Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 1 (1.1.1909)
- Date
- 1909-01-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 1 Vr. Mmtz's WochrnMrM Ctife » Emanzipation satt werden? O, gebet uns B r o bl" Ueberdies gibt es im gelobten Lande Galizien eine Judendrangsalierung an Leib und S e e l e, ein stehendes Kapitel, das da heißt: „W egtaufen in Galizien", d. h. zu deutsch Kinderraub, Seelenfängerei, welche zumeist ungeahndet betrieben wird. Unsere jüdischen Reichsratsabgeordneten haben fich unlängst den erhobenen Beschwerden und Protesten über die Unterdrückung der slavischen Nationalitäten, der Polen in Deutschland und Rußland und der Slovaken in Ungarn, teilnahmsvoll angeschlossen, während die vorurteilsvollen Polen noch nicht gelernt haben, das Nationalgefühl anderer zu würdigen und mit den notleidenden armen Juden mitzufühlen. Sind wir ja doch Alle Kinder eines Vaters, eines Vaterlandes! Den Juden kann nur der Rat gegeben werden: Helft euch selbst! An die jüdischen Reichsratsabgeordneten richten wir daher den dringenden Appell: An Euch ist es, gegen jede Gesetzwidrigkeit oder Gesetzesbeugung, gegen jedes uns zugefügte, wenn auch kleinste Unrecht, gegen jede Verkümmerung und Einschränkung unseres konstitutionellen Rechtes Euch mit aller Macht und vereinter Kraft zur Wehr zu fetzen. Nehmet Euch an den anderen Reichsratsparteien ein Beispiel! Schließt Euch in gemeinjüdischen Angelegenheiten alle wie ein Mann zusammen und ein kluges, zielbewußtes, festes Auftreten Eucrerseits gegen die Regierung, gegen die berufenen Wächter der von ihnen beeideten Besitze, wird von Erfolg gekrönt sein. Der Krakauer Rabbiner M e i s e l s war es, der, vom Minister darüber verwundert befragt, warum er seinen Abgeordnetensitz im Kremsierer Reichstage (1848) auf Seite der Linken gewählt, darauf sofort erwiderte: „Wir Juden haben leider keine Rechte." Ihr, meine Herren, habt das Recht und die Pflicht, von der Regierung die vollständige Wahrung unserer staatsgrundgesetzlich ^gewährleisteten Rechte unnachfichtlich mit Festigkeit zu fordern, mit dem Gewichte Euerer wohlgezählten 14 Stimmen, welche oft das Zünglein an der Wage bilden können. Haben wir ja jüngst erst bei Notierung des Ermächtigungsgesetzes gesehen, von welch ausschlaggebender Bedeutung zuweilen auch nur eine einzige Stimme sein kann. Wir sollen überhaupt niemand nachlausen, uns niemand nachwersen oder verschenken, so wird auch Abgeordneter P e r g e l t uns nicht im Abtretungswege an die Tschechen weiter zu verschenken haben. Wahren wir vor allem unsere eigenen jüdischen Interessen, keine Dienstbarkeiten mehr, weder an Deutsche, noch an Tschechen oder an Polen. Wir wollen weiter geduldig harren, trotz allem an Leben und Licht glauben nnd weiter hoffen, daß das Licht der Freiheit wohl verdunkelt aber nicht verlöscht werden könne. Wir wanken und weichen nicht von unseren unerschütterlich festen Rechtsboden. Recht, meine Herren, muß Recht bleiben; Gesetz und Recht! Wien, 21. Dezember 1908, am 3. Tag Chanuka 5669. Cljannka-Nachkliinge. (5:r. Kap tel über moderne Mißbräuche in jüdischen Familien. Wenn schon der fortschrittliche, aufstrebende Geist unserer Zeit, wie überall, auch auf dem Gebiete der Religion und ihren Traditionen manch' einschneidende Reform und markante Umgestaltung zutage gefördert hat, so sind es doch gewisse Vorschriften, die wegen ihrer historischen Bedeutung, in ihrer ursprünglichen Form und Fassung aus der alten Zeit bis in die Gegenwart sich erkalten und nicht, wie vieles Andere, der Sichel der Reformsucht zum Opfer gefallen sind. Es sind dies in erstrr Linie die beiden nachmosaischen Freudenfeste Chanuka und Purim, die .schon in unserer Religionsgeschichte zufolge ihrer historischen Grundlage einen hervorragenden Platz > innehmen. So waren es jetzt 2073 Jahre geworden, seitdem sich das große Ereignis des Makkabäersieges abgespielt, jenes Ereignis, das dem Feste zur gründe liegt, welches wir soeben acht Tage hindurch gefeierhaben. Auf dem ganzen, großen Erdenrunde, allüberall, wo es Juden gibt, Juden, die den Glauben noch nicht völlig abgeschüttelt oder noch einiges Interesse sür die Dogmen desselben bewahrt haben, ward das Chanukafest zur Erinnerung an das große Ereignis aus Israels Vergangenheit gefeiert, überall erstrahlten die Lichter der Menora im festlichen Glanze als Gedenkzeichen an die göttlichen Wundertaten jener Zeit und überall herrschte heilige Begeisterung ob der Siege, die unsere Vorfahren in jenen Tagen im Kampfe für Gott und für die Religion so ruhmvoll erfochten. Und doch ist es Etwas, was, nach Ansicht des Schreibers dieser Zeilen, bei diesem Feste, so oft es wiederkehrt, vermißt wird. Etwas, was der Feier ein höheres Relief, einen besonderen Reiz verleihen würde. Es ist das Interesse unserer Jugend, das erwünschte rege Interesse, das wir seitens unserer jugendlichen Kinder bei diesem Feste so häufig vermissen, ihre kindliche Freude und Begeisterung, die trotz ihrer eifrigen Teilnahme am Lichteranzünden nicht recht zum Durchbruch gelangen will. Die freiheitlichen Gesinnungen und Bestrebungen unserer Zeit haben es mit sich gebracht, daß auch der Unterricht in den Schulen einen interkonfessionellen Charakter angenommen hat» daß die vom Staate gegründeten Unterrichtsanstalten allen Kindern des Volkes ohne Unterschied ihres Glaubens zugänglich und nutzbar gemacht wurden. Doch gerade dieser Umstand, daß jüdische Kinder den Unterricht in weltlichen Gegenständen gemeinsam mit andersgläubigen genießen und — was ja doch selbstverständlich ist — mit denselben in der freien Zeit Gedankenaustausch und geselligen Zusammenschluß pflegen, gerade dieser Umstand bringt es mit sich, daß unsere Kinder bei der Erfüllung gewisser religiöser Pflichten allzuwenig Interesse an den Tag legen. Erfahrungsgemäß hat das jugendliche Kind nur für das Lust und Liebe, Reiz und Begeisterung, was ihm seelischen Genuß, seelische Freude bereitet, und so wie im Allgemeinen, ist dies auch bei der Ausübung religiöser Handlungen der Fall. Nur jene religiösen Akte, an die sich freudige Hoffnungen und Erwartungen knüpfen, üben auf das jugendliche Gemüt einen bewältigenden Zauber, eine sichtlich starke Anziehungskraft aus. So oft beispielsweise die christlichen Weihnachten wiederkehren, haben unsere die Schule besuchenden Kinder Gelegenheit, wahrzunehmen, welch freudige Erregung schon Wochen vorher sich ihrer arischen Kollegen und Kolleginnen bemächtigt, eine Erregung, die sich immer wieder in den gegenseitigen Fragen kundgibt: „Was wird uns das Weihuachtsfest für schöne Liebesgaben und Geschenke bringen?" „Welche Aufmerksamkeiten werden uns an diesem Tage seitens unserer Eltern und Verwandten zuteil werden?" Diese und andere ähnliche Fragen bilden in ihrer freien Zeit fast den ganzen Gesprächsstoff, an dem unsere Kinder selbstverständlich nicht teilnehmen und wobei sie nur stille Zuhörer bleiben müssen. Nun fragen wir: Mag da bei diesem Anlasse nicht auch in den Herzen unserer Kinder der fromme Wunsch sich regen: „O, hätten doch auch wir Israeliten ein ähnliches Fest, das uns Liebesgaben und Geschenke brächte, die uns Lust und Freude bereiten würden!" Und weil Kinder, wenn sie Wünsche hegen, alles daran setzen, dieselben erfüllt zu sehen, treten unsere Kleinen nicht selten, in ihrer Unschuld, an ihre Eltern mit der Bitte heran: auch ihnen einen Christbaum aufzustellen, auf daß auch sie dann von den hübschen Sachen erzählen würden, die ihnen Weihnachten gebracht hätte. Und was tun daraufhin so manche Eltern? In ihrer überschwänglichen Liebe für den Sprößling gewähren sie ihm seine Bitte, da sie das Aufstellen eines Christbaumes ohnehin nur als einen altherkömmlichen eingebürgerten Familienbrauch, also als ein ganz harmloses Ding betrachten, und ohne zu überlegen, wird rechtzeitig auf den nächstbesten Weihnachtsmarkt gegangen, dort ein reich-