Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 3 (15.1.1909)
- Date
- 1909-01-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021818-3021822--17989-3042893- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 4o Dr. Blochs Ich glaube, daß damit das Judentum einen sehr vornehmen Gedanken zum Ausdruck bringt, und wir begreifen, warum Juden mit Aufopferung ihres Lebens den Adler herabrifsen, den König Herodes zu Ehren des Kaiser Augustus auf dem Tempel in Jerusalem angebracht hatte. Anders verhalt es sich mit einem Friedhofe. Der Friedhof ist das Haus der Toten und ein Grab ist im gewissen Sinne und mit gewissen Beschränkungen Privateigentum, das jeder nach feinem Geschmack schmücken kann. Man tut es der Sitte gemäß und mit dem Geschmack ändert sich die Sitte, leider nicht immer nach einer vorteilhaften Seite hin. Betritt man einen alten jüdischen Friedhof, wird man von der Men Schwermut des Ortes ergriffen. Im Sommer beschattet das Laub der Bäume die Gräber, die Aeste der Trauerweide berühren fast die Erde, das Grau der Grabsteine leuchtet verstohlen aus dem Grün der Blätter hervor, hier und dort auch der goldene Glanz der Inschrift auf den Steinen; im Winter tragen die Bäume statt des grünen ein weißes Kleid, als wären sie selbst in Sterbekleider gehüllt; und gar erst im Herbste, wenn die Blätter der Bäume in allen Farben strahlen und den Glanz der Sonne bunt zurückwerfen. Das ist Schönheit des Friedhofes, das ist Stimmung, das ist Weihe! Man befrage nur darüber die Maler und jeden, der ausgebildeten ästhetischen Sinn hat. Seit etwa 30 Jahren hat sich das Bild geändert. Statt der einfachen Steine zwischen Bäumen aufdringliche Bildhauerwerke. Gegen ein religiöses Gesetz verstoßen diese nicht, aber gegen die gute, alte jüdische Sitte und gegen den guten Geschmack. Wahre Kunstwerke, die eine reine und die Seele befteiende Wirkung ausüben, sind eine seltene Kostbarkeit und nicht leicht zu erlangen, man muß sich daher, um alles mitzumachen, mit der Schablone begnügen; das schlafende Kind, süßlich und schal, die weinende Frau in theatralischer Pose, der weinende Engel voll verlogener Sentimentalität. Nein, unsere Vorfahren waren keine Kunstbarbaren! Wieder sah ich ein jüdisches Grabdenkmal mit der Statue des Verstorbenen in Ueberlebensgröße. Der Name des Verstorbenen ein gänzlich unbekannter. Der Verstorbene war sicherlich ein reicher Mann, ohne Zweifel auch ein rechtschaffener Kaufmann und ein zärtlicher Vater, aber zur überlebensgroßen Statue berechtigen diese Eigenschaften noch immer nicht. Die Kinder des Verstorbenen sind wohl auch reiche Leute, aber. Geschmack sollen auch reiche Leute haben, sonst werden sie gar so leicht Protzen! Es ist ja wahr! Das Gemüt ist es, das sich nicht genug tun kann und seinen großen Schmerz und seine Sehnsucht wenigstens durch das Denkmal betätigen will, aber die Ueberlegung soll dem Gemüte den Weg zeigen. Größere Stiftungen, durch die der Bestand einer Kultusgemeinde für ewige Zeiten gesichert ist, find auch Denkmäler und dauernder als Denkmäler von Erz und Stein, wenn man bei der Nachwelt in Erinnerung bleiben will, was auch ein Bedürfnis des Herzens und des Gemütes ist. Urenkel kennen den Namen des Urgroßvaters nicht mehr, die Kultusgemeinde bewahrt treu die Namen ihrer Wohltäter durch die Jahrhunderte. S a a z. Prof. Dr. Simon Stern. Der alle Orient und die Anfänge des zweiten jüdischen Staate», Von Dr. S. Gelbhaus, Gemeinde-Rabbiner. (Fortsetzung.) Nach den Berichten der Chronik und des Buches Esra ist das erste Ziel Serubabels die Erbauung des Tempels gewesen. Ausführlich werden Geräte des Heiligtums, welche zurückgegeben wurden, beschrieben. In dem Lizenzschreiben des Kyros, das in der Residenz Ach.matha gefunden wurde, werden sogar die .Baumaterialien und das Maß des Heiligtums angegeben. Man sollte erwarten, Wochenschrift. Nr. daß das öffentliche Interesse für die Wiedererrichtung des Tempels in den judäischen Kreisen Babyloniens ein allgemeines und hochgesteigertes war, daß in allen Distrikten, in denen die Exulanten wohnten, Freude und Begeisterung darüber herrschen würde, daß endlich die Stunde der Befreiung geschlagen habe und daß die ganze Bevölkerung nach Judäa ziehen würde. Aber in den Berichten ist keine Spur einer überschwänglich gehobenen Stimmung wahrzunehmen. Ungefähr vierzigtausend Menschen nur waren es, die von der Erlaubnis Kyros* Gebrauch machten. Selbst die Chronik berichtet von Leuten, die zurückgeblieben sind, mit der mildernden Bemerkung, daß sie die Rückwandernden mit Gold, Silber und sonstigem Gute für ihre Bedürfnisse und für den Bau des Gotteshauses beschenkt haben. (Esra 1, 4.) Josephus aber macht die nicht sehr erhebende, ungeschminkte Mitteilung, daß viele deshalb nicht mitgegangen sind, weil sie ihre Besitzungen nicht ausgeben wollten. UoXXol oe y.ai£|i£Lvav sv xfj BaöuAtövc, Ta XT7jfJia»T xaTaXtitav ou ÖIXovte?. (Altertümer XI, I, 3.) Man gewinnt den Eindruck, als wenn das bezeichnete Ziel, die Erbauung des.Tempels, kein solches war, welches allgemeinen Enthusiasmus auslösen konnte. Und dieses war in den' -damaligen Verhältnissen begründet. Schon in den letzten Jahrzehnten des ersten judäischen Staates war das kultische Leben sehr im Niedergange begriffen. Die kanaanitische Götterverehrüng nahm überhand und drängte den Kultus im jerusalemischen Tempel in den Hintergrund. Wenn auch selbst zür Zeit, in welcher das Heidentum in Jerusalem den Kulminationspunkt erreichte, der Kultus nach den Vorschriften der Thora nie ganz aufgehört hat, und wenn unter den Exilierten auch der Hohepriester genannt wird, so war doch die Anhängerschaft dieses Gottesdienstes auf einen äußerst kleinen Kreis beschränkt. Die Exulanten waren doch vorzüglich diejenigen, die in der Heimat von ihm nichts wissen wollten und die im Lande zurückgebliebene misera plebs bestand direkt aus Götzendienern, bei denen nur noch wenige monotheistische Reminiszenzen nachklangen. In Babylon, wo später ein religiöser Umschwung vor sich ging, suchte das wiedererwachte Gewissen und das wiedererweckte religiöse Leben Formen aus, welche ihm geistige Nahrung und Erquickung verschafften. (Siehe meine Schrift „Esra" S. 19.) Den Exulanten bot der Tempeldienst keine erhebenden Erinnerungen und selbst wenn einige unter ihnen aus Konsequenz sich einem solchen zuneigten, so war doch der Mangel eines Tempels, da er doch auf fremden Boden nicht erbaut werden durfte, die Ursache, welche die Liebe für einen Tempelkultus nicht recht aufkommen ließ. Wohl haben die Propheten die Wiederherstellung des Tempels als ein Merkinal der Erlösung des Volkes weissagend bezeichnet. Aber der Wiederaufbau des Heiligtums war nicht das einzige Merkmal des wiedererlangten göttlichen Heiles. Gar Vieles gehörte dazu: Wiederherstellung des Staates, große Macht, weithin strahlendes Ansehen, Ausdehnung der Grenzen, Ausbreitung des göttlichen Namens und der Verehrung des einzigen Gottes nach allen Richtungen der Welt, große Reichtümer und Besitztümer, große dem Volke zuteil gewordene Verehrung von Fürsten und von Königen. (Jesajas 6, 1 — 12, 49, 22, 23.) Wie konnte die Wiederherstellung des Tempels allein die Herzen höher schlagen machen? Wie konnte ein Kultus, den man nicht gesehen und der längst in Vergessenheit geraten war, die Gemüter zur Begeisterung entflammen? Den Mangel der irdischen Herrlichkeiten konnte man vorläufig verschmerzen, indem man überhaupt nicht die babylonische Heimat verließ, wo die Exulanten in einer sozialen und politischen, günstigen Situation sich befanden. Den Mangel an einem Tempel, an einem Kultus suchte das fromme Gemüt durch inbrün- 1