Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seile 12 Nr. 1 rvr. Lswcv's Moevenscdrm. K 180.000 buchmäßig aber keineswegs tatsächlich bedeckt erscheinen wurde«. Auch darf mau nicht vergeffen, daß das in diesem Verwaltungsjahr 1908 entstchende Defizit doch auch schließlich auf irgend eine Weise wird getilgt werden müssen. Wie groß das Defizit des laufenden Jahres 1908 sein wird, werde» wir erst nach erfolgtem definitiven Rechnungsabschluß bestimmen können, daß aber ein solches, wenngleich kein übermäßig hohes, vorhanden ist, steht leider bereits heute außer Krage. Und dies ist umso bedauerlicher, da für absehbare Zeit au eine Reduzierung des Ausgaben-Budgets nicht nur nicht zu denke» ist, sondern wir vielmehr im Gegenteil mit Steigerungen zu rechnen haben, einerseits im Hinblick auf das ständige Wachsen der jüdischen Bewohnerschaft und zwar gerade jener Schichten, die zur Steuerlcistung in der weitaus überwiegenden Mehrzahl «icht herangezogen werden können, im Gegenteil eher unserer Hilfe bedürfen, anderseits aber und ich möchte sagen, in erster Linie, weil wir eine Reihe von Verpflichtungen haben, die als überaus wichtig bezeichnet werden müfien. Ich denke dabei hauptsächlich au eine Regulierung der Gehalte unseres Lehrkörpers, mir der wir uns hoffentlich im nächsten Jahre beschäftigen werden, vorausgesetzt, daß sich der Entwurf, den das Bureau demnächst ausarbeiten wird, als durchführbar erweist. Ich will von allen ethischen Momenten, die ich ja übrigens genügend oft beleuchtet habe, absehen, und nur die eiue praktische Erwägung, Ihnen, meine verehrten Herren, vorlegeu. Rach langer Arbeit ist es gelungen, uns, wenigstens großenteils, eineu Stand von Religionslehrern zu gewinnen, welche die Gewähr für eine würdige pädagogische Leitung bieten; wollen wir diesen nicht nur erhalten, sondern auch in dem gleichen Sinne weiter entwickeln, dann müffen wir den Religiouslehrern ein entsprechendes, möglichst sorgenfreies Auskommen bieteu, und wenn es ftüher anders war, wenn das Lehrermateriale einstens kein gutes gewesen ist, so lag die Schuld gewiß hauptsächlich an der schlechten Besoldung. Es ist natürlich, daß jede Gemeinde in erster Linie dafür sorgen muß, daß ihr Nachwuchs zu guten Juden heraugezogen werde, dazu aber bedarf es guter Lehrer. Solche besitzen wir heute zum großen Teil, und werden sie ja hoffentlich auch bald aus unserer Lehrerbildungs-Anstalt zur Verfügung haben, aber wir müffen sie den heutigen geänderten Lebensverhältniffen entsprechend besolden, sonst werden wir sie eben nicht haben. Und deshalb ist die Regulierung der Lehrergehalte nicht etwa eine dem Mitleide entspringende, sondern durch die Pflicht der Selbsterhaltung diktierte Forderung. Auch die Frage der Erweiterung des alten oder des Ankaufes eines neuen Friedhofes rückt immer drängender an uns heran, ebenso die endliche Errichtung eines unserer Gemeinde würdigen Amtshauses, verbunden mit der Wiederherstellung unserer altehrwürdigen Stadtsynagoge. Es ist selbstverständlich, daß wir diese letzterwähnten großen Verpflichtungen nicht zu erfüllen imstande sein werden, wenn uns nicht unsere jüdischen Mitbürger, an die wir seinerzeit appellieren müffen, hilfreich und tatkräftig zur Seite stehen werden. Um aber diesen und den vielen anderen, in meinem vorjährigen Budgetreferat berührten großen Aufgaben, vor denen wir stehen, gerecht zu werden, müffen wir auch Wege suchen, auf denen neue Einnahmsquellen zu erschließen find, denn unter keinen Umständen darf das Gleichgewicht unseres Gemeindehaushaltes dauernd gestört werden, weil dies die Zukunft in unberechenbarer Weise belasten würde. Diese Einnahmsquellen sehe ich, wie ich bereits wiederholtin öffentlichen Versammlungen besprach, in allererster Linie in der Staatshilfe, die man uns bisher gegen alles Recht nicht gewährt hat, die mau uns aber nicht mehr lange wird vorenthalten können. Sie werden mir sicher alle zustimmen, meine sehr verehrten Herren, wenn ich sage, daß es ein himmelschreiendes Unrecht ist, wenn der Staat sämtliche Kulten unterstützt, mit Ausnahme des jüdischen, wenn die jüdischen Steuergelder mit dazu benützt werden, um die katholische, evangelische und griechisch-orientalische Eougrua zu bezahlen, die noch immer weiter erhöht wird, während wir selbst vollständig leer ausgehen. Und wenn einzelne unserer jüdischen Mitbürger murren, weil sie die Steuer, die wir ihnen aufzuerlegen genötigt find, zu hoch finden, so mögen sie uns doch sagen, woher wir denn die Mittel, nicht nur für unseren Kultus, sondern hauptsächlich für unsere unglücklichen Kranken, Siechen, Waisen und Erwerbsunfähigen nehmen sollen, wenn das soviel gepriesene Staatsgrundgesetz so gehandhabt wird, daß wir wohl die gleichen Pflichten, aber nicht die gleichen Rechte wie unsere nichtjüdischen Mitbürger haben. Es ist eine wohl noch der traurigen Vergangenheit entstammende Eigenschaft von uns Juden, daß wir jedes uns angetane Unrecht wie einen unabwendbaren Schicksalsschlag ruhig hinnehmen, es z. B. selbstverständlich finden, daß wir bei allen öffentlichen Empfängen immer in der Rangordnung zuletzt kommen, und dieses Beispiel ist eigentlich geradezu symptomatisch. Wenn wir aber diesen unwürdig?« Zustand dauernd schweigend hinnehmen, wenn wir noch weiter in der alten Paffivität verharren, dann werden mit Recht einmal jene, die nach uns kommen, nur mit Geringschätzung auf uns zurückblicken. Denn die Zeiten find gottlob vorüber, in denen unsere Vorfahren jeden Gewaltakt, jede Willkür in Demut schweigend hinnehmen mußten. Mögen die von unseren Gegnern eifrig geschürten Flammen des Judenhaffes noch so hoch emporlodern, sie werden nichts vermögen gegen unseren festen Willen, von dem Platze nicht zu weichen, auf dem wir stehen. Wir find treue Bürger dieses Staates, unsere stete Opferwilligkeit, unser Patriotismus, unsere treue Anhänglichkeit an das Herrscherhaus wurde nie in Zweifel gezogen, im Gegenteil erst in jüngster Zeit aus Allerhöchstem Munde ausdrücklich anerkannt. Und so fordern wir vom Staate als vollberechtigte Bürger die Anerkennung der gleichen Rechte nicht nur durch Worte sondern auch durch Taten. Ich empfehle das Budget Ihrer Annahme. In der Generaldebatte, die dem mit ungeteiltem Beifalle aufgenommenen Referate folgt, ergreift Kultusvorsteher Doktor Markus Spitzer das Wort und führt unter anderem folgendes aus: . .... ,,-rrn^! Redner dankt zunächst dem Referenten für sein klares, lichtvolles, jeder Verschleierung abholdes Referat und bemerkt, daß in der Budgetdebatte die gesamte Verwaltung der Gemeinde zur Diskussion gestellt ist, da die Richtung der Verwaltung und deren Leistungen in den Ziffern des Budgets ihren Ausdruck finden. Aus der Gegenüberstellung der Kapitel „Kultus und Unterricht" zum Kapitel „Wohltätigkeit" ergibt sich, daß beide Gruppen den fast gleichen Aufwand von je sechshunderttausend Kronen erfordern und findet dies seine Begründung darin, daß unsere Gemeinde unter den heutigen politischen Strömungen die unabweisliche Pflicht der sozialen Fürsorge für unsere notleidenden Glaubensgenossen zu erfüllen hat, wobei zu erwägen wäre, ob die Kultusgemeinde im Hinblicke auf ihre Wohlfahrtsinstitutionen nicht berechtigte Ansprüche an Stadt und Land zu stellen hätte. Der Redner gelangt sohin zur Besprechung der letzten Wahlen und hebt als besonders erfreuliches Moment die lebhafte Beteiligung aller Wählerkreise hervor. Er glaubt, daß sich die Erweiterung des Wahlrechtes durch Herabsetzung des Steuerminimums als sehr ersprießlich erweisen würde, und zwar nicht nur wegen des zu erwartenden finanziellen Effektes, vielmehr in höherem Grade noch durch die Heranziehung neuer Schichten der Bevölkerung zum jüdischen Gemeindeleben, in denen das religiöse Gefühl lebendig ist. Redner tritt warm für die Erweiterung des Wirkungskreises der Bezirkskommisfionen ein und wünscht, daß dieser Institution endlich ein Inhalt gegeben, daß einer großen Anzahl von Männern Gelegenheit geschaffen werde, ihre Tatkraft dem. Wohle und Aufschwünge der Gemeinde zu widmen, und wäre dies umsomehr anzustreben, als bei dem territorialen Umfange unserer Gemeinde es unmöglich erscheint, von einem Zentralpunkte aus die religiösen Bedürfnisse aller Gemeindemitglieder, insbesondere aber der allein wirksamen individualisierenden Armenpflege volle Würdigung angedeihen zu lassen. Weiters bespricht Redner die gegenwärtige Steuerbemeffung und meint, daß es endlich an der Zeit wäre, die Steuerbemessung auf feste Grundlagen zu stellen und dies könnte dadurch bewerkstelligt werden, daß die Personalein-