Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 2 (8.1.1909)
- Date
- 1909-01-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. fl Dr. Mocb's Mocbenscdntt. Seite 33 „Das ist gar kein Pferd, das ist ein Maulesel", witzelte der Enn'. „I, wo d.nn?" erwiderte der Andere, „das ist eine Katze!" „Das ist ein Wesen, das nur aus „Geist" besteht", entschied ein Dritter, „man muß es vor Luftzug hüten, denn ein heftiger Wind könnte es, — Gott bewahre! — in die weite Welt forttragen!" ... „Wie alt wird er wohl sein?" fragte Jemand. „Jedenfalls zählt er mehr Jahre, als Kasryl mitsamt seiner Frau." „Methusalem's Jahre. . ." „Methusalem! Methusalem!" Und seit jener Zeit erhielt der arme Gaul den Namen „Methusalem", der ihm bis heute anhaftet. VI. Es ging ihm bei den Kasryls so gut wie noch nie zuvor, nicht mal während seiner glänzendsten Zeilen. Seine Arbeit ist nicht des Ecwähnens wert. Ein Wasserfaß ziehen und vor jedem Hause stille halten — heißt das eine Arbeit? Und sein Herr! Nicht ein einziges Mal schlug oder schimpfte er ihn; und die Peitsche hielt er nur so — der Parade halber! Und dann das Essen! Hafer bekommt Methusalem zwar nicht zu sehen, aber was würde ihm der Hafer nützen, sobald er keine Zähne hat, um ihn zu kauen? Sind die weichen Brodstücke, die ihm die Kasryl täglich im Scheffel vorsetzt, nicht viel besser? Und nun gar die Art und Weise, wie ihm seine Herrin den Scheffel reicht! Die Arme über die Brust gekreuzt, steht sie vor ihm, und ihre auf Methusalem gehefteten Augen strahlen vor Entzücken, daß er — unberufen! — solchen Appetit hat! Mit dem Anbruch der Nacht jedoch schüttet sie ihm etwas Stroh auf den Fußboden im Flur, und alle Augenblicke erscheint bald sie, bald ihr Mann, um sich zu überzeugen, ob man ihn — Gott behüte! — nicht gestohlen habe! Ganz früh, wenn — wie es heißt — selbst der liebe Gott noch schläft, ist Kasryl mit seinem Pferdchen beschäftigt. Langsam spannt er es vor den Wagen, setzt sich auf die vordere Deichsel, und hört — während er zum Flußufer hinunterfährt — nicht auf, fröhliche Lieder zu singen .... Nachdem er das Faß mit Wasser gefüllt hat, tritt er den Rückweg zur Stadt zu Fuß an; er singt nicht mehr, watet zugleich mit seinem Pferd im Schmutz und ruft, indem er seine Peitsche schwingt, unablässig: „Vorwärts, Methusalem, vorwärts! Holla — ho!" Methusalem schleppt die Beine, nickt mit dem Kopfe und von Zeit zu Zeit einen verstohlenen Blick auf seinen Herrn werfend, denkt er: „So lange ich ein Pferd bin, ist es mir noch nicht passiert, bei einem so närrischen Kauz zu dienen!" Manchmal besinnt er sich, macht einen Schritt nach rückwärts und bleibt plötzlich stehen, als wollte er sagen: Nanu, jetzt will ich doch mal sehen, was daraus werden wird! ..." Kasryl, dieses Verhaltens seitens seines Arbeitsgefährten ungewohnt, fängt an, Faß, Deichsel und Stricke sorgfältig zu untersuchen, um die Ursache hievon zu entdecken. Methusalem jedoch sieht ihn an, seine Lippe zuckt, als ob er lächeln würde, und er denkt: „Ist das ein dummer Kerl, dieser Fuhrmann! Ein echter, rechter Narr!" VII. Daß es Einem immer gleich gut gehen soll auf dieser Welt, das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Bei den Kasryls fühlte sich Methusalem vollkommen glücklich, von ihren Kindern jedoch, den Nachbarskindern und überhaupt der gesamten Jugend des Städtchens hatte er sehr viel Beschämung und Qual zu ertragen. Nicht als ob sie ihn hassen würden — Gott behüte — vom ersten Augenblick, da er im Städtchen erschienen war, hatte das kleine Lumpenpack ihn liebgewonnen, aber diese Liebe war ein Unglück für den armen Gaul. Ach! wenn die Kinder ihn doch weniger geliebt und mehr Mitleid mit ihm gehabt hätten. Da waren in erster Reihe die Kinder Kasryls, barfuß umherlaufende Schüler der Talmud- Thora, die wollten, wenn sie unbeobachtet waren, sich überzeugen, ob Methusalem ebenso empfinde wie ein Mensch, oder ob dies nicht der Fall sei. Sie verabreichten ihm also einige leichte Stockschläge — nichts; sie kitzelten ihn in die Beine — nichts; sie versetzten ihm einen Stüber ins Ohr — der Gaul zuckte kaum. Erst als sie mit einem Strohhalm das Auge, auf dem er den weißen Staar hatte, zu reizen begonnen, überzeugten sie sich, daß er ebenso fühle wie ein Mensch, denn er blinzelte und schüttelte den Kopf, als wolle er sagen: „Nein, das gefällt mir schon nicht mehr! . . ." Nachdem die Kinder sich überzeugt hatten, daß Methusalem nicht empfindungslos war, zogen sie eine Rute aus einem Besen und schoben sie dem Pferde tief in die Nüstern. Das gequälte Tier voüführte einen Luftsprung, drehte sich um sich selbst und begann so laut zu wiehern, daß Kasryl erschrocken aus dem Zimmer stürzte: „Ihr Faulpelze!" schrie er, „ihr Taugenichtse! was treibt ihr mit dem Pferde? Fort mit euch in den Cheder, ihr Hallunken!" Und das kleine Lumpengesindel stob auseinander und flüchtete in den Cheder, d. h. in die Talmud-Thora. (Schluß folgt.) Literat»». Parlament und Verfassung in Oesterreich von Dr. Gust. Kolmer. V. Band. 1891 bis 1895. XVI und 552 S. gr.-8". Preis K 10.80 — Mk. 9.—. Wien und Leipzig. Karl Fromme. Bon dem für die Geschichte des Verfaffungslebens in Oesterreich bedeutsamen Werke Dr. Gustav Kolmers „Parlament und Verfaffung in Oesterreich" ist nun der fünfte Band erschienen. Jede Fortsetzung dieses Geschichtswerkes, das eine zusammenfassende Darstellung der Vorgänge in der Reichsgesetzgebung und der staatsrechtlichen Entwicklung der Königreiche und Länder seit Beginn der konstitutionellen Aera bietet, wurde von den Fachleuten mit Freude begrüßt und von der Kritik mit Anerkennung ausgenommen. Der eben erschienene fünfte Band umfaßt den Zeitraum der letzten Periode des Regimes Taaffe, die Aera Windiscbgrätz bis zum Sturze der Koalition und das Provisorium Kielmansegg. welches die katastrophalen Ereigniffe unter dem Ministerium Badeni einleitete. Wie in den vier ersten Bänden hat der Verfaffer auch das Material für den neuen Teil seines Geschichtswerkes aus den unbestrittensten Quellen, den Protokollen und Beilagen zu den Verhandlungen des Reichsrates, den Berichten über die Delegationen und Landtagsverhandlungen geschöpft. Aus den Tatsachen, den Gesetzessammlungen, aus den Reden der Politiker und Staatsmänner der Epoche vom Jahre 1891—1895 wurden die staatsrechtlichen, wirtschaftlichen und sozialen Erscheinungen zu spannenden Zeitbildern vereinigt. Wie ein roter Faden zieht sich durch diese Vorgänge die Frage der Wahlreform, die unter großen Mühen und Kämpfen allmählich von der alten Jntereffenvertretung und dem Privilegienparlamente, über eine allgemeine Wahlkurie hinüberleitete zum allgemeinen gleichen Wahlrechte. Gerade die entscheidenden vorbereitenden Schritte zur Erweiterung des Wahlrechtes fielen in diese Periode, und die nationale und soziale Gesetzgebung dieser Zeit zeigte den Einfluß der zur Entscheidung drängenden Arbeiterorganisation. Nur als eine Episode ragt aus diesen Wahlrechtskämpfen und aus der Zeit der Eroberung Wiens und Niederösterreichs durch die christlich-soziale Partei die Frage der Errichtung slowenischer Parallelklaffen an dem deutschen Gymnasium in Cilli hervor,, die aber genügte, um die Parteikoalition zu vernichten, mit deren Hilfe das Kabinett Windischgrätz sein Dasein fristete. Mit dem Zusammenbruch