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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1909-01-15 · 3 (15.1.1909) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
26 (1909)
Issue
3 (15.1.1909)
Date
1909-01-15
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 3 Dr. Blochs Wochenschrift. Seite 39 Babylon nach dem fernen Westen, von Worms nach Toledo, von Saragossa nach Prag. Auf einem Mantel führt der Hohe Rabbi Löw den Kaiser von Madrid auf den Frankfurter Reichstag. Für solche „Wegeskürzung", wie sie es nennt, lehrt die Kabbala eigene Rezepte. In diesen Praktiken und Sagen grollt noch immer der alte Zorn der Ueberirdischen nach. Das geringste Versehen, ein unbedachtes Wort bringt dem Fliegenden Verderben und Tod. Und wann fand dieser Zorn je so furchtbare Vollstrecker, wie in den Richtern über jene Armen, die, wie die Sage ging, zu unlauteren Zwecken vom Teufel die Kraft gewannen, nachts durch die Luft zu fahren, — in den gräßlichen Hexenhenkern! Der Hexenglaube beherrschte nicht die große Menge allein. Ein Thomas von Aquino tritt gegen Maimunis schroffe Abweisung dieses tollen Spukes mit allem Nachdruck für diesen ein. Gervais selbst kennt Frauen, die, während der Ehemann schläft, Nachtfahrten über das Meer antreten. Vor Kaiser Sigismund disputiert man ernsthaft über die Kmder aus Hexenehen. Drei Jahre nach dem Erscheinen von Lessings „Nathan" besteigt die Hexe von Glarus von Rechtswegen den Flammenstoß. Immer neue Nahrung gab dem alten Wahn die freiwillige Selbstbeschuldigung unglückseliger Frauen. Behauptete doch auch ein Roger Bacon öffentlich, fliegen zu können. Woher dieser Wahn? Während für manche der älteren Luftfahrtsagen irgend ein tatsächlicher äußerer Vorgang den Kern liefert oder, wie in der späteren Erzählung von Heuochs Himmelfahrt, alle begleitenden Umstände deutlich den Naturmythos erkennen lassen, hat den ungläubigen Lucian, der in Hierapolis das Heiligtum in der Luft schweben sah, wie so viele andere „Augenzeugen" ein Fakirkunststück getäuscht. Tischrücken. Suggestion, Taschenspielerei liegen da zugrunde. Mit der Kunst, im Schlafe durch den Weltraum zu fliegen, begabten die Hexensalben, von denen Gambattista della Porta in seiner bis 1715 immer von neuem aufgelegten „Magia naturalis“ ausführlich handelt. Es waren offenbar Mixturen aus Giften, die, wie das Hyoscyamin die Atmung erleichtern und dadurch im Schlafenden die Traumvorstellung des Fliegens Hervorrufen. Auch ohne solch äußere Mittel, ohne Autosuggestion, ohne Ekstase, ohne Trance, wie Helene Smith, ganz natürlich und unabsichtlich, gewinnen wir diese Illusion des Fliegens, wenn wir im Schlafe zufällig in eine Lage geraten, daß durch Hebung der Brust in uns das Gefühl entsteht, daß alle Hemmungen geschwunden und wir uns vogelleicht in die Lüfte heben. Und wenn wir nun heute bei aller kritischen Selbstbeobachtung oft noch stundenlang -nach dem Erwachen ein Traumbild nicht zu bannen vermögen, wie kann ein Geist, den vorgefaßte Meinung oder Aberglauben für bestimmte Vorstellungen vorbereiten und empfänglich machen, Illusionen. Wirklichkeit, Geträumtes von Erlebtem unterscheiden? Die Alten kannten Abenteuer, wie das von Plinius überlieferte des Hermogenes von Klazomenae, dessen Seele bei Nachtzeit den Leib verlassen, bis - ihr einst durch dessen Verbrennung seine Frau den Rückweg abschnitt. Die Kabbalisten dachten an die Vision Ezechiels, wie er von Geisterhand an den Locken seines Hauptes aus dem fernen Exil nach Jerusalem entführt wird. Die armen Hexen waren aber in die verhängnisvolle Richtung ihrer Träume gewiesen — durch den Teufelsglauben. So lange der Glaube an den Teufel genährt 'wird und so lange es Gesetze gibt, die Selbstbeschuldigung als belastende Aussage gelten lassen, so lange müssen wir ähnlicher Trauerspiele, wie die alten Hexenprozesie sie bieten, jederzeit gewärtig sein. §(cber das Kerbst, Kildhaaeewerbe, Menschen nnd Engel darstellend, im Synagoge« nnd bei Grabdenkmäler« anzubringen. Vor einiger Zeit wurde mir die Frage vorgelegt, ob das religiöse Verbot, in Synagogen und bei Grabdenkmälern Büsten, Medaillons oder ganze Figuren anzubringen, noch aufrecht zu erhalten sei, da der Grund des Verbotes, die Verhütung des Götzendienstes, in keiner Weise mehr in Betracht kommen kann und auch nicht die Spur einer Gefahr besteht, daß in Europa auf diesem Wege der Götzendienst Eingang finden könnte. Cessat causa, cessat effectus. Die Frage ist von allgemeiner Bedeutung und darum soll sie öffentlich behandelt werden. Man soll uns weder direkt noch indirekt den Vorwurf machen, daß wir für die Kunst weniger Begeisterung als andere Völker haben und daß nach jüdischem Religionsgesetz irgend ein Zweig der Kunst verkümmern müßte. Cessat causa, cessat effectus ist auch sicherlich ein zutreffender Satz; Beweis deffen, daß wir unsere Wohnungen gern mit Werken der Skulptur schmücken mit dem Bewußtsein, daß wir den religiösen Vorschriften nicht zuwiderhandeln. Es kommt nur darauf an, zu untersuchen, ob nicht das Verbot einen anderen Grund habe als Verhütung des Götzendienstes. Wäre dies der alleinige Grund, müßte man sich wundern, daß trotz cessat causa, cessat effectus das Verbot in Synagogen ausnahmslos streng beobachtet wird und die konservativste wie radikalste religiöse Richtung einer Gemeinde hierin keinen Unterschied macht, während man bei jüdischen Grabdenkmälern nicht selten Bildwerke in Stein und Erz sieht. Man darf auch nicht Synagoge und Friedhof diesbezüglich gleich behandeln. Das Gotteshaus gehört Gott, und alles, was hier geschieht, und jeder Schmuck, der sich im Gotteshause vorfindet, hat nur den einen Zweck, an Gott zu erinnern und unsere Gedanken zu Gott zu lenken, wie ja in den meisten jüdischen Gotteshäusern irgendwo der Satz angebracht ist: „Wiffe, vor wem du stehst, vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gepriesen sei er!" In den Gotteshäusern der christlichen Konfessionen dienen diesem Zwecke auch Heiligen- und heilige Bilder. Für uns Juden gilt aber das zweite Wort des Dekalogs: „Du sollst dir kein Abbild machen!" in seiner ganzen Strenge. Keinerlei Gestalt und keinerlei Bild kann und darf uns an den einig einzigen, körperlosen, in Zeit und Raum unbegrenzten Gott erinnern, nichts als das Gebet, die Thora und die religiösen Uebungen und Gebräuche. Von diesen Gedanken wird neben der Ausschmückung auch der Bau des Gotteshauses geleitet. Alles führt den Blick hin zur heiligen Lade. Sie steht dem Eingänge gegenüber an der Ostwand als Vollendung und gleichsam als Krone des Gotteshauses und sie ist kein mit einem Vorhang bedeckter Schrein, sondern das geschmückte Heiligtum, das das Kostbarste enthält, die Thora, die göttliche Lehre. Nur ein gedankenloser Baumeister und eine ganz verständnislose Tempelbaukommiffion konnten es zuwege bringen, daß sich in manchen Synagogen über dem Heiligtum, über der heiligen Lade, statt an einer andern Seite das Chor befindet, so daß es dort eigentlich heißen müßte: „Wisse, vor wem du stehst, vor der Orgel!" Der Geist wird dort in die Höhe nicht zu Gott gelenkt, sondern zu den Sängern und Sängerinnen. Im Gotteshause dienen wir Gott und nur Gott allein. Hier beten wir für unser und aller Menschen Wohl, besonders aber für das Wohl derer, die wir lieben und verehren. Je höher ein Mensch verehrt wird, desto feierlicher wird die Gemeinde den Gottesdienst gestalten, den sie für einen solchen Menschen gphalten läßt. Es wird aber immer Gottesdienst und kein Menschendienst sein und darum wird man auch in diesem Falle kein Bild, z. B. die Büste desjenigen, für den man den Gottesdienst abhält, im Gotteshause aufstellen. i

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