Der jüdische Deputierte N. Masliach, Vertreter für Smyrna, war Mitglied und Sekretär einer der fünf Mandatsprüfungskommissionen. Dann wurde er zum Sekretär der großen Adreßkommission gewählt, welche die Antwort auf die Thronrede zu entwerfen hatte. Auch der Vertreter für Salonichi, ebenfalls ein Jude, wurde in eine Kommission gewählt. Eine lebhafte Debatte erregte der Antrag, das Parlament nicht bloß am Freitag, dem mohammedanischen Ruhetage, sondern auch am Samstag feiern zu lassen. Die Türken setzten dem einen geschlossenen Widerstand entgegen. Schon um die traditionelle Stellung des Mohammedanismus im Staate nicht leichtherzig zu opfern. Für die Juden war dieser Antrag insoferne peinlich, als durch seine Annahme das Judentum eine offenkundige Zurücksetzung erfahren hätte. Denn daß das Parlament wöchentlich drei Tage auszusetzen hätte, war kaum denkbar. In einer Sitzung des jungtürkischen Komitees hat N. Masliach den Vorschlag gemacht, zum Parlamentsruhetag den Donnerstag, als den Tag der Parlamentseröffnung und des Beginnes der neuen Epoche im türkischen Reiche sestzusetzen, während am Freitag, Sonntag und Samstag, also den heiligen Tagen der drei Konfeffionen nur Halbtagsfitzungen statlfinden sollen. Der Antrag fand nicht hinreichende Unterstützung. Beim Verlesen der Gratulationen wurde auch die Depesche Dawid W o l f s o h n s, des zionistischen Parteipräfidenten, zur Verlesung gebracht und fand vielen Beifall bei den verschiedensten Fraktionen des Hauses. Ein .^Verband türkischer Juden". Aus Konstantinopel wird der „N. I. K." von ihrem dortigen Korrespondenten geschrieben: Was in Analogie der plötzlichen aufstrebenden Entwicklung der türkischen Nation zu erwarten war, ist tatsächlich eingetreten: ein merkliches Aufsprießen und Aufblühen auch jüdischer Zukunftswerte. Wie nach einem Erwachen aus langem Schlafe regt es sich allerorten. Am allermeisten in Saloniki. Diese merkwürdige Stadt, die Geburtsstätte der türkischen Freiheitsbewegung, wird anscheinend auch der Kernpunkt für den Aufschwung der orientalischen Iudenheit werden. Soeben ist auch hier der lange erwartete, bedeutungsvolle Gedanke einer politischen Organisation der Juden des ottomanischen Reiches aus ihrer eigenen Mitte heraus ans Licht getreten. Bukarest. Dem von seinem Amte scheidenden Ministerpräsidenten Sturdza glaube ich keinen passenderen Nachruf Hallen zu können, als indem ich den nachfolgenden Vorfall berichte, der wie kein anderer sein langjähriges, für uns Juden unheilbringendes Wirken voll und ganz charakterisiert. Ich entnehme meinen Bericht den am 25. Dez. a. S. erschienenen rumänischen Blättern und glaube, den nackten Tatsachen keinen Kommentar anhängen zu müssen. Der Jude Leon Pintzler ist wegen seiner sozialistischen Ansichten aus Rumänien gewiesen worden. Seine alte Mutter besaß aber weder die Mittel noch die Kräfte ihren Sohn über die Grenze zu begleiten und blieb allein zurück, sich von dem spärlichen Ertrag ihrer Näharbeiten ehrlich nährend. Pintzler hat aber das Militäralter erreicht, und. nachdem er nicht im Lande wohnen darf, um seine Blutsteuer zu entrichten, wurden von seiner Mutter Militärtaren gefordert. Die arme Frau, die der Stütze ihres im Auslande vagierenden Sohnes nur schwer entraten kann, ist selbstverständlich außer Lage diese Taren zu bezahlen. Die Taren werden ihr aber nicht nachgesehen. Der Erekutionsbeamte der 13. Abteilung, Neamtzu, legt in seinem Protokoll Nr. 291, ddo. 9. Dezember 1908, ihre Nähmaschine, die einzige Quelle ihrer traurigen Erislenz, mit Beschlag. Ob sich für einen nur ähnlichen Vandalismus in irgend einem Gesetzbuch der alten und neuen Welt die Begründung finden läßt, ist mir unbekannt. A. M. Adolf Kraus aus Chicago. - In kurzer Zeit, so berichtet das „Prager Tagbl.", wird ein Sohn unseres Landes, aus Amerika kommend, die alte Heimat besuchen, ein Mann, der es vollauf verdient, öffentlich begrüßt zu werden; er ist ein Selfmademan im echtesten und vornehmsten Sinne des Wortes, der sich durch Fleiß, Energie und Talent zu einem der angesehensten Bürger der Vereinigten Staaten emporgearbeitet hat. 2m Jahre 1867 wanderte der damals 16jährige Adolf Kraus aus Blowitz nach Nordamerika aus. Er besaß nichts als feine Tatkraft, und sein ernstes Streben war sein einziges Vermögen. Kraus fand zunächst als Kommis in Chicago fein Fort-